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 Stay with me

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Newa
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BeitragThema: Stay with me   Sa 20 Dez 2014 - 0:19

Stay with me...

*
Plot/Inhaltsangabe:
Es waren einmal zwei Brüder, die glichen sich, wie ein Ei dem anderen und sie hingen sehr aneinander. Jede freie Minute verbrachten sie zusammen und, im Gegensatz zu manch anderen Geschwisterpaaren, streiteten sie sich niemals. Zusammen verbrachten sie eine glückliche Kindheit, doch als sie schließlich in das Alter kamen, da man sie nicht mehr als "Kinder" hätte beschreiben können, trennten sich ihre Wege und sie sahen sich nicht für eine sehr, sehr lange Zeit...
["Stay with me" spielt in der Gegenwart in Nordamerika]



* Charaktere:

>> Name: Raphael Maynard
>> Alter: 26 Jahre
>> Refferenzbild oder Aussehensbeschreibung: Raphael ist knappe 1,90m groß und von normaler Statur, wobei er die breiten Schultern von seinem Vater hat, die blasse, marmorne Haut eher von seiner Mutter. Er wirkt weder übermäßig muskulös noch zu feingliedrig, seine Haare sind von einem tiefen dunklen Braun, etwas länger und so gut wie niemals ordentlich, seine Augen haben einen eigenartig hellen Grauton, der je nach Lichtverhältnissen auch mal bläulich wirkt, meist jedoch aussieht, wie weiße 60°-Wäsche, wo man eine einzelne schwarze Socke mitgewaschen hat.

>> Name: Dorian Maynard
>> Alter: 26 Jahre
>> Refferenzbild oder Aussehensbeschreibung:
Siehe oben (-> Sie sind eineiige Zwillinge). In welchem Punkt die Zwillinge sich heute allerdings unterscheiden ist der Wahl ihrer Bekleidung: Dorian achtet unheimlich genau darauf, was er anzieht und dass ihm ein gepflegtes, seriöses Auftreten möglich ist. Er ist da ganz der göttliche Vertreter der Maynard GmbH auf Erden.




Ja, ich will


"Mr. Maynard?"
"Ja bitte, Lavern?"
"Sie haben Post, Sir."
"Von wem, wenn ich fragen darf?"
"Einem gewissen 'Raphael Maynard', Mr. ... Maynard.", die Sekretärin Dorian Maynards, die darauf bestand, von ihm beim Vornamen genannt zu werden und die vermutlich nichts dagegen hätte, würde er sie "Schätzchen" nennen, von Zeit zu Zeit anzügliche Bemerkungen machen sowie ihr mindestens einmal am Tag einen kräftigen Klapps auf den Po zu verpassen, und deren leicht verzerrte Stimme aus der kleinen Gegensprechanlage auf dem Schreibtisch des wohl jüngsten Firmenchefs von Maynards Producion GmbH und Co. KG krächzte, klang offenkundig verwirrt und überfordert. Der Grund hierfür lag entweder darin, dass sie sich über den schier unglaublichen Zufall wunderte, dass ein Geschäftsmann mit demselben Namen wie ihr Chef diesem einen Brief schrieb oder aber sie wunderte sich einfach, dass der junge Mann überhaupt Verwandte, ausgenommen seines Onkels hatte, der ihm seine Karriere hier ermöglicht hatte und den sehr viele für seinen Vater hielten. Er würde es nie erfahren, denn einerseits interessierte es ihn kaum, was in dem allzu unbedarften, hübschen Kopf seiner mehr dekorativen als nützlichen Sekretärin vorging und er war zu höflich zu fragen, andererseits war er in Gedanken grade viel mehr bei seinem Bruder.
"Interessant."
Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und wartete darauf, dass Lavern ihm eine Auswahl an Aktionen, wie zum Beispiel 'Darf ich den Brief hereinbringen, Sir?', 'Soll ich das Schreiben bearbeiten, Mr. Maynard?' oder 'Ist es recht, wenn ich Ihnen die Nachricht vorlese, Mensch, der mich überdurchschnittlich gut dafür bezahlt, dass ich seinen Schreibtischkram erledige?', vorschlug, allerdings war Lavern leider nicht die gute alte Becky Smith - seine alte Sekretärin, die ihn hier gnadenlos im Stich gelassen hatte, indem sie es sich herausgenommen hatte, sich mit knapp achtzig Jahren ihre Rente zu gönnen und der Pflege ihrer Urenkel zu widmen.
"Lavern..."
"Ja, Sir?"
Ach Becky, dachte er wehmütig, nicht nur dein Kaffee war besser. Er unterdrückte seine ungeduldige Art, lächelte entspannt und rief es sich ins Gedächtnis, dass Lavern mit ihren 19 Jahren Lebenserfahrung signifikant jünger war als er selbst. Sein Zeigefinger wanderte wieder zu dem Knopf am Telefon.
"Würden Sie mir die Nachricht bitte vorlesen?"
"Aber natürlich, Sir!"
Für geschlagene zwei Minuten war ausnahmslos ständiges Rascheln gefolgt von einem Marathon aus Räusperen zu hören. Die Ruhe selbst griff Dorian zu seinem Kaffee, gespannt darauf, wessen Geburtstag er nun schon wieder vergessen haben würde. Es war wirklich schade, dass Raphael sich so selten bei ihm meldete, er hatte das Gefühl gehabt, nach der Schule hätte er ihn ebenso aus den Augen verloren, wie all seine ehemaligen Klassenkameraden sonst auch, dabei waren sie beide wirklich mehr als nur Geschwister und gute Freunde gewesen...
"Also...", sie räusperte sich erneut, "Wahre Liebe gleicht dem Ring und der Ring hat kein Ende. Hiermit laden wir dich herzlich ein, dabei zu sein, wenn wir uns das Ja-Wort geben. Catherine und Raphael."
In diesem Moment verschluckte sich Dorian derart, dass er das Gefühl hatte, mindestens einen Schluck Kaffee in der Lunge zu haben. Lavern kam kurz darauf vom Vorzimmer in sein Büro gestürzt und fragte in einem überaus hysterischen Ton, ob sie denn einen Krankenwagen rufen solle, während er sich nur mit weit aufgerissenen Augen und leicht vornüber gebeugt die Seele aus dem Leib hustete und würgte.
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 20 Dez 2014 - 13:35

Er war sprachlos. Raphael Maynard war sprachlos.
Verständlich wurde dies erst, angesichts des Anblicks, der sich ihm in diesen Sekunden bot. Irgendetwas in seinem Innern krampfte sich zusammen und fast schon schmerzhaft spürte er, wie die Aufregung sein Herz schneller pumpen ließ, als würde ein verstärkter Blutfluss die Situation auch nur im geringsten verändern können. Es war beschlossene Tatsache, er würde heiraten!
Und nicht nur er, natürlich sie beide - Raphael Maynard und Catherine Paine. Momentan stand sie neben ihm und beobachtete mit wachsender Neugier das Mienenspiel ihres Ehemannes in spe, welcher eifrig darauf bedacht war alsbald ein Lächeln zu zeigen.
Cats Begeisterung hing nahezu spürbar in der Luft und auch wenn er selbst nur mäßig etwas mit großen, dekorierten Sälen anzufangen wusste, so war ihre Freude doch sehr zu seiner Zufriedenheit und solange sie glücklich war, hinderte ihn nichts daran es ebenfalls zu sein. Nun ... beinahe nichts.
Mit einer leichten Wehmut wandte er sich zu ihr um und stahl ihr einen kurzen Kuss von den Lippen. Doch sein Versuch die Enttäuschung in seinen Augen zu überspielen verpatzte er, so dass es nicht mehr zu den geplanten Begeisterungsausbrüchen über die Dekoration kam, sondern seine Freundin ihn mit einem strengen Blick leicht von sich schob. "Raphael?" - "Hm? - "Es liegt nicht daran, dass es dir nicht gefällt, stimmts?"
Raphael nickte leicht und sogleich legte sich eine schmale, feingliedrige Hand auf seine Schulter. Hätte er den Kopf umgewandt, hätte er daran sicherlich den schlichten, weißsilbernen Ring erblicken können, den er ihr damals zur Verlobung geschenkt hatte. Bald schon würde er durch einen goldenen Ersetzt werden oder viel eher dessen Gesellschaft erhalten, da er es Catherine nur schwerlich zutrauen konnte sich von seinem Vorgänger zu trennen. Es hing viel an diesem schlichten Silberstreif, mehr nur als irgendwelche Erinnerungen und Versprechen. Und was dieses betraf, hatten sie beschlossen das Fest ebenso ruhig und schmucklos zu gestalten, wie ihr Auftreten. Es war die Ruhe die seine baldige Frau und ihn verband und so brauchte es nicht viele Worte, bis der ersten Hand  noch eine zweite folgte, sich beide auf seinen Schultern niederließen und sie nun vor direkt vor ihm stand. Er konnte dem forschenden Blick dieser sanftmütigen Augen nun nicht mehr entgehen und mit einem leisen Seufzer erwiederte er ihn, sah den Ausdruck von Sorge in dieser moosgrünen Iris gespiegelt.
"Er hat sich nicht gemeldet", erklärte er und es war schwer dabei nicht wie ein enttäuschtes, kleines Kind zu klingen.
Auch sie seufzte. "Dann ruf ihn an. Er ist schließlich dein Bruder und ... wer weiß, vielleicht ... vielleicht ist etwas bei der Post schief gegangen oder der Brief ist in den Papieren untergegangen. Es ist sicherlich nicht seine Absicht gewesen dich hängen zu lassen", und vielleicht hatte sie damit sogar Recht. Doch etwas in ihm sträubte sich bei dem Gedanken sich bei Dorian zu melden, sich aus gerade diesem Anlass bei ihm zu melden. Etwas, das er Catherine nicht wirklich würde erklären können und somit war er gerade am Ende seiner Ausflüchte angelangt. Das wussten sie offenbar beide, denn nach einigen Sekunden des Schweigens schob sich die zierliche Frau vor ihm eine ihrer rötlich schimmernden Haarsträhnen hinters Ohr und stellte sich auf die Zehenspitzen um Raphael vorsichtig umarmen zu können. Sie spürte, dass etwas in ihm vorging, auch wenn sie keinen blassen Schimmer hatte was genau es war - und hätte sie es gewusst, wäre es mit Sicherheit nie zu dieser mitfühlenden Geste gekommen. Nein, sie kannte Dorian noch nicht. Doch wollte sie ihn unbedingt kennen lernen, den Mann der das Aussehen und die Kindheit mit ihrem baldigen Gatten teilte und so war auch die nun scheinbar verschollene Einladung auch nur auf ihren Wunsch hin abgeschickt worden - Raphael hätte sich niemals von selbst dazu durchgerungen. Sein Bruder war nicht der Typ für Hochzeiten und ganz sicher auch nicht der Typ für seine Hochzeit und doch hatte er sich davon überzeugen lassen, dass es schön wäre ihn als Trauzeugen zu wissen. Ja, Raphael hatte sich tatsächlich begonnen zu freuen, nachdem er sich mit dem Gedanken angefreundet hatte. Und dann ... blieb die Antwort aus.
"Raphael", flüsterte es nahe seinem Ohr, "...mach dir nicht zu viele Gedanken. Ruf ihn an. Wenn dir etwas daran liegt, ihn morgen hier zu sehen, dann ruf ihn an. Er ist schließlich sein Bruder."
Der Satz, den sie immer sagte. Er ist schließlich dein Bruder. Und genau das, war das Problem. Catherine traf damit unwissentlich genau ins Schwarze, auf diesen winzigen, verbotenen, finsteren Punkt.
"Okay", gab er schließlich versöhnlich zurück, legte seine Arme um ihren schlanken Körper und verflocht seine Finger hinter ihrem Rücken, knapp ein Stück unter der Taille um sie Näher an sich ziehen zu können. Ihr zarter Duft nach frisch gewaschener Kleidung, holzigem Parfum, Orangen und etwas, das ganz einfach nur sie selbst war stieg ihm in die Nase und verleitete Raphael zu dem Wunsch seinen Kopf einfach nur in ihrer Halsbeuge zu vergraben bis alles vorbei war.
Stattdessen küsste er sie und als sie sich schließlich wieder von einander lösten, zupfte doch tatsächlich ein kleines Grinsen an seinen Mundwinkeln. Kopfschüttelnd ließ er los und warf einen raschen Seitenblick in Richtung der ringsrum gedeckten Tische.
"So, jetzt kannst du mir ja auch erklären, was an diesen Gedecken schlicht und einfach sein soll."
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Newa
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 28 Dez 2014 - 13:52

Wie er es drehte und wendete und ob er nun den dunkelgrauen oder schwarzen Anzug, die schmale, schwarze Krawatte oder die breitere in mattem Silber wählte, er sah immernoch eher nach Beerdigung oder Meeting als nach Hochzeit aus. Davon abgesehen war ihm schlecht. Nicht einfach nur schlecht... eigenlich war ihm speiübel, er fühlte sich, wie damals in der Schule vor einer wichtigen Prüfung,für die er glaubte, nicht ausreichend gelernt zu haben. Schließlich entschied er sich für dunkelgrau, ging ins Bad und spritzte sich Wasser ins Gesicht, ehe er sein Spiegelbild betrachtete. Wie lange hatten sie sich schon nicht mehr gesehen? Mein Gott, das mussten Jahre her sein. Am Telefon hatte er sich so anders angehört - natürlich hätte er seine Stimme immernoch wieder erkannt, aber irgendwie hatte sie viel von dem Vertrauten von damals verloren, wo man beinahe sofort in den Zustand der puren Zufriedenheit geschlittert war, sobald man die gewöhnte Frequenz hörte. Hatte er selbst sich auch verändert seit damals?
Energisch schüttelte er den Kopf und unterbrach sich dabei, sich selbst im Spiegel in die Augen zu starren. Was hatten sie denn auch gedacht? Dass sie ewig zusammen bleiben würden? Die unzertrennlichen Maynard-Jungen? Er brachte mit fahrigen Bewegungen seine Haare in Ordnung, zog sich um, trug einen dezenten Duft auf und betrachtete sich vor dem Verlassen seiner Villa ein letztes Mal im Spiegel, wobei er, wie um eine Ausrede finden zu wollen, sich nochmal anzusehen, seinen Kragen zurechtrückte.
Sie hatten sich entschieden. Er für die verdammte Firma und sein Bruder für das Leben, das er momentan nun mal führte. Mit... seiner Frau und vermutlich bekamen sie bald Kinder. Gott, was, wenn schon eins unterwegs war und sie unter anderem deswegen...
"Was geht es mich an...", murmelte er leise und riss die Tür auf, die eine kurze Zeit später wieder knallend ins Schloss fiel, ehe er sich in seinen tiefschwarzen Sportwagen gleiten ließ und sich auf den Weg machte. Er hatte einen weiten Weg. Und als Trauzeuge sollte er es unter allen Umständen vermeiden, zu spät zu kommen. Sein Daumen trommelte unentwegt auf dem, mit weichem Leder ummantelten, Lenkrad herum und er kaute sich unbewusst auf der Unterlippe herum, während er sich insgeheim wünschte, die Fahrt würde ewig dauern. Natürlich tat sie das nicht und mit jedem Kilometer, dem er der Kapelle näher kam, in der die Trauung stattfinden sollte, wurde sein Mund trockener und die Hände schwitziger.
Raphael heiratete, was sagt man dazu? In seinem Kopf wiederholten sich die Worte, die sie bei diesem schrecklichen Telefongespräch ausgetauscht hatten. Er hatte sich dazu durchgerungen, ihn anzurufen. Zwei Tage vor der Hochzeit. Natürlich war diese Catherine drangegangen. Er hatte zwar damit gerechnet, doch irgendwie war es wie ein kleiner Stich ins Herz gewesen, dass er erst an seiner Schwägerin in spe vorbei musste, ehe er mit seinem Bruder reden konnte. Das Gespräch war schrecklich gewesen, wie Gespräche nun mal zu sein pflegen, wenn man sich besser persönlich von Angesicht zu Angesicht sehen sollte. Es war ihm bewusst geworden, wie sehr er ihn vermisste, wie sehr er ihn brauchte und auch, wenn es vor diesem Telefonat noch lange nicht sicher gewesen war, ob er nun ab- oder zusagte, es war ihm ein Bedürfnis, Raphael wieder zu sehen. Er war sein kleiner, zwei Minuten jüngerer Bruder und er würde auf seine verdammte Hochzeit gehen, Teufel noch mal. Wo war das Problem? Wütend hupte er, als sein Vordermann eine Nuage zu lange vor einer auf grün gesprungenen Ampel verharrte und überholte ihn daraufhin riskant. Machten wir uns nichts vor: Er hasste Catherine jetzt schon und war eifersüchtig auf sie wie die Hölle, am liebsten würde er sie Hochzeit crashen und Einspruch einlegen, wenn es hieß, man solle nun sprechen oder für immer schweigen, aber Raphael zuliebe würde er nunmal durch die Hölle gehen - und vermutlich fing diese an genau diesem Tag für ihn an.
Zuerst fuhr er zu der Adresse, wo man laut Beschreibung zuerst die Geschenke lassen konnte und wo die Hochzeitsfeier wohl stattfinden würde. Es war noch relativ früh am Morgen und er spekulierte darauf, den Bräutigam noch hier vorzufinden und vor der Zeremony nochmal alles Gute wünschen zu können. Und tatsächlich war es Raphael, der nach dem Klingeln aufmachte und nun, wenige Zentimeter vor ihm, stand und ihn für einen Moment einfach nur anstarrte und, wie er selbst auch, kein Wort heraus brachte. Er sah gut aus... hatte sich genau in die richtige Richtun entwickelt und sein Anzug stand ihm ausgezeichnet. Es war wie früher, ein paar Korrekturgriffe bei den beiden und gleiche Kleidung, schon hätte sich einer für den anderen ausgeben können, ohne dass man es an ihrem Erscheinungsbild erkennen konnte. Er schluckte kurz, dann passierte ein kurzes, zaghaftes Lächeln seine Miene, ehe er wieder zu ihm auf sah.
"Ich... freu mich ganz schrecklich, dich wiederzusehen."
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 3 Jan 2015 - 12:24

Verunsichert blickte der junge Mann in den Spiegel und zupfte ein wenig hilflos am Kragen seines Anzugs  herum, der ihn beängstigend förmlich wirken ließ. Es passte gar nicht zu seiner sonstigen Gelassenheit in einem solchen Moment derartig aufgeregt zu sein, doch nun wo ihm die Krawatte beinahe die Luft abschnürte, er Cat nur in wenigen Stunden vor dem Altar gegenüber stehen würde und es noch immer kein Lebenszeichen von Dorian gegeben hatte, außer einem kurzen Telefonat zwecks seiner Zusage fiel es ihm schwer ruhig zu bleiben. Es fühlte sich in vieler Hinsicht so an, als würde er unter der emotionalen Last, die in diesen Augenblicken auf seiner Brust ruhte ersticken, obwohl sein Atem vollkommen normal und gleichmäßig ging. Er sah gut aus, auch wenn dieser Kragen irgendwie asymetrisch saß, versuchte er sich einzureden und wusste gleichzeitig, dass es stimmte - kein Mensch würde während der Zeremonie auf seinen Anzug achten, schon gar nicht wenn ihr Blick erst einmal auf Catherine gefallen war. Noch hatte Raphael ihr Hochzeitskleid nicht gesehen, was das betraf wollten sie es ganz traditionell halten, weshalb sie es vorzog die Anprobe in ihr ehemaliges Elternhaus zu verlegen - und nun war er hier, zu Hause und vollkommen sich selbst überlassen.
Mit einem leisen Seufzen ließ er schließlich vom Spiegel ab, fuhr sich ein letztes Mal durch die dunklen Haare und betrachtete zufrieden, wie zumindest die ihm gewohnt unordentlich ein Stück in die Stirn fielen. Dann verließ er das Zimmer und tappte langsam die Treppe hinunter, immer schön langsam und bedacht, in dem Versuch zu verdrängen, dass dies hier der wohl wichtigste Tag seines Lebens werden konnte. Und natürlich der Schönste! So sollte es zumindest sein.
In der Küche nahm er sich die Zeit für ein Glas Orangensaft und nahm ganz bewusst wahr wie Schluck um Schluck der erfrischend kühlen Flüssigkeit seine Kehle hinunter rann. Es war, als wäre er von der restlichen Welt abgekapselt worden und immer und immer, immer wieder ging ihm der Gedanke durch den Kopf, dass alles was ihn an diese Hochzeit band im Grunde nur ein simpler Zeitplan war. Ebenso gut könnte er den Anzug auch wieder ausziehen, ein Buch lesen, spazieren gehen, ein wenig mit dem Auto herum kurven, Musik hören, anstatt los zu fahren und sich um die letzten Vorbereitungen in den gemieteten Räumlichkeiten einer großen, modernisierten alten Scheune zu treffen. Doch Raphael tat nichts der gleichen, stattdessen kippte er den letzten Rest des Getränks in sich hinein, griff nach einem kleinen Täschchen, das einige letzte vergessene Platzkärtchen enthielt und verließ das Haus.
Viel zu früh stieg er nun schon in seinen Wagen und kurvte in Richtung der Festtagshalle, ließ sich vom morgentlich gestressten Straßenverkehr leiten, ohne sich über all die Sonntagsfahrer aufzuregen und nahm schließlich galant die Auffahrt zu dem schlichten, von außen sehr romantisch heruntegekommenem Gebäude. Zunächst war Cat skeptisch gewesen die Gäste tatsächlich hierher laden zu wollen, doch im Internet hatte sie sich diverse Bilder der Location angesehen und war schließlich ganz Feuer und Flamme gewesen. Vor allem die Gruppenbilder anderer Hochzeiten, vorne an der Stufe unter dem mit Efeu überwachsenem, früheren Eingangstor hatten es ihr angetan.
Der aufgeregte junge Mann parkte den Wagen, betrat durch eine kleine Hintertür das Gebäude und wurde im Innern abermals erschlagen von der pompösen Dekoration, die jedoch in schlichten Farben gehalten war und angesichts der hohen Decke nur zu einem geschätzten Achtel des Rauminhalts zusammen schrumpfte. Leise vor sich hin summend machte er sich geschäftig an die Arbeit die vereinzelten Namensschilder an die richtigen Plätze zu verteilen, ehe er die bereits gestern abgegebenen Geschenke frühzeitig angereister Gäste auf den dafür vorgesehenen Tisch stellte und ein letztes Mal die Anzahl der Sektflaschen für den später stattfindenden Empfang kontrollierte. Es waren genügend, der Saal sah prächtig aus und er selbst hatte nun nichts mehr zu tun, außer auf weitere Geschenklieferungen zu warten. Seine Aufregung feierte ihr unerfreuliches Comeback und sein Magen zog sich immer wieder nervös zusammen, weshalb er bereits bereute selbst den Orangensaft überhaupt angerührt zu haben. Raphaels größte Bemühungen galten nun dem Versuch diesen auch weiterhin bei sich zu behalten, während er unruhig immer wieder durch den Raum, die angrenzende Küche, das für müde Kinder vorgesehene Schlafzimmer und die kleine Vorhalle tigerte. Gerade als er wieder in letzerer angekommen war schreckte ihn das Geräusch der Klingel aus seinen kreisenden Gedanken. Erschrocken zuckte er zusammen und trat dann mit einer bemüht entspannten Miene an die Tür um diese zu öffnen. Eigentlich hatten ihm einige nette Worte der Begrüßung bereits auf der Zunge gelegen, doch als er plötzlich, unerwartet und nach so langer Zeit seinem Bruder gegenüber stand und sich geradezu fühlte, als würde er schon wieder vor demselben Spiegel stehen wie am Morgen brachte er keinen Ton mehr über die Lippen. Dorian war tatsächlich gekommen, er stand wirklich in Fleisch und Blut vor ihm, nah genug als dass er sich durch eine einfache Berührung von seiner Anwesenheit hätte überzeugen können - und er sah noch immer unheimlich gut aus. Natürlich wirkte es irgendwie selbstverliebt das von einem Zwilling zu denken, der sich noch immer kaum von einem selbst unterschied, doch noch immer war es als würde Raphael diesen durch vollkommen andere Augen sehen. Unfassbar wie wenig sich verändert hatte ... und doch wie viel, wenn man bedachte was heute für ein Tag werden würde.
Verwirrt schüttelte er den Kopf, breitete kurz die Arme etwas aus, als wollte er sein Gegenüber umarmen und ließ sie dann wieder sinken, so dass die Geste ein wenig wie ein unbeholfenes Schulterzucken wirkte. Verlegen warf er einen Blick auf den Boden, nicht sicher welche Begrüßung überhaupt in einem solchen Moment angemessen wäre, ehe die ruhige Stimme Dorians seine hecktischen Gedankengänge unterbrach und ihm die Unruhe nahm, die erneut begonnen hatte sich zwischen ihnen auszubreiten.
"Oh Gott, ich mich auch!", rutschte es ihm vollkommen ungeplant heraus, während sein Blick musternd über das Gesicht seines Bruders wanderte, wie immer auf der Suche nach dem kleinsten Unterschied und vollkommen fasziniert von der Tatsache, dass es keinen gab. Und doch sah dieser so viel besser, selbstsicherer und erwachsener aus, als er selbst. "Danke, dass du ... dass du gekommen bist", brachte Raphael dann noch heraus und meinte damit so viel mehr, als bei all den anderen Gästen. Auch sie würden ähnliche Worte zu hören bekommen, doch bei niemand waren sie von größerer Bedeutung - und niemand hatte ihn mehr an dem heute folgenden Schritt seines Lebens zweifeln lassen. Trotzdem konnte Raphael nicht anders als ebenfalls zu lächeln, kurz und mit einem bitteren Nachgeschmack. Dann trat er einen Schritt zurück und machte die Eingangstür frei, deutete mit einem Nicken des Kopfes nach Innen, obwohl eigentlich besprochen worden war, lediglich die Presents anzunehmen und noch niemanden einen Blick auf die zauberhaften Tischgedeckte werfen zu lassen.
"Komm doch rein."
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Newa
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 5 Jan 2015 - 22:22

Es war so unsagbar unnatürlich, wie er einfach nur kurz nickte und ihm dann hinterher lief, während er murmelte, dass es doch als sein Bruder selbstverständlich sei, zu seiner Hochzeit zu kommen und ihm einen Trauzeugen zu liefern. Die Halle, die sie sich für die Hochzeit gemietet hatten, hatte einen prachtvollen Festsaal mit einer sehr hohen Decke, der hingebungsvoll geschmückt worden war. Dorian sah mit einem Blick, dass es nicht sein Bruder gewesen war, der mit dem Hochzeitsplaner geredet hatte. Das war nicht sein Stil, das war ihrer, das sah man doch sofort. Tja, seine liebe Cate wusste anscheinend nicht, dass er Grün hasste, weil ihr gemeinsames Kinderzimmer so gestrichen war und er die Farbe irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Gott - war ihr denn nicht aufgefallen, dass er nie, wirklich nie, etwas grünes trug und nichtmal einen grünen Kugelschreiber besaß? Wieso also - in Dreiteufelsnamen - waren die Tischdecken in Mintgrün gehalten? Weil es gut zu dem Goldrand der Teller passte? Wie oberflächlich konnte man sein? Er erinnerte sich noch ganz genau, wie sie beide damals das Versteckspiel gespielt hatten, ihr letztes, in dem er hatte suchen müssen und Raphael irgendwann freiwillig hinter der Tür hervorgerannt gekommen war um ihm zu erzählen, er wollte etwas spielen, bei dem er ihn ansehen konnte, statt der schrecklichen, kahlen, grünen Wand. Das hatte er ihr wohl nie erzählt. Der junge Mann fragte sich, wie viel wohl noch nicht, denn er konnte sich unmöglich vorstellen, dass sein Zwillingsbruder all ihre gemeinsamen Geheimnisse mit seiner Verlobten geteilt hatte, die heute fälschlicherweise seine Ehefrau werden durfte. Es klang wie eine schlechte Komödie, er wollte laut "Cut" rufen, eine Pause einläuten, Catherine nach Hause zu ihrer lesbischen, festen Lebenspartnerschaft schicken und den Rest des Tages in Ruhe mit seinem Bruder verbringen! Leider war das nicht möglich. Er selbst war nie wirklich zu seiner Beziehung in der Lage gewesen. Er schob es auf die Firma und die fehlenden freien Minuten, von Zeit zu Zeit fing er schlechte Affären an, die er nach zwei Tagen beendete und wenn er ganz ehrlich war, wusste er nicht mal so ganz genau, ob er nun straight, schwul oder bi war, weil ihm im Prinzip und erfahrungsgemäß einfach niemand wirklich gut gefiel. Tja. Da gab es zwar eine Ausnahme, aber das war wohl spätestens heute Vergangenheit. Gott...
"Es ist wirklich wunderschön hier. Mum und Dad kommen sicher auch, nicht wahr? Oh.... hier ist übrigens euer Geschenk, wo lass ich es liegen?"
Er zauberte einen, in blassviolettes Papier eingeschlagenes und mit einer mattsilbrigweißen Schleife verziertes Couvert aus der Innenseite seines Jackets und sah sich suchend nach dem Präsentetisch um. Es handelte sich um die Besitzerurkunde und Grundbuchpapiere einer Skihütte in Graubünden, ganz in der Nähe von St. Moritz. Er wusste, wie sehr sein Bruder immer die Skiferien genossen hatte, ebenso erinnerte er sich nur zu genau an seinen Europafaible und seine Vorliebe für die echte schweizer Schokolade. Catherine hatte vermutlich auch davon keine Ahnung, vermutete, dass sein Lieblingsessen Roter Bohnensalat war und er schrecklich gern Schiff fuhr, weil er nie seekrank wurde.
"Ich hoffe sehr, es gefällt dir ... euch! Ich... hoffe, es gefällt euch beiden."
Er würde so unglücklich werden. So schrecklich unglücklich mit dieser Frau, die ihn mit nichts verdienen könnte, was ein normaler Mensch fähig wäre zu tun. Raphael war ein so unsagbar besonderer Mensch. Vermutlich würde er auch schon in den ersten paar Monaten merken, dass sie nicht die Richtige war, wäre aber viel zu rücksichtsvoll und einfühlend, um ihr das klar zu machen. Er war dabei, einen schrecklichen Fehler zu begehen, sah er das denn nicht? Nein. Offenbar nicht. Wenn er ihn ansah, dann konnte er sehen, wie glücklich er in letzter Zeit gewesen sein musste. Der Schmerz, den er in diesem Moment in seiner Brust spürte, war realer als hätte er einen Schluck Wasser eingeatmet, er konnte regelrecht spüren, wie sich beim Anblick seines geliebten Bruders, der in sein eigenes Verderben heiratete, sämtliche Herzkammern gemeinsam zusammenzogen und ein Gefühl des Erstickens simulierten.
"Raphael...", der Blick, den er seinem Bruder in diesem Augenblick zuwarf, hatte etwas Flehendes an sich und dauerte geschätzte Stunden an, ehe er ihn wieder zu Boden senkte, schließlich auf ihn zu ging und an seiner Krawatte herumzupfte, "... du kannst es immer noch nicht. Dein Kragen sieht aus, wie... früher. Wo soll ich eigentlich unterschreiben, die Heiratsurkunde müsstet ihr ja schon haben. Überhaupt, wann war die Standesamtliche?"
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 9 Jan 2015 - 22:37

Sehr unschlüssig trappte er in den großen Raum hinein und kam sich mit einem Mal sehr klein und verloren vor. Der Saal war riesenhaft und nun, da sein Bruder hinter ihm eintrat begann Raphael die Dekoration durch dessen Augen zu sehen, stellte sich vor wie es wohl auf Dorian wirken mochte und so schrecklich er sich auch freute ihn wieder bei sich zu wissen, so unsagbar unpassend war doch der Ort und der Zeitpunkt und generell die gesamte Planung. Sie hätten mehr Zeit gebraucht, nun hier vor Aufregung vor dem noch Kommenden zitternd und in der Versuchung sich irgendwie für einfach ... alles rechtfertigen und entschuldigen zu wollen fühlte er sich wahnsinnig überfordert mit der Situation.
Die Tischgesteckte wirkten noch pompöser, der Anlass noch ein Stück offizieller, die Beleuchtung viel zu grell und ihr plötzliches Wiedersehen wie ein Schlag ins Gesicht.
Dabei hatte sich sein Zwilling ebenso gut gemacht wie er selbst und nun, da er jenes vertraute Gesicht endlich wiedersah, war es als wäre all die Zeit merkwürdig bedeutungslos geworden. Bilder schossen vor seinem inneren Auge vorbei - sie beide jung, sie beide lachend, sie beide draußen im Garten ein Eis essen, sie beide am Esstisch sich gegenüber sitzend, sie beide bei ihrer Abschlussfeier, sie beide hier, auf seiner Hochzeit. Dabei war er doch viel zu jung zum Heiraten! Gerade eben waren sie doch noch beide siebzehn gewesen und keine Sekunde davor noch Kinder. Die Zeit war verflogen, ohne dass sie gemerkt hatten, wie sehr sie einander vermissten und nun blieb ihm nach alldem nicht einmal der Mut auszusprechen, was ihm durch den Kopf ging.
Zerstreut deutete er lediglich auf den schmalen, hölzernen Beistelltisch in der Nähe der Tür, welchen eine ebenso frisch grüne Pflanzenpracht zierte wie all die anderen Tische. "Am Besten du ... du legst es einfach dahin. Du hättest dir wirklich nicht die Mühe zu machen brauchen, es reicht schon, dass du ... dass du ...", doch seine Worte verloren sich irgendwo im nichts, während er sich umwandte und beobachtete wie die schmale Hand seines Bruders den, mit einer Schleife verzierten Umschlag, auf dem Tisch plazierte. Er wirkte einsam und verloren - wie ein Sinnbild für Raphaels Gefühle in eben jenem Moment. Ganz von selbst nickte er mit dem Kopf, ließ ihn einem Wackeldackel gleich auf und ab wippen, während seine Stimme ganz mechanisch klang als er auf die Frage antwortete.
"Ja. Mum und Dad werden auch da sein. Sie meinten, sie freuen sich riesig ... dich auch mal wieder zu sehen. Mum war schon ganz aufgeregt", berichtete er und bei dem Gedanken an das Entzücken ihrer Eltern, zu hören, dass auch Dorian sich bereit erklärt hatte sich zu dem Fest einzufinden zauberte ihm ein kleines Lächeln auf die Lippen. "Sie waren wirklich sehr froh!", bestätigte er noch einmal nachdrücklich, wie um die voran gegangenen, emotionslosen Worte noch einmal mit etwas mehr Elan zu unterstreichen und langsam, so schien es, kehrte das Leben in den eben noch so marionettenhaft umher staksenden jungen Mann zurück. Irgendwie schaffte es selbst die Zuversicht sich wieder einen Weg ans Licht zu bahnen und wuchs nun in Form eines kleinen, zarten Pflänzchens in ihm heran, nur um gleich darauf von dem riesigen Erdbeben seines Herzrasens in Erschütterung zu geraten, als sein Bruder ihn beim Namen nannte. Es war weniger die Tatsache, dass er ihn aussprach, sondern viel mehr wie er es tat. So groß die Distanz zwischen ihnen auch gewesen sein mochte, zerbrochen war das Band zwischen den beiden wohl dennoch nicht, denn es war als könnte er die Traurigkeit aus dem Blick dieser hellgrauen Augen über seine eigene Haut rieseln fühlen, einem unangenehmen Regenschauer gleich.
"..."
Irgendetwas wollte er sagen, die passenden, tröstlichen Worte finden und ihn zum lächeln bringen können. Doch da war nichts, nur das schmerzliche Gefühl, jemanden zu vermissen der ihm doch so nahe war - viel zu nah! Mit einem Mal direkt vor ihm. Raphael holte Luft, er saugte sie regelrecht in seine Lungen und versuchte sich zu entsinnen, dass heute im Grunde der glücklichste Tag seines Lebens werden würde. Nur fehlte jenes Gefühl. Er probierte an Cat zu denken, sah sie vor sich, die Frau die er liebte - ihre Grübchen wenn sie lachte, ihr zerzaustes Haar am Morgen, ihr schalkhaftes Grinsen und die Verständnis in ihrem Blick. Doch würde sie ihn auch jetzt verstehen? In jenen Momenten die er sich krampfhaft versteifte, während er die Dorians Hände auf der Höhe seines Halses herum nesteln spürte.
Oh Gott. Die Worte und Fragen schossen wie verirrte Flipperkugeln durch sein Hirn. Standesamtlich - was wusste er schon? Irgendwelche Unterschriften - er konnte sich nicht entsinnen. Da war nur Dorian. Und er. Und dieses unglaublich falsche Kribbeln in der Magengegend.
Er wünschte, es einfach ausspeien zu können und zum Tagesplan zurück zu kehren, die anderen Gäste zu empfangen und sich dann später, irgendwann, vielleicht auch gar nicht noch einmal mit seinem Bruder unterhalten zu können. In aller Ruhe, wie es sicherlich angemessener gewesen wäre, als diese unangenehme Stimmung unvorbereiteter Feierlichkeiten, die darauf warteten zelebriert zu werden - es hatte beinahe schon etwas peinliches an sich, aus dem Augenwinkel noch immer die Dekoration erkennen zu können. Zu sehen, wie viel Mühe sich seine baldige Ehefrau gegeben hatte, während er vor sich diesen fabelhaften Mann hatte und mit einem erschütterten Ausdruck in den Augen, den beinahe identischen Blick erwiederte. Wie ein Spiegelbild - und doch so viel lebendiger.
Unerwartet unkontrolliert gab er es schließlich auf, merkte wie in ihm irgendeine Sicherung lichterloh durchbrannte und sein Innerstes geradezu flambierte, als er den wahrlich viel zu kurzen Abstand zwischen ihren Gesichtern überwandt und seinen Bruder küsste. Seine Hände zitterten, als er dessen Finger nach und nach von seinem Kragen löste und sie krampfhaft Halt suchend mit seinen verschränkte.
Es waren nur Sekunden, seine Zunge hatte nicht einmal gewagt seinen Mund zu verlassen und als er sich löste war es, als schrecke er geradezu vor ihm zurück - "Oh Gott", war das einzige, dass er noch zu wispern vermochte, während er Doiran erstarrt, wie das Kaninchen vor der Schlange, ansah. In seinen Gesichtszügen spiegelte sich blankes Entsetzen und Fingernägel krallten sich fest, in die noch immer mit seiner verschränkten Hand des anderen. "Oh Gott."
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 10 Jan 2015 - 2:03

Ja... er konnte es sich gut vorstellen, dass seine Eltern ihn sehen wollten und sich freuten, ihn mal wieder zu Gesicht zu bekommen, denn er hatte den Kontakt in den letzten Jahren ziemlich schleifen lassen. Allerdings bei Weitem nicht grundlos. Er war früher nie karrierefixiert gewesen, der Einzige, der ihn interessiert hatte, war sein Bruder gewesen. Irgendwann war das allerdings nicht mehr "entzückend und niedlich" gewesen, denn normalerweise gehen sechzehnjährige Geschwister nicht mehr genauso liebevoll miteinander um, wie sechsjährige. Und natürlich hatten Raphael und Dorian Maynard nicht gewusst, wie falsch es war, dass sie einander mehr Zuneigung schenkten, als irgendjemandem sonst, allerdings begann es irgendwann, aufzufallen. Und ab dieser Zeit beschloss man, erzieherische Maßnahmen zu ergreifen, um sie zu trennen. Ein Schmerz wie ein Stromschlag durchzuckte ihn, als er sich erinnerte und er ließ den Umschlag reflexartig los, wonach er mit einem leisen Rascheln auf den Tisch herunter glitt. Hastig griff er erneut danach und stellte ihn ordentlich auf. Nicht mittig und direkt vor all die anderen Geschenke – Gott nein – so war er nicht. Das liebevoll eingepackte, flache Geschenk fand sich an der Seite, angelehnt an ein anderes, größeres und quadratisches wieder, ehe er sich wieder zu seinem Bruder umdrehte.
"Ja, kann ich mir vorstellen.", bestätigte er rasch, dass er seinem Bruder zugehört hatte, um daraufhin anzufangen, seine unmögliche Krawatte zu richten. Den Krawattenknoten hatte ihnen ihr Vater beigebracht als sie beide acht waren, er konnte sich noch genau erinnern. Sie waren zu einer Feierlichkeit eingeladen gewesen, den Geburtstag einer Cousine ihrer Mutter und sie hatten beide neue Sonntagsanzüge bekommen. Ihr Vater war ganz versessen darauf gewesen, ihnen nun unbedingt den Knoten beibringen zu müssen, allerdings hatten die beiden Jungen ihn für ziemlich kompliziert befunden. Dorian hatte das Prinzip relativ schnell heraus, aber Raphael scheiterte immer wieder beim selben Schritt und ihr Vater verlor irgendwann die Geduld, gab auf und verlies das Zimmer. Das war das erste Mal, dass Dorian Raphael die Krawatte gebunden hatte. War heute vielleicht das letzte Mal..?
In diesem Moment hätte er am liebsten geschrien. Warum musste sie so viel trennen und warum musste er ihm so entsetzlich nahe sein, wenn er ihn nicht mehr haben durfte? Wieso musste man einen verdurstenden an eine neun Meter lange Kette fesseln und zehn Meter entfernt ein Glas Wasser platzieren? Er verstand das System dieser Grausamkeit nicht. Sie gehörten doch zusammen, ohne einander waren sie doch nicht sie selbst, wieso tat man so etwas? Er konnte spüren, wie der Brustkorb seines Bruders sich ausdehnte, als seine Handgelenke beinahe auf seiner Brust auflagen und es fühlte sich alles so surreal an, als wäre er in einem absurden Traum.
Mit einem Mal allerdings fühlte er sich auf einer nochmal anderen Ebene eigenartig, er war soeben fertig geworden und schaute zu Raphaels Augen auf, deren Ausdruck einen Impuls durch ihn schickte, sodass er das Folgende eigentlich hätte erwarten können...
Der Kuss dauerte gar nicht lange, doch sein Herzschlag beschleunigte sich innerhalb dieser paar Momente so drastisch, dass ihm buchstäblich schwindlig wurde.
Der kann dir jetzt auch nicht mehr helfen, dachte er sich trocken auf die gestotterten Worte seines totenblassen Bruders, der sich in dem Moment von ihm gelöst hatte, während er ihn einfach nur mit schockgeweiteten Augen anstarrte, fest überzeugt davon, dass er grade in seinem Bett lag und am Vortag mal wieder bei einem Glas Wein zu viel das alte Familienalbum durchgeschaut haben musste. Allerdings wurde diese Option unwahrscheinlicher, je länger er in das entsetzte Gesicht seines Bruders sah und je tiefer sich dessen Fingernägel in seinen Handrücken gruben, was mittlerweile ein regelrechtes Brennen verursachte. Nein. Er träumte nicht, das geschah grade wirklich. Sein Bruder hatte ihn am Tag seiner eigenen Hochzeit geküsst. Und er verabscheute sich so sehr dafür, was sein Herz dabei empfand, denn er wusste eines: Raphael war weiß Gott niemand, der sehr großzügig dabei war, Liebe zu verschenken. Natürlich war er immer freundlich und nett zu allen, er hatte ein unsagbar großes Herz und war der gütigste Mann, den er kannte, aber er heiratete Catherine heute und das hieß einiges. Nämlich, dass diese Frau ihn sich irgendwie verdient hatte und – und es widerstrebte ihm, dies allein zu denken – dass er sie verdammt nochmal lieben musste. Und grade hatte er das Gefühl, er sei der Grund, warum das alles in die Brüche gehen musste und das, obwohl er es nicht mal gewesen war, der den anderen geküsst hatte! Er fühlte sich schuldig für etwas, das sein Bruder getan hatte. Und es war nicht das erste Mal.
"Raphael..."
Behutsam entschränkte Dorian seine Finger aus denen seines Bruders, dessen Nägel in der Tat tiefe Furchen hinterließen, die teils sogar leicht bluteten. Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er tief und regelmäßig atmete und spürte gleichzeitig, wie sich sein Bruder ebenso ein wenig beruhigte. Ganz ruhig standen sie sich gegenüber und sahen dabei aus, wie zwei perfekte Kopien voneinander in unterschiedlich farbenen Anzügen. Wie zwei identische Schaufensterpuppen in einem Laden, die spiegelverkehrt aufgestellt worden waren. Sanft strichen seine Fingerspitzen über die bleichen Wangen seines Bruders und ein eigenartiger Ausdruck passierte sein Gesicht, während sie plötzlich mit einem Mal beide vollkommen beruhigt zu sein schienen.
So gerne wäre er ein guter großer Bruder gewesen... dann hätte er ihn erstmal eine Armlänge von sich weg geschoben, ihn ernst angesehen, vielleicht sogar eine geklatscht und dann erklärt, wieso er das eben nicht hätte tun dürfen. Weil sie nämlich Brüder waren und auf diese Weise nicht füreinander empfinden durften – Weil er heute heiratete, verdammt! Aber er konnte nichts derartiges tun, er war viel zu schwach, ja. Schwach war genau das richtige Wort, denn er hatte nicht die Kraft, die nötig war, um sich von ihm zu trennen, um ihn gehen zu lassen mit dieser eigenartigen Frau, die mit ihnen so gar nichts gemein zu haben schien aber dafür eine gesellschaftstaugliche Partnerschaft darstellte – Gott, wie krank war diese Welt?
"Scheiße, Raphael, ich kann das hier einfach nicht!", schleuderte er ihm verzweifelt entgegen und jeder Außenstehende wäre über das Folgende irritiert gewesen, denn mit 'das hier' meinte er keinesfalls den Kuss, er meinte damit, es sein zu lassen, ihn nicht auf diese Weise zu lieben, die über Geschwisterliebe hinaus ging.
Und so zog er das Gesicht seines Bruders nochmals zu sich heran und küsste ihn erneut, dieses Mal ohne auch nur die geringste Spur von Passivität auf den Lippen, während seine Hände zunächst in die Haare seines Bruders wanderten, ehe sie sich wieder an seinen Schultern wiederfanden und ihn bestimmt zur nächsten Wand schoben, an der angekommen er sich erstmal hingebungsvoll der seitlichen Mulde am Hals direkt unter der Stelle widmete, wo der Unterkiefer seinen Winkel hatte und die Aorta immer schneller und schneller und schneller das Blut hindurchpumpte, während er spürte, wie rasant sich die Atmung des anderen verschnellerte.
Im Nachhinein hätte er nicht mehr sagen können, wie sie in dieses merkwürdige Zimmer mit der Couch gekommen waren, aber wenig später bereits fuhr er mit der Zungenspitze provokant langsam einen ziemlich harten Schwanz entlang, bis er dessen Spitze erreichte, was seienm Bruder ein leises, unterdrücktes Seufzen entlockte, dass ihn beinahe Wahnsinnig machte, einfach weil sie, trotz unterschiedlicher Konsumangewohnheiten was Zigaretten anging, exakt dieselbe Stimme hatten. Ebenso schmeckte er auch noch genauso wie damals. Er nahm seine Hand von der Innenseite des Oberschenkels seines Bruders und tastete nach dessen Hand, bis er diese fand, in seine nahm und zu seinem Hinterkopf führte, wo diese sich recht bald darauf in die dunklen Haare krallte, während er das Tempo nur so quälend langsam erhöhe, bis er zufrieden feststellte, dass der andere die Initiative ergriff und seinen Kopf ungeduldig auf sich nieder drückte.
Nach einiger Zeit hörte man schließlich ein abschließendes, tiefes Stöhnen und einen dumpfen Aufprall, vermutlich von Raphaels Kopf auf die Lehne hinter ihm, woraufhin die Hand aus seinen Haaren verschwand, seinen Kopf anhoben, die Spur einer weißlichen Flüssigkeit aus seinem Mundwinkel wischten und ihn küsste, noch ehe er alles restlos geschluckt hatte. Seine Augen schlossen sich und er ließ sich in den Kuss sinken, für einen kurzen Moment restlos glücklich, so wie er es lange nicht mehr gewesen war.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 10 Jan 2015 - 23:41

Für einige wenige, traumhaft vernebelte Sekunden war der unwesentlich Jüngere der beiden tatsächlich so etwas wie glücklich. Eine Illusion von Zufriedenheit ließ ihn für einige Sekunden vergessen, was gerade tatsächlich geschehen war und versetzte ihn an einen friedlicheren Ort, irgendwo in seiner Jugend zurück, da seine Moralvorstellung diese Art von Zweisamkeit mit seinem Bruder noch lautlos gebilligt hatte. Und auch jetzt fiel es ihm schwer auch nur ansatzweise zu begreifen, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmen sollte - es fühlte sich viel zu gut, zu rein und richtig an seinen Bruder wieder bei sich zu wissen. Sein Geruch erweckte eine Nostalgie der ganz anderen Art bei ihm, die sanfte Zunge die um Einlass bat ließ er nur allzu gerne gewähren und irgendwo am weit ab am Rande seiner Gedanken registrierte er, dass das letzte bisschen von ihm selbst in seinem Mund ebenso schmeckte wie Dorian. Gott, Dorian!
Er hatte ihn mehr als nur vermisst. Raphael war beinahe daran eingegangen seinen Bruder nicht mehr bei sich zu haben, während dieser irgendwo weit ab Karriere machte. Lange hatte es gebraucht, ehe auch er seinen Weg gefunden hatte und erst nachdem Catherine in sein Leben getreten war, war er in der Lage gewesen irgendwie weiter zu machen. Davor hatte es nur Chaos und Unbeständigkeit gegeben, sein Studium hatte er schleifen lassen, ebenso später seinen Job und nur durch sie war er wieder zu ein wenig Beständigkeit zurück gekehrt. Sie war der beste Mensch den er kannte - liebevoll, lebensfreudig, optimistisch und stets bemüht, das Beste für sie beide darauß zu machen. Was waren sein Zwilling und er nur für Menschen, im Vergleich zu ihr?
Und doch übertraf sein Bruder, vollkommen ohne Bemühen und rein intuitiv, alles was Cat bisher für ihn gewesen war oder getan hatte.
Nein, das hier sollte nicht seine Hochzeit sein. Stattdessen sollte sie doch irgendjemand anders übernehmen, sollten doch ihr unaustehlicher Cousin Henry und eine seiner Wasserstoffblondienen die Möglichkeit nutzen, sollte doch irgendwer den Tag überspringen, die Zeit anhalten, irgendetwas tun, damit dieses Disaster sich nicht zu dem entwickelte was es werden würde. Es sollte nicht seine Hochzeit sein. Lieber irgendein Familienfest, so wie früher, da sie sich bei der goldenen Hochzeit ihrer Großeltern davon gestohlen hatten, hinüber in einen lauschigen kleinen Nebenraum des eigens für diesen Anlass gemieteten Apartements. So hätte auch dieses Wiedersehen stattfinden sollen.
Im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher herbei als das Vergessen. Das Wissen, wer er war, wo er sich befand und was für ein Tag heute war einfach hinfort scheuchen zu können und für einige weitere, bittersüße Minuten hier bei dem einzigen Mann zu liegen den er mehr als alles auf der Welt liebte. Es hatte noch nicht einmal unbedingt etwas romantisches an sich, sondern viel mehr etwas unwahrscheinlich natürliches. Wahrscheinlicher allerdings war es, dass gerade diese kostbare Zeit mehr als beschränkt war und draußen vermutlich bereits die nächsten Gäste umherirrten, verwirrt warum keiner sie in Empfang nahm. Doch sie würden die Geschenke wohl auch vor der Türe lassen können oder einfach - und trotz der Vereinbarung mit Catherine - herein kommen und dann von selbst den passenden Presentiertisch finden. Irgendwie war Raphael sich der Tatsache bewusst, dass er sich hätte um derlei Dinge mehr Sorgen machen sollen, doch gerade gab es keinen Gedanken der ihm ferner lag.
Und so ließ er die Gäste schlussweg Gäste sein und presste sich ein klein wenig enger an Dorian, während seine Hände gänzlich unbedacht begannen dessen förmlich gebügeltes Hemd in Unordnung zu bringen und sich langsam dessen glatte, muskulösen Rücken hinauf arbeiteten. Er wollte mehr. War es denn möglich, tatsächlich zwei Personen zu lieben?
Niemand konnte leugnen, dass ihn mit seinem Bruder wahnsinnig viel verband - so viel, dass es schon wieder falsch war. Jedoch ging es nicht in seinen Kopf hinein. Schon von jeher war diese Beziehung das einzige gewesen, dass jemals eine Lücke in sein sonst recht ausgesprägtes Moralempfinden gerissen hätte. Er verabscheute Lügen, er war nicht egoistisch, er gab sich alle Mühe ein guter Mensch zu sein und dennoch war das einzige, wonach er sich verzehrte so offenkundig ... falsch.
Dorian hatte recht gehabt, er konnte das hier einfach nicht. Sie beiden konnten einfach nicht. Nicht länger ohneinander. Dass sie gerade dadurch wieder zusammen gefunden hatten, dass Raphael sich einer anderen Person würde versprechen müssen, war mehr als paradox und widerlich grausam. Das Schicksal ließ sie anscheinend gerne leiden und desto länger sie beinander lagen, umso mehr verwischten die Grenzen zu dem was richtig und falsch war. Es gab nur noch sie beide und den schier überwältigenden Drang, vergessen zu können.
"Ich hab Angst", murmelte er irgendwann mit dumpfer Stimme in die Stille hinein, das Gesicht mittlerweile in der Halsbeuge seines Bruders vergraben. Er fürchtete sich vor dem was er sehen würde, was ihm wieder klar werden würde wen er aufblickte und vor dem was kommen würde, davor ganz besonders. Es waren dieselben Worte die er in früheren Tagen auch in die vollkommene Dunkelheit gewispert hatte, wenn der Schlaf nicht kommen wollte und sich die kalten Kreaturen der Nacht in seine Gedanken schlichen. Dann hatten sie sich immer in den Arm genommen, eine Decke geteilt und hatten abgewartet, bis erst der eine und dann der andere, meist im Abstand weniger Sekunden in angenehme Träume hinüber gedriftet war. Nicht verwunderlich, wenn auch diese dieselben gewesen wären.
Und mit aller Macht seiner Verzweiflung küsste er ihn wieder. Nachdem er sich zunächst zärtlich vom Hals, am Kiefer vorbei hinauf zu den Lippen den Weg gebahnt hatte, nahm er diese nun mit einer umso stärkeren Heftigkeit in Besitzt. Als könnte es irgendetwas ändern. Es war wie Ertrinken, Raphael fühlte sich als würden seine Lungen langsam zusammen klappen und doch war es nicht die Luft, welche er brauchte, sondern dieser Mann, der so unendlich unerreichbar geworden war.
Sie sollten gehen, es beenden bevor es noch schlimmer werden würde, das wusste er. Die Worte allerdings fanden keinen Weg hinaus, wurden von einer unüberwindlichen Barriere zurück gehalten und verschwanden schließlich wieder aus seinem Bewusstsein. Stattdessen tat er nun das genaue Gegenteil, spürte wie sein Körper unabhängig von seinem Kopf agierte und er sich geistig immer weiter vom Geschehen entfernte.
Nichts war zu hören, außer ihrer beider Atem. "Bitte bleib", sprach er die ebenso altbekannten Worte in das Nichts hinein, aber im Grunde war er es der gehen würde. Der gehen musste.
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 11 Jan 2015 - 17:21

Kurze Zeit später lag auch er auf dem Rücken auf der Couch, seitlich unter Raphael, der sich beinahe schon verzweifelt an ihn schmiegte.
"Ja, ich auch.", antwortete er leise und fuhr langsam und beruhigend mit den Fingern durch die wunderbar-weichen Haare seines Bruders. Und es stimmte, er hatte Angst. Mehr, als je zuvor. In den jetzten sieben Jahren war es kein einziges Mal vorgekommen, dass er so derartig keine Ahnung gehabt hätte, was er nun tun sollte. Jetzt hatte er keinen blassen Schimmer. Er liebte seinen Bruder, der heute den Weg zum Altar antreten würde – die Aussicht auf seine eigene Zukunft machte ihm eine Scheißangst. Allerdings bereute er es nicht, hergekommen zu sein. Er hatte nunmal davon erfahren, was sollte man tun. Davon abgesehen war es wunderschön, ihn wiederzusehen, in den Armen halten zu können und zu küssen... Gott... was hatte diese Frau mit ihm angestellt, dass er sich an sie binden wollte? Hatte sie ihm Drogen verabreicht? Das musste es sein, sie spritzte ihm sicherlich regelmäßig, wenn sie ihn sah, unbemerkt irgendein starkes Zeug, dass ihn gnadenlos abhängig gemacht hatte – folglich hatte er sich schlecht gefühlt, wenn sie nicht da war und das vermutlich krankhafterweise auf ihre zweifelhafte Persönlichkeit zurückgeführt... Tzz... grüne Tischdecken. Er zog seinen Bruder etwas näher an sich, als dieser ihn mit einem erneuten Kuss aus den Gedanken riss und verdrehte genüsslich die Augen, ehe er sie schloss und den himmlischen Kuss erwiderte.
Ja, er hatte auch Angst. Allerdings auf eine andere Weise als damals, wo sie unerlaubterweise noch viel zu jung einen Horrorfilm geschaut hatten, als ihre Eltern auf einem Geschäftsessen gewesen waren und nach dem er eine solche Panik gehabt hatte, allein davor, auch nur die Augen zu schließen. Nein, das hier war anders. Damals hatte er Raphael nichts davon gesagt, dass er Angst hatte und das, obwohl er sich beinahe schon Bewegungen im Schatten hinter der Tür einbildete und merklich zitterte, als sie im Bett waren. Er hatte seinen Bruder in den Arm genommen und merkwürdigerweise entschleunigten sich ihre Herzschläge mit einer solch präzisen Synchronität, dass beide kurze Zeit später entspannt in Dorians unterem Teil des Hochbettes schliefen, als ihre Eltern heim kamen. Jetzt fühlte es sich anders an. So, als ob man in einem dunklen, kalten Raum wäre, in dem man nichts sieht und auf einmal wird einem der Boden weggerissen und man fällt. Ja. Das war eine relativ treffende Beschreibung. Catherine hatte ihm und seinem Bruder den Boden weggerissen und nun sah sie ihnen beim Fallen zu. Was für eine kranke Person...
"Wo soll ich denn hingehen, Dummerchen, hm?"
Ein letztes Mal nahm er das Gesicht seines Bruders in seine Hände, um ihn ein bewunderndendes Lächeln zu schenken, ehe er ihn noch einmal küsste und sich dann mit ihm zusammen aufrichtete. Seine Frisur war total aus der Ordnung geraten – und wie immer sah er herrlich aus. Raphael war schon immer einer dieser Sorte Jungen gewesen, die morgens aus der Dusche kamen, ihre Haare lufttrocknen ließen, noch einmal gekonnt durchwuschelten und besser aussahen, als jeder andere, ohne auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Der Typ war Dorian Maynard noch nie gewesen, auch wenn seine Haare es von der Struktur her absolut zugelassen hätten, da es ja quasi dieselben wie die seines Bruders waren. Auch hatte bei ihm die Schuluniform nie falsch gesessen, nie ein Hemd an Stellen herausgeschaut, wo es nicht hätte herausschauen sollen, seine Schultasche war stets tadellos gewesen, seine Bücher und Hefte ordentlich geführt... das Einzige, woran man die beiden je hatte unterscheiden können, war ihr Lebensstil. Manchmal hatten sie sich einen Spaß daraus gemacht, für einige Tage im Jahr die Rollen zu tauschen, da hatte Dorian sich tatsächlich für seinen Bruder ausgegeben und der andere Zwilling für ihn – es hatte nie jemand bemerkt. Sie waren so unzertrennlich gewesen. Bis zu ihrem neunzehnten Geburtstag...
"Ich liebe dich mehr, als du es dir vorstellen könntest.", murmelte er schlicht, als er die Frisur seines Bruders und daraufhin seine eigene richtete, ehe sie aufstanden. Lächelnd stellte er fest, dass Raphael noch immer einen verräterischen roten Schimmer auf den Wangen hatte – ein Umstand, den man vor Gästen problemlos darauf zurückführen können würde, dass sie sich so lange nicht gesehen und darüber gefreut hatten, sich wiederzusehen. Hmmm... im Nachhinein bereute er es wirklich, ihm keinen Knutschfleck verpasst zu haben... dann hätte man Catherine gleich mal klar machen können, dass sie ihren Mann mit ihrem Schwager zu teilen hatte, solange er Raphael noch nicht so weit hatte, dass er die Ehe wieder annulierte. Was sollte das Ganze überhaupt? Er konnte doch unmöglich einen anderen Menschen so sehr lieben, dass er ihn gleich heiratete. Dummer, naiver und impulsiver kleiner Bruder...
Erneut richtete er dem hübschen Bräutigam seinen Kragen und die, erneut verrutschte, Krawatte.
"Du siehst im Anzug so gut aus... was weiß deine Zukünftige eigentlich alles über... mich?"
Zuerst hatte er "uns" sagen wollen, allerdings konnte er sich vorstellen, dass Catherine einiges mehr über Raphael als über ihn selbst wissen würde – immerhin heiratete sie ihn. Allerdings interessierte es ihn wirklich brennend, inwiefern sie über die... spezielle Beziehung im Bilde war. Er hatte seit den Terminstunden beim Psychologen damals, zu dem ihre Eltern die beiden (natürlich getrennt) im Alter von 15 geschickt hatten, mit niemandem mehr darüber geredet, dass er zu keiner wirklichen Beziehung imstande war, wenn sie nicht mit seinem Bruder war, mit niemandem wirklich darüber geredet. Und er verstand immer noch nicht, wieso es so falsch war. Aber er verstand sehr wohl, dass er nicht darüber reden, ihn eigentlich nicht küssen oder berühren und am allerbesten erst gar nicht auf irgendeine untypische Weise an Raphael denken durfte. Der Unterschied zu seinem Bruder lag nun anscheinend, wie sich herausgestellt hatte, darin, dass er auch an keinen anderen denken konnte. Nicht wirklich, zumindest.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 13 Jan 2015 - 0:38

Dummerchen. Ein kurzes, trauriges Lächeln verweilte für einige Momente auf seinen Lippen, ehe es langsam wieder schwand und sie beide ratlos zurück ließ. Früher hatten sie sich auch niemals vorstellen können voneinander getrennt zu sein, waren jedoch gezwungen worden es auf die harte Tour zu lernen - und jetzt boten sich ihnen alle Möglichkeiten wieder zueinander zu finden, doch seine eigenen stupiden Entscheidungen würden dazu führen, dass von nun an auf immer das Gegenteil der Fall sein würde. Er konnte nicht mit Dorian zusammen sein, ganz egal wie man die Situation auch drehte oder die Lage zu ändern versuchte, sie würden doch immer dieselben bleiben - und nichts machte ihn zugleich so unendlich dankbar, wie auch schrecklich unglücklich. Jeder war seines Glückes Schmied, doch für sie hielt jenes Schicksal nur den schmalen, trostlosen Pfad zweier Brüder bereit die nie die Möglichkeit haben würden zueinander zu finden.
Verdammt, sollte nicht gerade ab heute erst recht Schluss sein mit Dingen wie diesen? Und doch fühlte es sich keinesfalls nach einem Ende, sondern viel mehr nach einem gigantischen, verwirrenden Anfang an, als sein Bruder aussprach was sie beide im Grunde bereits wussten.
Ich weiß, formte er daraufhin lediglich lautlos mit den Lippen, da seine Kehle sich anfühlte als hätte die festliche Krawatte sie glattweg abgeschnürt und jeglichen Ton unterbunden, der den versuch wagen wollte ihm unbedachterweise zu entfleuchen. Doch was sollte er schon sagen?
Es gab nichts, was die Dinge auch nur ansatzweise besser machte und so ließ er sich von der zauberhaft konzentrierten Miene Dorians fesseln, während dieser erneut begann seinen Kragen mit aller Sorgfalt zu richten. Er sah so fantastisch aus, dass Raphael für einige Sekunden wahrhaft begonnen hätte an seiner Existenz zu zweifeln, hätte er nicht noch immer die Hände gespürt die irgendwo an einem Anzugstoff herum zupften, während er vollkommen reglos da saß und es wie eine Marionette mit sich geschehen ließ.
Als eine solche würde er heute auch vor den Altar treten, denn wie viel Wahrheit steckte letzlich hinter all den Liebesbekenntnissen Catherine gegenüber, wenn sein Bruder noch immer derartige Gefühle in ihm wecken konnte? Er selbst fühlte sich ganz elend daran zu denken.
Dann wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als ein abrupter Themenwechsel dem Moment mit einem Mal seine Schwermut nahm und er aus seinem Trancezustand erwachte. Das kleine Kompliment kommentierte er mit einem eindeutigen Stirnrunzeln, was soviel heißen sollte, dass all die Jahre seinen eher negativen Bezug zu seriöser Bekleidung nach wie vor nicht verändert hatten. Doch das war wohl offensichtlich, bedachte man wie unpassend es war nach der voran gegangenen Vorfällen nun wieder in seinen Hochzeitsanzug zu schlüpfen und den braven Ehemann in spe zu geben.
Fahrig stand er auf und tappte etwas im Zimmer umher, während er gedanklich probierte auf die Frage seines Bruders eine richtige Antwort zu finden, was sich als schwerer als erwartet erwies.
"Catherine...", und er schenkte dem Namen eigens die nötige Betonung um auch seinen Zwilling darauf aufmerksam zu machen, Cat nicht nur auf den Status seiner zukünftigen - und für diesen vermutlich unerwünschten - Ehefrau zu reduzieren,"...weiß, wie sehr ich dich vermisst habe. Damals, als du gegangen bist, hat sie mir irgendwo zwischen Wahnsinn und Verzweiflung geholfen wieder ich selbst zu werden - sie hat mich besser verstanden, als irgendjemand sonst, ausgenommen dir. Sie weiß ... vieles. Nichts wirklich persönliches, was hätte ich ihr schließlich erzählen können?", Raphael zuckte leicht mit den Schultern - eine hilflose Geste der Ahnungs- und Auswegslosigkeit, verdeutlich dadurch, dass sein Blick nur noch schüchtern in Richtung des Sofas hinüber glitt und er seinem Bruder so gut es ging versuchte auszuweichen. Er sah in dieser Ehe einen Fehler - und sie war zweifelsohne einer, doch nicht auf Grund der Frau die er zu lieben glaubte und es auch auf irgendeine, kaum beschreibliche Weise tat. Nur nicht auf die, welche sie verdient hätte.
"Ich konnte ... ich konnte ihr nicht einfach sagen, was da zwischen uns war. Sie weiß ein wenig aus unserer Kindheit, weiß dass wir uns praktisch als Klone hätten ausgeben können, was wir alles geteilt haben und sie käme sicherlich nie auf den Gedanken sich zwischen uns drängen zu wollen. Denk das nicht, ja? Sie ist wundervoll, mehr als das. Wer denkst du hat mich dazu gebracht dich letzen Endes zu informieren, nachdem ich in zu großer Sorge war du könntest mir nicht antworten wollen? - ... Oh Gott!", die ohnehin bereits unordentlichen Haare raufend ließ er sich zurück auf die Couch sinken, zunächst mit beinahe schon züchtigem Abstand zu dem, ihm spiegelgleichen, jungen Mann, den er jedoch schnell verringerte. "Ich liebe sie Dorian, ich liebe sie... aber das ist verdammt nochmal nicht genug!", entgegnete er wütend und verzweifelt zugleich. Seine Stimme klang als wollte sie jeden Moment unter Schluchtzern brechen, die er allerdings tapfer zurück hielt und es stattdessen vorzog den Boden mit zornigen Blicken zu durchbohren, als wäre er der einzig persönlich Verantwortliche für sein Schicksal. Dabei gab es noch nicht einmal einen Schuldigen, sie alle waren nur Opfer des schrecklichsten und zugleich absolut zauberhaftesten Gefühls auf Erden geworden, was nun für ihrer aller Verderben sorgen würde. Raphael konnte sich nicht vorstellen, wie sich überhaupt noch etwas zum Guten würde wenden können, nicht nach dem heutigen Tag.
Doch mit aller Zuversicht die er aufbringen konnte griff er nach der Hand seines Bruders, verschränkte seine Finger fest, jedoch nicht derartig brutal wie vor einer kleinen Weile noch mit dessen und erhob sich schließlich wieder. "Komm, wir müssen ... draußen warten sicherlich schon Gäste." Doch seine Gedanken sprachen eine deutlich andere Sprache, denn auch wenn er den unwesentlich Älteren nun langsam in Richtung der Tür drängte, war sich sein Kopf selbst des kleinsten bisschen Körperkontaktes zwischen ihnen bewusst, was seinen Widerwillen nun tatsächlich wieder an die Öffentlichkeit zu treten deutlich vergrößerte. Wie gerne wäre er nur mit ihm in diesem Zimmer geblieben, für ein oder zwei ... vielleicht auch drei oder mehr Stunden, am liebsten für immer, während die Realität sich dort auf der anderen Seite der Wand auch ohne sie würde abspielen können. Eine klein wenig gemeinsame Ewigkeit oder überhaupt Zukunft, das wünschte er sich herbei - in der Beziehung, war er schon immer mehr der Träumer gewesen, während sein Bruder weitaus besser mit der Realität hatte umgehen können. Bedauerlicherweise kannte auch er keinen Weg, welcher diese irgendwie verändert hätte und so traten sie gemeinsam wieder hinaus in den großen, geschmückten Saal und wurden von einem blendenden Mintgrün strahlend begrüßt. Keine andere Farbe war ihm je so traurig erschienen.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 24 Jan 2015 - 20:05

Wie er ihren Namen aussprach. Ganz so, wie ein kleines, verliebtes, blindes und dummes Mädchen ihren ersten Freund vor ihren Eltern verteidigte ehe er sie erst schwängerte und dann mit der besten Freundin betrog - mit dieser wundervollen Naivität, die sein Bruder nun mal innehatte und die ihn in Dorians Augen zum perfekten Wesen machte. Natürlich hatte er ihr nicht alles erzählt, wieso sollte sie ihn dann auch noch heiraten wollen? Die meisten Menschen hielten nicht viel von Geschwister, die einander derart anziehend fanden, wie die beiden Brüder. Dazu kam noch, dass sie Zwillinge waren. Bestimmt schrieb grade irgendwo ein Professor ein schlaues Buch über die psychische Anomalie, sich in seinen Zwilling zu verlieben und in wie fern man dies mit krankhaftem Narzissmus vergleichen konnte. Damit hatte es so wenig zu tun. Sicherlich, für Dorian war Raphael der attraktivste Mann der Welt, aber das hatte nichts mit Eitelkeit zu tun. Er wusste es nicht genau, aber sicherlich würde er ihn auch lieben, wenn sie zweieiige Zwillinge gewesen wären. Eigentlich sah er dazu beinahe überhaupt keine Alternative. Umso mehr schmerzte es ihn in unzumutbarer Weise, dass sie sich anscheinend so weit voneinander entfernt hatten, dass er zunächst einmal heiratete und ihn des Weiteren seine künftige Ehefrau dazu auffordern musste, ihn zu informieren. Als er ihm dann sagte, er liebe sie und diesen Satz dann auch noch einmal mit sehr viel mehr Nachdruck wiederholte, hatte Dorian das Gefühl, in seinem Leben noch keinen Menschen mehr gehasst zu haben, als diese Schlange, die irgendetwas schreckliches mit seinem Bruder angestellt haben musste und innerlich verkrampfte sich jeder nur denkbare Muskel. Selbst wenn ihm klar war, dass es für ihn nicht genug sein würde, selbst wenn er erkannte, dass eine Beziehung zu Catherine nie das sein würde, was sie hatten - 
Seine Gedanken rissen jäh ab, als Raphael seine Finger mit seinen verschränkte und er auf die Beine gezogen wurde. Es war ihm nicht recht, jetzt vor Leute zu treten, die später mit Tränen der Freude in den Augen in dieser gottverlassenen Kirche sitzen würden um der Zeremonie seiner persönlichen kleinen seelischen Hinrichtung beizuwohnen und kurz hatte er das Gefühl, da unter keinen Umständen mitgehen zu können, dann allerdings rief er sich wieder in Erinnerung, dass es Raphael war, dem zuliebe er diesen Prozess über sich ergehen lassen würde und wie ein geduldiges, einsichtiges Kind, dass begriff, dass ein medizinischer Eingriff zu seinem eigenen Besten war, ließ er sich zur Tür führen. Denn genauso wenig, wie er es ertragen können würde, Raphael mit seiner Zukünftigen vermählt zu sehen, würde er damit zurecht kommen, wie Raphael sich fühlen würde, wenn er nun wieder verschwand, weil er einfach zu schwach war. Er war doch der Ältere. Sein großer Bruder. Er musste ihn doch beschützen, so wie damals...
Sie waren grade in die siebte Klasse gekommen und man hatte sie zu erzieherischen Maßnahmen in unterschiedliche Klassen gesteckt. Raphael hatte damals ein Referat über einen Künstler des Expressionismus halten müssen und mal wieder erst viel zu spät angefangen zu lernen. Am Abend vor dem Referat war die Schreibtischlampe noch sehr lange an geblieben, Dorian hatte noch ein wenig gelesen, als plötzlich ein leises Schluchzen vom Arbeitsbereich des - noch immer gemeinsamen - Kinderzimmers an sein Ohr dran und er erschrocken aufsah. "Ich werde das nie im Leben schaffen bis morgen. Es ist einfach zu viel!", hatte er, den Kopf in der Umarmung auf die Schulter seines Bruder gelegt, geschluchzt. Er hatte ihm übers Haar gestrichen und gesagt, dass schon alles gut werden würde, er solle sich jetzt schlafen legen, daraufhin war er bei ihm liegen geblieben, bis er eingeschlafen war und dann nochmal an den Laptop gegangen, um ein wenig zu recherchieren und eine Powerpointpräsentation zu konstruieren. Raphael war am nächsten Morgen schrecklich verzweifelt und aufgekratzt gewesen. Dorian hatte ihn gebeten, kurz vor der Präsentation nochmal eine SMS zu schicken und nochmal raus auf den Flur zu kommen, damit er ihm viel Glück wünschen konnte. Er kam dieser Bitte nach und als sie sich im Flur umarmten und Dorian das verzweifelt aufgeregt schnell schlagende Herz an seinem spüren konnte, flüsterte er ihm ins Ohr, er sollte an seiner statt in den Französischunterricht gehen und um Himmels Willen bloß den Mund halten. Durchgehend. Am Ende dieses Schultages hatte Dorian eigenartigerweise einen Eintrag im Klassenbuch wegen Tagträumerei und Stören des Unterrichts und Raphael das beste Referat seiner Klasse gehalten.
Gerne würde er seinem kleinen Bruder auch diese schwere Entscheidung erleichtern oder ganz abnehmen. Aber er konnte keine Frau heiraten. Generell heiraten. Das ging viel weiter als 'zu weit'.
Draußen warteten Gäste? - Lass sie warten!, hätte er am liebsten geschrien. Diese Leute verstanden seinen Bruder kein Stück weit, wenn sie wirklich in der Erwartung kamen, dass Raphael freiwillig heiratete! Er hatte ihn vermisst - ja, das hatte er auch! Es hatte sich angefühlt, als hätte ihm jemand der Herz herausgerupft, es fein-säuberlich in zwei exakt gleichgroße Hälften geteilt und ihm die eine in die Hand geworfen, während die andere in einem flachen Grab verscharrt worden war, wo sie noch zwei-drei Mal schlug, ehe sie für immer verstummte. Aber in dem Moment standen sie schon im Saal, in dem Moment entdeckte er ihre Eltern und ihre Eltern die beiden und ab diesem Augenblick war ohnehin alles schon zu spät. Nun waren sie involviert. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sein Bruder würde heiraten.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 13 Feb 2015 - 19:10

Ihre Eltern freuten sich natürlich wahnsinnig die beiden wieder zu sehen. Weshalb auch nicht? Sie hatten schließlich eine unheimlich lange Zeit kaum etwas von ihren beiden Söhnen gehört und das heutige Widersehen anlässlich einer Hochzeit war, den glücklich zufriedenen Gesichtsausdrücken zu urteilen, ganz nach ihrem Geschmack. Einer der Zwillinge machte Karriere, während der andere sich nun dazu entschlossen hatte mit einer kleinen Familie sesshaft zu werden – in den Augen der meisten Eltern konnte es wohl auch nicht besser laufen. Vor allem, nachdem diese schon so schwere Zeiten mit ihren Kindern hatten überstehen müssen, nun hatten sie schließlich keinen Grund mehr sich zu sorgen ob einer der beiden sich nicht vielleicht doch, in ihren Augen abnormal entwickelt hatte. Wenn sie nur wüssten.
Und obwohl alles sich gerade anfühlte wie eine große, schreckliche Lüge, deren Scheitern sich über ihnen bereits wie eine bedrohlich schwarze Gewitterwolke zusammen braute, konnte Raphael ein Lächeln nicht mehr zurückhalten, als seine Mutter ihn zunächst in eine liebevolle Umarmung zog und anschließend an seinen Vater weiter reichte, der ihm voller Stolz eine Hand auf die Schulter legte, in seinen blauen Augen die Anerkennung, nach welcher er stets gestrebt hatte. Meist war es der fleißige, zielstrebigere Dorian gewesen, der das Lob für seine Arbeit geerntet hatte, während er selbst der meist stillere der beiden gewesen war und jahrelang Mutters kleines Nesthäkchen. Jetzt tropften kleine Tränen über das vertraute Gesichts seiner Mama, welche sie eilends mit einem zartrosa Taschentuch zu trocknen versuchte. „Wir haben euch so schrecklich vermisst. Und oh Raphael wir sind so unheimlich froh! Wir freuen uns ja so für euch und … komm her Dorian, lasst euch beide ansehen. Ihr solltet euch schämen, viel zu selten kommt ihr eure alten Eltern besuchen“, sie gab beiden nacheinander einen sehr zärtlichen Klaps, da sie es zwischen all ihrem Glück kaum fertig brachte, ernstlich streng oder gar böse zu klingen. „Aber lasst das nicht das Thema sein. Nun sind wir alle wieder beisammen … und Fotos! Fotos müssen noch gemacht werden! Ihr gleich euch noch immer wie ein Ei dem anderen“, schnatterte sie unkontrolliert weiter, wobei ihre Worte von heftiger Gestik begleitet wurden, was sie ein wenig wie ein entlaufenes, anschließend aufgescheuchtes Hühnchen im bordeauxfarbenen Abendkleid wirken ließ. Betrachtete man ihr Gesicht jedoch, sah man unter den wenigen Spuren die das Alter hinterlassen hatte deutlich eine Ähnlichkeit zu den beiden jungen Männern, die nun mit gemischten Gefühlen vor ihr standen. Das hier war schließlich seine Familie und Raphael wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Bedachte man allerdings den ständig unterdrückten Drang jeden Moment hilfesuchend erneut nach der Hand seines Bruders zu greifen, die wieder so frischen Erinnerungen an den Geschmack seiner Lippen und der Hoffnung, der Tag möge ein ganz unerwartetes Ende finden, welches die Hochzeitsfeier nicht länger berücksichtigte, war es schwer zu behaupten, dass tatsächlich alles so in Ordnung war wie es schien. Doch selbst ihr Vater, mit seinem forschenden Blick, konnte nicht erkennen was unter der Fassade schlummerte und ausnahmsweise schaffte es Raphael sogar ihm aufrichtig in die Augen zu sehen, ohne weg zu knicken, wobei sein Gewissen ihm unterbrochen in den Ohren zu dröhnen schien. Es war falsch. Es war so falsch. Doch es fühlte sich so verdammt richtig an.
Und letzten Endes konzentrierte er sich auf die reinen Äußerlichkeiten, um sich von dem Gefühl einmal komplett, mitsamt all seinen verwirrenden Emotionen gescannt zu werden, zu entkommen. Denn wenn er ihn so ansah, blickte er zwar in ein deutlich kantigeres Gesicht, erkannte jedoch die gleiche schmale Nase wieder und hoffte stets, dass sie auch eines Tages würden ebenso in Würde altern können wie er. Die leicht ergrauten Haare, von einem einst ebenso dunklem Ton wie die ihren ließen ihn unheimlich gut aussehen, wie ein etwas in die Jahre gekommener, aber immer noch wahnsinnig bewundernswerter Superheld, während ihre Mutter daneben stets den Eindruck einer nach wie vor würdevollen Filmdiva machte. Ihm fiel nicht einmal mehr auf, dass er über sie beide wieder in einer Art Kollektiv nachdachte, wie es bereits früher einmal gewesen war, bevor sich ihre Wege getrennt hatten. Wir, hieß jetzt nicht mehr Cat und er, sondern Dorian und Raphael. Wie schon so oft und offenbar immer wieder. Es war weder nur das Blut das sie verband, noch so etwas wie reine Liebe – sondern eine Kombination, die das Band so viel stärker werden ließ als alle anderen.
Doch während sein Bruder in seinen Augen wie angegossen in dieses Hollywoodreife Bild passte, fühlte er selbst sich schrecklich fehl am Platz. Wunderbare Menschen taten wunderbare Dinge, kamen groß raus, machten Karriere oder wurden vielleicht sogar berühmt, er selbst hingegen brachte nichts anderes zusammen, als am heutigen Tag vielleicht den größten Fehler seines Lebens zu begehen. Und er war bereits viel zu tief in seine Gedanken versunken, ehe er überhaupt merkte, dass er mehr als nur heftig gegen seinen Vorsatz verstieß, die Hochzeit nicht als eine Fehlentscheidung zu betrachten. Schließlich liebte er Catherine – doch dann wiederrum kam ihm nur eine einzige Person in den Sinn, die er in guten wie in schlechten Zeiten bei sich wissen wollte. So war es schließlich schon immer gewesen, nur ohne das offizielle Versprechen.
„Ach herrjeh, wie die Zeit vergeht“, zwitscherte dann wieder eine Frauenstimme und unterbrach unsanft seine Überlegungen, „…musst du nicht langsam los Raphael? Ich bin mir sicher du bist schon ganz aufgeregt, sieh nur wie rot deine Wangen sind. Oh, wie du dich freust – meinst du nicht auch, er sieht ganz verliebt aus Dorian? Nun aber Marsch, nehmt euch noch ein wenig Zeit und sorg dafür, dass seine Frisur wieder in Ordnung kommt, ja? Wir kümmern uns um die restlichen Geschenke, keine Sorge – oh, da ist ja schon Mrs. Marchall! Ich wusste gar nicht, dass es die noch gibt…“, und mit diesen, sowie einigen anderen immer unverständlicher geschnatterten Worten stob sie, ihren Mann im Gepäck, davon um eine feine Dame zu begrüßen, in der Raphael lächelnd ihre ehemalige Nachbarin erkannte. Mrs. Marchall hatte stets so herrliche Kekse gebacken – die meisten fanden diese viel zu hart, doch er hatte sie geliebt! Ebenso wie ihren Pfefferminztee und ihre langatmigen Erzählungen über die Vergangenheit und wie grausig das Leben früher doch war. Gerne hätte auch er sie begrüßt, doch Raphael war alles andere als scharf darauf ihrer Mutter nun auch noch hinterher zu zuckeln und spürte deutlich, dass auch Dorian nicht wirklich begeistert von der Aussicht wäre mit weiteren Gästen konfrontiert zu werden. „Komm mit“, murmelte er deswegen bloß, schnappte nach dem Jackettärmel seines Bruders und zog ihn ein wenig in Richtung des Hintereingangs, wo er ihn losließ und sich zugleich schwer zurück halten musste um ihm nicht erneut um den Hals zu fallen. Weshalb wusste er selbst nicht ganz genau, in ihm tobte es geradezu vor schlechtem Gewissen ihren Eltern gegenüber und zugleich dieser schrecklichen Sehnsucht nach seinem Bruder. Wie hatte er nur so etwas tun können? Nicht einmal der Gedanke an Catherine vermochte ihn jetzt noch zu beruhigen und mit sichtlich zittrigen Fingern tastete er verwirrt nach seinem Haar, wobei er Dorian einen fragenden Blick zuwarf. „Ist die Frisur wirklich so schrecklich? Ich … ich dachte ich kann ganz normal gehen…“, murmelte er und versuchte das mehr als Offensichtliche durch ein, wie er hoffte unverfängliches Gesprächsthema zu überspielen. Außerdem machte er sich wirklich Sorgen um die Haare- immerhin musste er nur allzu bald einem ganzen Haufen an Menschen gegenüber treten, da sollte man bestenfalls ordentlich aussehen. Doch was auch immer er tat, es richtete nur noch mehr Unordnung zwischen den Strähnen an, bis er es schließlich aufgab und stattdessen seinen Bruder mit großen, bittenden Augen ansah. Man sah ihm an, dass ihm etwas auf der Zunge lag, doch es brauchte einige Sekunden ehe er sich getraute die Frage auch zu stellen. „Kannst du den Wagen fahren?“, kam es schüchtern von dem minimal Jüngeren der beiden. „Ich krieg das gerade nicht auf die Reihe. Bitte bleib bei mir. Bitte!“, doch er hätte sich selbst am liebsten noch während er diese Worte sprach geohrfeigt. Er wusste, dass Dorian ihm niemals einen Wunsch würde abschlagen können, wie also konnte er so kaltherzig sein und diesen dazu zwingen, sich alles direkt und live mitansehen zu müssen. Hinter den Kulissen, dort wo nicht alles nur die große Hochzeitsshow sondern eine echte Beziehung war. Catherine tatsächlich seine Freundin war und sein Bruder nichts weiter als sein Bruder. Er war ein grässlicher Mensch, doch immerhin ein Mensch – und das würde er nur sein können, wenn er seine zweite, so viel bessere Hälfte bei sich wusste.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 13 Feb 2015 - 21:01

Ihre Eltern. Die beiden Menschen, die ihnen erst das Leben geschenkt und sie dann auseinandergearbeitet und -gerissen hatten auf eine Weise, die brutaler war, als alles andere.
"Hallo Mutter.", bemerkte er mit einem makellos-perfekten Lächeln und ließ sich in die Umarmung ziehen. Er hatte Raphael schon immer sehr viel mehr als seine Familie angesehen als seine Eltern. Natürlich liebte er die beiden Menschen, aber besonders was sein Vater ihn hinsichtlich seiner bedingungslosen Liebe zu seinem Bruder angetan hatte war einfach zu weit gegangen, als dass er sagen könnte, dass sie ihm genauso wichtig sein würden wie sein geliebter Zwilling.
"Vater."
Ihm schüttelte er lediglich die Hand und blickte dabei in diese kalten, harten Augen, die nichts von dem weichen Braun ihrer Mutter hatten und die ihn so verurteilend angesehen hatten, damals, als er ihn angeschrien hatte, er wäre der Ältere und würde seinen kleinen Bruder verführen und dafür in die Hölle kommen, kurz ehe er vor seinem ersten Herzinfarkt stand, für den er ihm die Schuld gab, als Mutter und Raphael kurz in die Krankenhaus-Cafeteria gegangen waren. Er hatte nie jemandem davon erzählt und sich so dafür geschämt, seinen eigenen Vater ins Grab zu bringen und seinen kleinen Bruder in die Hölle, nur weil er so schwach war und sich nicht von ihm fernhalten konnte. Jahre später, nachdem sie ihren gemeinsamen 14. Geburtstag gefeiert hatten, hatte er dann auch verstanden, wie das mit dem Paradies und der Hölle funktionierte und sie hatten beide beschlossen, dass ein gemeinsames Leben die Ewigkeit in der Hölle wert wäre. Heute glaubte er weder an das eine noch an das andere. Auch nicht an Gott...
Noch heute schlug sein Herz minimal schneller und er hatte Probleme, seinem Erzeuger in die Augen zu sehen. Verführt... als wäre er ein Stricher mit Geldproblemen, der dringend Drogen brauchte und dafür alles tun würde, selbst mit einem Kerl schlafen - er liebte Raphael! Diese Welt verstand sie nicht, ihr Vater am allerwenigsten.
"Ich glaube, so glücklich habe ich ihn noch nie gesehen, Mutter...", erwiderte er mit einem liebenswerten und ebenso falschen Lächeln, während er sich am allerliebsten sofort übergeben hätte. Ihm war so schwindlig, das ging alles so schnell. Gestern noch hatten sie zusammen im Sandkasten Schlösser gebaut, wo war die Zeit hin, er konnte doch nicht heute schon heiraten? Und warum bekam er jetzt anstelle seines Bruders weiche Knie? Auf einmal wurde er weggezogen und als er aufsah, bemerkte er, dass auch nur noch er allein dagestanden hatte. Kurze Zeit später standen sie hinterm Haus am Hintereingang.
"Deine Haare sehen toll aus. Lass sie so, das bist du."
Schnell wischte er sich über die Augen und umarmte seinen Bruder dann mit einer kurzen Bewegung.
"Klar fahre ich dich.", nuschelte er undeutlich an seiner Schulter.
Bedingungslose Liebe. Das hieß nicht immer, dass man gut behandelt wurde und dafür liebte, es war deswegen viel stärker, weil es einem dreckiger gehen konnte, als je zuvor im Leben und man noch immer alles für denjenigen tun würde, für den man im Alltag locker durchs Feuer ging. Krampfhaft versuchte ich, langsamer und tiefer zu atmen, während er die Augen so fest schloss wie es ging, in der Hoffnung, gleich nochmal aufzuwachen und 8 zu sein mit Raphael. Nichts würde je wieder so sein wie früher und bald gab es Raphael auch nicht mehr, sondern nur noch Catherine und Raphael. In diesem Moment an diesem verrückten und falschen Tag hatte Dorian Maynard das Gefühl, sein Herz würde brechen und er dürfe es sich nicht anmerken lassen.
Als er ihn los ließ, lächelte er seinen kleinen Bruder an, ohne ihn wirklich anzusehen.
"Wo parkst du denn?"
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 13 Feb 2015 - 22:05

Die Umarmung fühlte sich richtiger und echter an, als alles andere was in den letzten Minuten um Raphael herum geschehen war. Sie währte nur kurz und trotzdem war ihm, als könnte er allein durch körperliche Nähe auch all die Gefühle spüren, die im Moment wohl das Herz seines geliebten Bruders sprengen mussten. Und doch, war es wohl nicht mehr als ein bloßer Abklatsch dessen, was Dorian gerade durchleiden müsste, denn sein manchmal so viel sanftmütiger und gutgläubig scheinender Zwilling hätte niemals die Last des Wissens tragen können diesen wunderbaren Mann an eine Frau zu verlieren und sei sie auch noch so perfekt. Allein schon die Vorstellung an Stelle seines Bruders zu sein jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken, der ihn unwillkürlich erzittern ließ, während seine Hand haltsuchend und gleichzeitig viel mehr haltgebend über den Rücken des anderen strich, bis sich sein Herzschlag wieder beruhigt hatte. Und als sie sich lösten schaffte er es tatsächlich ein kleines, wenn auch viel mehr traurig scheinendes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern und ein leises „Danke“, war die Antwort. Es implizierte viel mehr als Worte für gewöhnlich ausdrücken konnten. Nicht nur ein Danke für das Fahren, sondern auch für das Kommen, für das Da-Sein, für den Beistand, für das Lieb-Haben und für das Lieben. Dann konnte er nicht anders, als sich ein letztes Mal nervös durch die Haare zu fahren – und auch wenn er Dorian wirklich alles geglaubt hätte, so fühlte er sich in diesem Aufzug in keinerlei Weise wie er selbst. Nein, im Moment wusste er noch nicht einmal, wer er selbst überhaupt war.
„Dort“, erklärte er ausgesprochen aufschlussreich und deutete in Richtung der Auffahrt, wo sein kleiner, schlichter Wagen allerdings von einem geradezu riesenhaften silbernen Auto verdeckt wurde. Allein die Aufmachung, von den unnatürlich sauberen Felgen bis hin zum glänzenden Lack – aller Wahrscheinlichkeit nach, war dieses Ungetüm das Gefährt ihrer Eltern und es versetzte ihm einen kleinen Stich ein weiteres Mal unter die Nase gerieben zu bekommen, wie weit es seine Familie, ganz im Gegensatz zu ihm, gebracht hatte. „Also, dahinter…“, fügte er erklärend hinzu und öffnete zögernd die Tür des Hinterausgangs. Erstmal an die frische Luft wäre garantiert keine schlechte Idee, vor allem da sie dank ihrer Mutter auch nicht in Eile waren, sondern genügend Zeit hatten sich noch eine kleine Weile vor dem Unvermeidbaren zu drücken. Geradezu gentlemanlike hielt er nun seinem Bruder die Türe auf und wartete bis dieser hinaus getreten war, ehe er zögernd und mit einem letzten Blick in Richtung des großen, festlich geschmückten Saals folgte. Das Wetter war angenehm und hier im Freien, wo sie niemand wirklich beobachten konnte, fühlte er sich sogleich ein klein wenig sicherer, während er langsamen Schrittes hinüber zu seinem Wagen tingelte, wobei sein Blick jedoch ununterbrochen an Dorian klebte. So ganz konnte er es immer noch nicht fassen, dass dieser tatsächlich hier war. Und so verflucht ausweglos die Situation auch war, ein kleiner Funken von Glücksgefühl flackerte noch immer wärmend in seiner Magengegend, hervor gerufen durch das Wissen, dass sein Bruder ihn trotz allem was geschehen war und geschehen würde nicht verlassen hatte. Dann erreichte er sein eher unscheinbares Auto und schloss zögernd die Fahrertür auf, wobei sein kurzes Schulterzucken eine  kleine Entschuldigung für den Mangel an Luxus darstellen sollte, immerhin war er sich sicher, dass der andere wohl sehr viel Besseres gewohnt sein musste.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 13 Feb 2015 - 22:28

Er erwiderte das Lächeln anstandslos. Es war selbstverständlich und nicht der Rede wert. Und dass er es für nötig befunden hatte, sich extra noch einmal bei ihm zu bedanken für etwas so einfaches, wie seinem Bruder bei dessen Hochzeit alles Gute zu wünschen und ein wenig unter die Arme zu greifen, zeigte Dorian um ein Mal mehr auf, dass er ein schrecklicher Bruder war. Es war nicht, dass er es Raphael nicht gönnen würde, glücklich zu werden, aber die Größe, ihm zu gönnen, mit jemand anderem glücklich zu werden hatte er eben nicht. Und es war schwer für ihn, das einerseits zu sehen und andererseits seinen Bruder anzusehen, den er so sehr liebte. Er hatte grade vorschlagen wollen, doch vielleicht mit seinem Auto zu fahren, da sah er das kleine, süße und liebevoll gepflegte Auto, das vermutlich nicht mal eine Klimaanlage besaß und in dem man die Fenster noch immer mit der Kurbel runterlassen musste und am liebsten hätte er sich mit seinem Bruder in diesem so einfachen kleinen Nest für immer verkrochen. Es passte perfekt zu Raphael. Er hatte noch nie hohe Standards gehabt, immer wenn er zu Weihnachten Geschenke geöffnet hatte, hatten seine Augen bei den selbstgestrickten Socken von Tante Rose, die wirklich nie viel Geld gehabt hatte, genauso geleuchtet, wie bei dem Gameboy, dem Buch und der Wasserspritzpistole. Er bewunderte seinen Bruder für diesen Charakterzug so sehr. Alles schätzen zu können fiel den meisten Menschen mittlerweile so schwer, Dorian merkte es selbst auch an sich, dass er nie mit etwas wirklich zufrieden sein konnte. Deswegen hatten sie mittlerweile vielleicht auch unterschiedliche Positionen, aber Raphael war sicherlich tausendmal glücklicher als er.
Der stotternde Motor sprang nach dem dritten Anlassen an und schnurrte nicht sehr taktrein, aber bei dem fragenden Blick zur Seite wirkte sein Zwilling auf Dorian zu versunken, um nachzufragen und so fuhr er einfach nur los. Die Kirche war nicht sehr weit entfernt, allerdings handelte es sich dann doch um eine knappe Stunde mit dem Auto in der sie sich größtenteils anschwiegen. 
"Raphael. Sieh mal, das Schild da... Fabel Bay. Da sind wir als Kinder immer hingefahren, wenn wir Strandurlaub gemacht haben, erinnerst du dich?"
Er war ja sowas von kurz davor, den Blinker zu setzen.
"...willst du wirklich..."
Nein, er konnte und durfte das jetzt nicht bringen. Sauer auf sich selbst wechselte er auf die Überholspur um möglichst schnell möglichst weit von der Abfahrt weg zu kommen.
" 'tschuldige. Vergiss es."
Hinter ihnen hupte jemand, da das Auto langsamer beschleunigte, als Dorian es gewohnt war und erwartet hatte.
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 15 Feb 2015 - 2:06

Raphael fühlte sich ein klein wenig unwohl seinem Bruder den Wagen zu überlassen. Nicht, weil er sich Sorgen um sein Autolein gemacht hätte – gewissermaßen war es ein charakterliches Pendant zu ihm selbst, so freundlich stotternd sprang es bei jedem Fahrer an und hätte vermutlich auch den schlimmsten Schurken sicher ans Ziel gebracht – allerdings fühlte er sich miserabel Dorian nichts besseres bieten zu können. Doch sobald sie los fuhren verblassten auch diese Bedenken und er versank vollkommen in den verwirrenden Fragmenten seiner Gedankenwelt, die sich konstant nur noch um eines zu drehen schienen: Die nahende Hochzeit. Seine Hochzeit.
Unterbrochen von bruchstückhaften Erinnerungen an seine Kindheit, welche er sich nicht mit Catherine sondern dem Mann geteilt hatte der nun neben ihm saß, dessen vertrautes Gesicht er nicht oft genug ansehen konnte, auch wenn es nur aus dem Augenwinkel war, und den er um nichts in der Welt würde verlieren wollen.
„Wahrheit oder Pflicht“, fragte eine vor Neugierde ganz aufgeregt klingende Stimme und als er aufblickte sah der kleine Junge in grün blitzende Augen, die ihn aus einem Meer von Sommersprossen um die Nase herum bohrend, aber nicht unfreundlich anfunkelten und er schluckte leise. So ganz verstand er denn Sinn des Spiels wirklich nicht, doch offenbar fanden es alle in ihrem Alter fürchterlich interessant, doch da er nicht wie so oft außen vor sein wollte und sein Bruder mit einigen aus ihrer Klasse wohl auch einigermaßen gut befreundet war, hatte er sich von Grace schließlich dazu überreden lassen mit zu machen. Nun saßen sie hier in der Mittagspause auf dem Schulhof, etwas im Abseits auf der Wiese unter einigen Bäumen und er spürte die geballte Aufmerksamkeit der anderen auf sich ruhen. Einzig allein Dorians Anwesenheit, dicht neben ihm, die Hände hinten aufgestützt und die Finger in den sommerlich grünen Halmen vergraben und dabei wunderbarer als jemals ein Mensch würde sein können, beruhigte ihn ein wenig.
„Eh…Wahrheit“, kam es stotternd aus seinem Mund, aus Angst ansonsten vielleicht etwas unheimlich peinliches tun zu müssen, noch unwissend darüber, wie ungeheuer beschämend selbst eine einzige Frage sein konnte. Sie kam prompt.
„In wen bist du verliebt?“, und es klang ganz danach, als müsste man es einfach sein. Als sollte es einfach jemanden geben. Und er fühlte deutlich die Röte in seine Wangen steigen.
„Ich…weiß nicht.“ Doch das war nicht die Wahrheit.

Und genau so wenig, wusste er es heute, auch wenn er sich noch gut daran erinnerte wie er an dem Abend jenes für England ungewöhnlich warmen Sommertages müde unter die Decke seines Bruder gekrochen kam, um ihm zu gestehen, dass er gelogen hatte. Damals hatte er sich noch entschuldigen können und es war ihnen vergönnt gewesen Seite an Seite gemeinsam einzuschlafen.
Wie schrecklich gern wünschte er sich diese Zeit zurück und wie als hätte sein Bruder die Gedanken gelesen, riss ihn der Name des kleinen Örtchens, an dem sie gemächlich vorbei zuckelten aus wieder zurück in die Realität.
„Natürlich“, er nickte versonnen und für einen Moment lag ein sehnsüchtiges Glitzern in seinen Augen, bei dem Wunsch, doch einfach die nächste Ausfahrt nehmen und den Tag gemeinsam am Meer zu verbringen. Doch das ging natürlich nicht, schließlich war er erwachsen, hatte Verantwortungen zu tragen und vernünftig zu handeln. Nur, war heiraten eine vernünftige Entscheidung? Die Frage hatte ihm wohl so eben auch sein Bruder stellen wollen. Die Tatsache, dass Raphaels erster Reflex ein Kopfschütteln war, sprach wohl für sich und auch die leise gewisperten Worte, „Ich muss“, waren weit entfernt von der Antwort auf die Frage, ob er denn wirklich wollte. 
Gequält sah er ihn an, den Menschen der ihm die Welt bedeutete und auch wenn er wusste, dass es eine leichtsinnige, idiotische, sehr dumme und tollkühne Idee war, konnte er nicht anders. In diesem Moment wurde er wieder zu dem kleinen Jungen, der sich keinen sichereren Platz auf diesem Planeten denken konnte, als neben seinem Bruder.
„Wir haben noch eine Dreiviertelstunde.“
Und das nächste Ortsschild verzeichnete den Weg zum Strand mit 2,5 Kilometern.
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 15 Feb 2015 - 16:12

Er hatte eine ganze Weile starr geradeaus durch die Windschutzscheibe gestarrt, nachdem sein Bruder die Zeit durchgegeben hatte, und gerechnet. In keiner Version schafften sie es rechtzeitig zur Hochzeit. Und es war ihm offen gestanden gleich. Kurz beugte er sich herüber um seinem Bruder einen kleinen, unschuldigen Kuss auf die Wange zu hauchen, dann setzte er den Blinker und schnitt zwei Autos, um die Abbiegespur noch zu erwischen. Zehn Minuten später setzte er die sympathische Klapperkiste in eine Parkbucht vorm Stand und streifte sich die guten Schuhe samt Socken aus, ehe er Raphael einen strahlenden Blick zuwarf.
"Wer zuletzt am Strand ist, ist eine faule Kartoffel!", leierte er innerhalb von etwa einer halben Sekunde herunter, riss die Tür auf und rannte, ohne einen Gedanken ans Abschließen des Autos zu verschwenden (erstens war ohnehin nicht viel los und zweitens würde sich niemand die nächste TÜV-Prüfung mit Raphaels süßer Blechdose freiwillig antun wollen) rannte er so schnell es ging und barfuß, bis seine Füße weichen Sand unter sich spürten und er fühlte sich zum ersten Mal an diesem Tag so, als würde er sich nicht am liebsten die Ohren zuhalten, die Augen fest schließen und so laut schreien, wie er nur konnte. Früher hatte er Raphael bei solchen Wettrennen immer gewinnen lassen, einfach weil sein Gesichtsausdruck immer so unsagbar wunderschön war, wenn er irgendetwas gewann, aber heute war er irgendwie, selbst als er einen Gang runter schaltete, nicht auf seinen Fersen und so kam es, dass Dorians Zehen zuerst von den sanften Wellen umspült wurden. Was war mit diesem Strand los? Er war wunderschön, der Sand pastellgolden und weich und das Meer hatte in dieser kleinen Bucht hier einen wunderbaren Wellengang - ganz sachte. Trotzdem war keine Menschenseele hier. Kurz ging seine Phantasie mit ihm durch und er stellte sich vor, wenn er sich jetzt umdrehen würde, käme sein Bruder gemächlich und mit einem Lächeln im Gesicht, dass nicht weniger als "Ich liebe dich über alles" aussagte mit einem Ring auf ihn zugeschlendert, der sie beide für immer und vor allem offiziell, sodass sich keine einzige der Catherines dieser Welt je wieder an ihn wagen würde, verband. Der Gedanke war so unsagbar schön, dass er sich für einen kurzen Augenblick erlaubte, in der Vorstellung zu schwelgen, auch wenn er wusste, dass sein Bruder heute vor den Altar treten würde - und das ganz sicher nicht mit ihm.
Kurz darauf sprang ihm etwas mit voller Wucht in den Rücken, sodass der Schwung ihm nach vorne verriss und er, ohne sein Gleichgewicht so schnell wiederfinden zu könne, mit Raphael auf sich drauf im Sand aufschlug, wobei dieser beim Aufprall auch noch sämtliches an Luft aus seinen Lungen presste, was sich so ziemlich so angefühlt hatte, als hätte man ihm mittels einer Rüttelplatte mindestens 3 Rippen angebrochen. Mit dem Gesicht nach unten und zusammengebissenen Zähnen blieb er erstmal in eben dieser Position im Sand liegen und ließ den anderen erstmal von sich herunterklettern, der noch immer herzlich lachte, was in seinen Ohren das mit Abstand schönste Geräusch auf der Erde war, allerdings bald verstummte und immer panischer werdenden "Dorian?!"s wich, ehe sein Bruder ihn an der Schulter packte und herum riss, wobei er seinerseits blitzschnell und ehe der andere etwas verstehen konnte, die Arme um seinen Zwilling schlang und ihn in einen langen, feuchten Zungenkuss zog. Ja. Das erinnerte an früher.
Er wusste noch genau, wie sie sich mal in einem Feriencamp in Nähe eines Strandes irgendwie Schnaps besorgt und am Strand unbemerkt ein Lagerfeuer gemacht hatten, mitten in der Nacht. Sie waren eine kleine Gruppe gewesen, höchstens noch sechs weitere, allesamt zusammen, zwei waren hetero ein schwules Pärchen war auch dabei gewesen und der eine war so darauf versessen gewesen, Raphael zu küssen, nachdem sie alle etwas angetrunken waren. Sein Freund willigte erst ein, nachdem die zweite herumgereichte Flasche bereits leer war, bestand aber darauf, dabei den anderen Zwilling, sprich: ihn, zu küssen, weil es dann kein Fremdgehen mehr gewesen sein sollte (Er hatte keine Ahnung, wie voll er da schon gewesen sein musste, sie hatten es in dem Moment allerdings einstimmig als unglaublich logisch befunden). Es endete darin, dass er Tobi anstandslos den Gefallen tat und eine Weile gelangweilt mit ihm rummachte, während er sich lebhaft vorzustellen versuchte, es sei Raphael, was aber irgendwie nicht so wirklich funktionierte... und nachdem schließlich alle Flaschen leer waren und sowieso keiner mehr wirklich etwas mitbekam, hatte jeder wieder seinen richtigen Partner, so auch Dorian und Raphael. Am nächsten Morgen konnte die Hälfte sich an nichts mehr erinnern und wachte auf einer Mischung als Sand und ihrem eigene, halb in den Sand eingesickerten Erbrochenen auf. Auch ihm ging es danach den ganzen Tag ziemlich übel. Raphael war natürlich fit wie ein Turnschuh, das war klar, auch wenn sich keiner von uns erklären konnte, was für einen Pakt genau er mit dem Teufel eingegangen war, dass er saufen konnte wie ein Loch ohne am nächsten Morgen auch nur sowas Ähnliches wie einen Kater zu haben, aber anscheinend war er einfach nur unsagbar trinkfest.
Im nächsten Augenblick rauschte es und eine fette Welle brach über sie beiden und spülte ein wenig Seetang und salzig stinkendes Meerwasser über sie. Wie lange, um Himmels Willen, hatten die beiden hier gelegen?! Sollte das etwa schon die Flut sein? Entsetzt blickte Dorian zu seinem kleinen Bruder auf, der mittlerweile großzügig auf ihm lag und nun sowohl eine vollends ruinierte Frisur als auch einen nassen Hochzeitsanzug trug, dann überkam es ihn allerdings einfach - und er versuchte wirklich noch, es zu unterdrücken, aber in seinem Haar fand sich eine kleine Krabbe wieder und das war einfach der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte - und er ließ den Kopf nach hinten fallen und lachte schallend los, ehe die zweite Welle sich heimtückisch anschlich und er sich wenige Augenblicke später erstmal verschluckte, aufrichten und husten musste.
"Shit... ich sag dir besser nicht, wie viel Zeit wir noch haben.", teilte er ihm mit, nachdem er sein wasserfestes (er hatte gesagt, er brauchte ein wasserfestes Handy! Er hatte es genau gewusst!) Mobiltelefon nach der Zeit gecheckt hatte, denn es waren nur noch zwanzig Minuten. Stattdessen schnappte er sich die Hand seines paralysiert erscheinenden Bruders, der vermutlich auch grade am Überlegen war, ob das hier wirklich passierte oder er einfach nur einen absurden Traum hatte, und sprintete mit diesem wieder zum Auto rauf, während er mittels des kleinen praktischen Telefons herausfand, wo in nächster Nähe der nächste Herrenausstatter sein sollte. Da er wirklich alles aus dem armen kleinen Autochen herausholte, packten sie es in Rekordzeit zu besagtem Laden, bestachen einen der Verkäufer, sodass sie kurz die Bediensteten-Dusche benutzen konnten, was sie der knappen Zeit halber schnell zusammen machten, wobei er auch endlich mal die Krabbe aus des Bräutigams Haaren fischte, die sich wirklich hartnäckig gehalten hatte.
"Wir sind wirklich dämlich, Bruderherz... komm schon, du kannst nicht ewig in der Dusche stehen, komm endlich raus!", rief er etwas lauter, um den Föhn zu übertönen, danach kümmerte er sich um die Haare seines Bruders, die danach ungefähr genauso fielen, wie seine eigenen... aber sei es drum, es musste jetzt schnell gehen. Vor dem Duschen hatten sie dem Ausstatter ihre Maße durchgegeben und dabei festgestellt, dass sie noch immer wirklich exakt denselben Körper hatten, danach zogen sie sich in Windeseile an - mit exakt demselben Anzug-Modell. Mit Abstand das einzig tragbare in diesem Geschäft für eine Hochzeit und kein müder Vergleich zu dem Armani-Ensemble, mit dem er hier her gekommen war und das nun tropfend nass in einer Plastiktüte neben der Kasse des Geschäfts lag und in der kommenden Woche bei der erstbesten Gelegenheit die Reinigung seines Vertrauens zu sehen hatte. Als sie sich im Spiegel betrachteten, befanden sich 4 Raphael Maynards im Raum, die gleich Catherine heiraten könnten...
"Oh Gott... ich hoffe, es ist dir nicht allzu unangenehm, wenn wir dasselbe anhaben..?", erkundigte sich Dorian, der sich erneut, nachdem er den Verkäufer weggeschickt hatte, der das eigentlich hatte übernehmen wollen, daran zu schaffen machte, seinen Bruder zurecht zu zupfen. Er konnte es sich nicht sparen, ihn anzulächeln, als er von ihm weg trat und ihn betrachtete.
"Du siehst besser aus, als vor einer Stunde..."
Und das Ende vom Lied war, dass sie beide sogar noch pünktlich bei der kleinen Kapelle ankamen. Er für seinen Teil... war beinahe sowas wie glücklich. Den Umständen entsprechend, nicht, weil sein Bruder gleich heiratete. Sie sprinteten in die Kirche und wurden von einem Pulk aufgeregt schnatternder Menschen empfangen, dann ging alles ganz schnell und kurze Zeit später stand sein Bruder am Altar und wartete auf seine Braut, während er, milde lächelnd und den Blick auf sein Ein und Alles gerichtet, etwas abseits stand und es gerne ertrug, weil heute trotz der Umstände der schönste Tag gewesen war, den er seit einigen Jahren gehabt hatte.
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 15 März 2015 - 22:13

Unglaublicher Weise hatten sie es tatsächlich noch rechtzeitig zur Kirche geschafft und nach einigen raschen Umarmungen, dem ein oder anderen Händedruck und beiläufigen Kommentaren über ihr durch und durch zwillingshaftes Auftreten, war es schließlich schon so weit. Die Leute drängten nach innen, verursachten ein gepflegtes kleines Chaos, während ein jeder versuchte seinen Platz auf den schmalen Holzbänken der Kapelle zu finden und ehe er es recht realisieren konnte, fand Raphael sich vor dem Altar wieder, die Augen der Menge auf sich gerichtet. Er konnte seinen eigenen nervösen Herzschlag deutlich spüren, als der Dorians Blick den seinen kreuzte und hätte einiges darauf gewettet, dass auch der Puls seines Bruders sich in diesen Sekunden des angespannten Wartens alles andere als ruhig verhielt. Allerdings aus anderen Gründen, als die von ihm erwartete Vorfreude in nur wenigen Augenblicken Catherine gegenüber treten zu können um sich zu Mann und Frau erklären zu lassen. Mann und Frau – das hörte sich so richtig an, so endgültig, so festgeschrieben und unumstößlich. Ein Gelöbnis beinahe so alt wie die Zeit, wohingegen Mann und Mann … keine Chance.
Nicht in diesem Leben und schon gar nicht Bruder und Bruder. Dorian und Raphael allerdings, das war es was er sich insgeheim wünschte. Es war der Name seines Zwillings mit dem er in einem Atemzug genannt werden wollte, wie es schon immer gewesen war, seit ihren ersten Minuten auf dem schönen Planeten Erde. Nie würde es etwas anderes geben. Nie?
Beinahe verpasste er den Moment, da die kleine Flügeltüre am anderen Ende des relativ behaglichen Kirchenschiffs aufschwang und eine gänzlich in weiß gekleidete Cat mit ihrem Eintreten für ein leises, durch die Leute wanderndes Raunen sorgte. Und sie hatten Recht, seine Freundin sah mehr als umwerfend aus!
Ihr Kleid war wie geplant schlicht gehalten, jedoch aufwändigen Spitzenverzierungen die sich seitlich von der Hüfte hinauf bis zu ihrem Ausschnitt wanderten, der Rest anmutig leicht fallend und durch ihre Schritte in leichte Bewegung versetzt, so dass es schien als würde ein leichter Sommerwind ihr Auftreten umspielen. Die Haare offen fallend, ohne störende Zierde und ein zur Dekoration des Festsaals passender kleiner Strauß in ihren Händen. Doch am schönsten waren wohl ihre Augen, glitzernd wie die eines kleinen Kindes zur weihnachtlichen Bescherung und so voller Hoffnung, Vertrauen und Glück, dass es Raphael einen kleinen Stich versetzte. Sie so vor sich zu sehen, zu wissen, wie viel es eigentlich bedeutete von einem Menschen derartig geliebt zu werden und diesen doch nicht auf dieselbe Weise zurück lieben zu können, tat weh.
Gleichzeitig jedoch überkam ihn eine Welle der Zuneigung, als sie schließlich neben ihm stand und sich mit einem leichten Kuss auf die Wange von ihrem Vater verabschiedete. Wenn dieser Mann nur wüsste, wem er seine Tochter anvertraut hatte…
Wenn überhaupt nur einer wüsste, was er im Moment dachte. Und niemand, wohl nicht ein einziger würde ihn verstehen. Man sah nur, was man sehen wollte. Und man hörte nur, was man hören wollte.
Und das einzige was von ihm als nächstes erklang, war keine Beichte, kein Coming out, nicht das, was sich die Wahrheit nannte – stattdessen widerholte er mit überraschend ruhiger Stimme, das Eheversprechen.

In guten wie in schlechten Zeiten.


Ja, ich will.

Und damit war es besiegelt. Als der Moment gekommen war, griff er vorsichtig nach ihrer Hand, spürte die zarten Finger an seinen und steckte ihr in einer Sekunde des feierlichen Innehaltens den schmalen kleinen Goldring an, für den sie sich entschieden hatten. Innerlich hingegen focht er noch immer einen harten Kampf mit sich selbst, in dem Versuch sich selbst zu schwören, Catherine treu zu sein, nun da sie sich seine Frau nannte. Sie, dieser wunderbare Mensch, hatte ihm sein Vertrauen geschenkt und er würde es zerstören, wenn diese Sache mit Dorian kein Ende fand. Die Hochzeit war sein Fehler und es wurde Zeit, dass er zu diesem stand, auch wenn er daran zu Grunde ging.
Doch wie sollte er, wenn es gleichzeitig dasselbe für seinen Bruder bedeuten würde?
Und in einem unbedachten Moment zuckte er zurück, als Cat ihrerseits nach seiner Hand greifen wollte, sah gerade noch ihren erschrockenen Blick, ehe ein leises Klirren seine Aufmerksamkeit auf sich zog und Raphael bemerkte, dass seine unerwartete Bewegung ihr den Trauring aus der Hand geschlagen hatte, noch ehe sie ihn hatte anstecken können. Ein kurzes Kichern war zu hören und er blickte auf, sah die Grübchen, ihre geröteten Wangen, all die Freude auf diesem Gesicht, schaffte es tatsächlich diese für einen Moment zu erwidern, ehe er rasch dem entflohenem Kleinod hinterher eilte, das derweil munter ein Stück in den Raum hinein gekullert war. Sogar der Pfarrer ließ ein amüsiertes Glucksen hören und das Publikum tuschelte belustigt, während er suchend nach einem goldenen Schimmer Ausschau hielt. Und da lag er schließlich, unübersehbar und direkt vor Dorians Füßen – und dieser tat das, … das was? Einzig Richtige? Vielleicht.
Denn dort, keinen Meter von ihm entfernt hatte sich sein Bruder bereits nach dem kleinen Klunker gebückt ehe Raphael ihn hatte erreichen können und blickte ihm feierlich ernst entgegen, als er näher trat um ihn sich zurück geben zu lassen. Irgendwo unter dieser Miene schlummerte ein kleines, winziges, vollkommen übersehbares, aber dennoch triumphierendes Grinsen und mit einem kleinen Blitzen in den Augen, steckte ihm sein Zwilling den Ring an den dazugehörigen Finger. Ihre Blicke hielten sich für den Bruchteil einer Sekunde gefangen, jedoch genügte es um den Bräutigam alle seine Versprechen wieder vergessen zu lassen. Wie unheimlich gerne hätte er ihn jetzt nur geküsst.
Dorian und Raphael. Das war das einzig Richtige.
Trotzdem tat er nichts dergleichen, stattdessen trat er zurück vor den Altar, streifte sich den Ring unauffällig wieder ab und reichte ihn Cat, damit diese ihn an seinen rechtmäßigen Platz schieben konnte. Und damit war es offiziell. Irgendwie schafften sie auf die Aufforderung hin sogar einen filmreifen Kuss, zogen einander in die Arme, lächelten um die Wette und hörten wie in einem Traum einige Kameras um sie herum klicken, ehe es für ein kirchliches Gebäude unzulässig wurde, sie sich voneinander lösten und von begeistertem Applaus belohnt wurden.
Er aber konnte nur an eines denken, seinem Bruder gerade das Herz gebrochen zu haben.

Kurz nachdem es dann begonnen hatte Glückwünsche von allen Seiten zu regnen, sie alle vor der Kapelle versammelt standen und sowohl Sekt als auch Orangensaft gereicht wurde, nutzte er die Gunst der Stunde, da Catherine ihren Blumenstrauß warf – sie bevorzugte es diesen Brauch etwas vorzuziehen, da sie selbst „keine Lust gehabt hatte, dieses Grünzeug einen ganzen Tag mit sich herum zu schleppen“- um für einige Zeit beiseite zu treten, hinüber zu Dorian der sich gerade erst aus einer schnatternden Schar Großtanten befreit hatte, die ihn irrtümlich mit dem Bräutigam verwechselt hatte. Nachdem auch Raphael die Tantchen überlebt hatte, stand er schließlich vor ihm, wagte ein zaghaftes Lächeln und verlor es wieder, als er in diese sturmgrauen Augen sah und erkannte, was er angerichtet hatte. Selbst das kleine Schmunzeln seines Zwillings konnte ihn nicht über diese Tatsache hinweg täuschen und vollkommen unüberlegt, angesichts dem was er damit anrichten könnte, zog er seinen Ring wieder aus und platzierte diesen mit einer galanten Bewegung an der Hand seines Bruders.
„In guten wie in schlechten Zeiten?“, flüsterte er, jedoch mit der ungewissen Vorahnung, dass letztere in Zukunft noch eher kommen würden.
 
Solange wir beide leben.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 17 März 2015 - 11:15

Endlich, als er seinen Platz in der Kirche eingenommen hatte, nachdem er den halb scherzhaften Bemerkungen entfernter Onkel und Tanten kaum hatte Beachtung schenken können, die vorgeschlagen hatten, dass er sich doch Catherines Zwillingsschwester (falls vorhanden) schnappen und ebenfalls noch heute heiraten solle, was er nicht ganz mit der Aufmerksamkeit würdigen konnte, die die geschmack- und einfallslose Bemerkung verdient hätte (was vielleicht gar nicht so schlimm gewesen war), überkam ihn das Gefühl, hier keine Sekunde länger bleiben zu können. Was machte er hier? Er konnte sich das nicht ansehen, er würde das nicht aushalten! Diese ganze Verlogenheit, sein Bruder liebte ihn! Ihn allein und was auch nicht ganz unwichtig war: er liebte ihn auch. Und zwar mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, er brauchte ihn und er konnte es nicht akzeptieren, dass irgendeine Dahergelaufene dazu stieß und mal eben für sich beschloss, sie beide auseinander reißen zu müssen, er hatte ihn doch grade erst wieder bekommen, sie hatten sich ewig nicht gesehen, das war doch schlicht und einfach grausam!
Seine Gedanken rissen jäh ab, als sein Blick den seines Bruders kreuzte. Es war einer dieser Sorte Blicke, die er durchaus gut kannte und für einen kurzen Augenblick hörte die Welt auf, sich zu drehen und die Zeit stand still. Er war unsicher. Raphael war unsicher. Sein kleiner Bruder fragte ihn grade wortlos, ob das, was er grade im Begriff war zu tun, richtig war, da er sich selbst die Entscheidung nicht zutraute und mit einem Mal war Dorian ruhig, zwang sich zur Contenance und erwiderte den Blick, bis er hätte schwören können, dass sich ihre Herzschläge synchronisiert hatten, allein beim Anblick der Augen seines Bruders. Dann erfolgte ein schabendes Geräusch, das er zunächst nicht mal zuordnen konnte, da er grade ziemlich viel vergessen hatte, als er jedoch, sobald Raphael selbiges tat, den Kopf wandte und in Richtung Tür sah, verstand er sehr wohl. Und sie war wunderschön. Schrecklich schön. Das Kleid stellte alles in den Schatten, nur ihr bildhübsches Gesicht nicht, aus dem zwei Augen strahlten, und er schämte sich dieses kitschigen, klischeehaften Vergleichs durchaus, allerdings konnte er nicht anders, da es schlicht der Wahrheit entsprach,  wie zwei Diamanten, die man eigens für Raphael hatte schleifen lassen, denn sie spiegelten, und nichts anderes ergab sich im folgenden Spektakel, nichts als aufrichtige und wahre Liebe für seinen Bruder wider. Beinahe wäre sie ihm sympatisch gewesen. Beinahe. Dann erinnerte sich sein Verstand, dass er derjenige war, der dort neben seinem Bruder stehen sollte und dass diese kaltherzige, egoistische Hexe nur nicht verstand, dass er der Erste gewesen war, der erkannt hatte, was für ein wundervoller Mensch Raphael war. Was bildete sie sich ein, in sein Leben zu treten und ihn davon zu überzeugen, heiraten zu müssen? Dass sie dabei ihre Eltern hinter sich hatte, war ihr wohl bewusst. Die hatten es sicher auch zunächst nicht glauben können. Wie auch? Im Leben der beiden hatte es nie eine Person, erst recht kein Mädchen, gegeben, dass ihnen wichtiger gewesen wäre, als sie sich einander waren. Als er sah, wie sein geliebter Bruder seine Braut ansah, vergaß er über eine Minute zu atmen und wurde schließlich von einem Gast auf seine plötzliche Blässe aufmerksam gemacht, der ihm einen Stuhl anbot, woraufhin er wieder nach Luft schnappte und ihm auffiel, wie schwindlig ihm bereits war. Den angebotenen Schnaps nahm er auch durchaus sehr gern an, am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn es nicht dieses lächerlich kleine 4cl-Gläschen sondern eine Flasche gewesen wäre, allerdings wäre das wohl auch genau das falsche Signal gewesen und... hey, immerhin heiratete sein Bruder heute, was solls, er würde sich früher oder später betrinken, das gehörte doch dazu. Nur musste er sich noch ein wenig beherrschen und optimalerweise noch bis nach der Trauung warten, sich danach auch noch besser von allen anderen isolieren und... wieso war er nochmal hier? Was war das für eine hirnlose Idee gewesen? Er konnte das hier nicht!
Augenblicklich überkam Dorian das Gefühl, hier einfach keine Sekunde länger existieren zu können. Es ging einfach nicht, fertig. Er hatte es versucht und war gescheitert, er war eben ein schlechter Bruder, was solls? Er würde sich jetzt auch irgendeine Frau suchen und es Raphael dann genauso nicht übel nehmen, wenn er Hals über Kopf aus der Kirche stürzte, während er genauso aussah, wie sein Zwillingsbruder und dann eben seine Frau einen detailgenauen Ausblick darauf hätte, wie es aussehen würde, wenn ihr Zukünftiger vor seiner eigenen Hochzeit flüchten würde, weil sie es schlicht nicht wert war!

Ja, ich will.


Unwillkürlich wanderte sein Blick, so wie der eines jeden anderen in der Kirche auch, zu seinem Bruder... und dessen Frau. Jetzt war es also soweit. Es war vorbei. Alles war vorbei. Sein Bruder heiratete eine andere und der Ring, den sie grade an ihren Finger geschoben bekam, würde ihm nie passen. Er beobachtete den Vorgang wie ein Reh das Fernlicht eines auf es zurasenden LKW. Er konnte es nicht verhindern, konnte nur mit ansehen. Währenddessen überkam ihn das Gefühl, langsam abzuheben und schwerelos ein Stück über den Boden zu schweben, während er langsam das Gefühl für seinen Körper verlor - eben jenes Gefühl, das man hatte, kurz bevor man ohnmächtig wurde. Auf das Tippen des Mannes, der ihm eben schon das widerliche Kräuterzeug spendiert hatte und den er in seinem Leben noch nie gesehen hatte, konnte er nicht reagieren, seine Augen verfolgten den Verlauf des kleinen, goldenen Fessel-Dings. Dieses ekelerregende, widerliche, kalte Teil, das ihm seinen Bruder wegnehmen würde und soeben direkt vor seinen teuren Schuhen landete, als wolle es ihn verspotten. Plötzlich spürte er alle Augen auf sich. Nun - wenigstens hatte sich somit die Option des Abhauens vollends erledigt...
Am liebsten hätte er ihn durchaus genommen und ihn so fest gegen eines der lächerlichen Buntglasfenster geworfen, dass dieses zersprungen und der Ring idealerweise in dem vorbeifließendem Fluss gelandet und fortgespült worden wäre, allerdings hatte er sich da bereits gebückt, den zugegebenermaßen wirklich schönen, stilvollen Ring aufgehoben und einen Schritt auf Raphael zu gemacht, der eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre, da die beiden auch so schon nahe genug beieiander standen, so allerdings niemand den kleinen, leise gemurmelten Liebesschwur hörte, den Dorian seinem Bruder mit, auf seine Hand gerichtetem Blick, ins Ohr flüsterte, während er mit einem ehrlichen Lächeln seine Hand in seine eigene nahm, etwas anhob und den Ring am rechten Ringfinger seines Bruders festmachte, während er ihn beinahe geküsst hätte, ungeachtet aller anderen, wäre Dorian in diesem Moment nicht schon wieder auf dem Weg zu Catherine gewesen, um sie das Ritual nochmals wiederholen zu lassen, wobei sie erneut von einem machtlosen Reh, das mit voller Wucht von dem Wagen erfasst worden war und nun einem qualvollen und unabdingbarem Ende entgegenblickte, beobachtet wurden, während um ihn herum die Leute aufstanden, applaudierten, aus den falschen Gründen weinten und sich gegenseitig in den Armen lagen, wobei einige schon nach vorn strömten, um als erstes gratulieren zu können. Zu was? Zu was bitte?
Wenig später waren sie alle draußen vor der Kirche, wahrscheinlich hatte die Flut an Leuten ihn mitgeschwemmt, die dem glücklichen Brautpaar reis- und blumenwerfenderweise hinterhergedackelt waren. Die Leute redeten. Miteinander oder mit ihm, das konnte er grade überhaupt nicht beurteilen, er antwortete nur sporadisch und wusste kaum, was er sagte, plötzlich stand er vor Raphael und wusste es zweimal nicht. Stattdessen rang er sich ein Lächeln ab und öffnete die Lippen, um irgendetwas zu sagen, was man eben sagte an einem solchen Tag sagte, schaffte das allerdings einfach nicht, da sein Kopf wie leerfegt war. Plötzlich wurde seine Hand von der seines Bruders ergriffen und ein stilvoller, hübscher Goldring befand sich an seinem Finger, ehe er reagieren konnte, wobei er vor der Berührung seines Bruders nie wegzucken würde oder könnte.
Bei den Worten konnte er ihn nur sprachlos ansehen, während ihm die Tränen in die Augen stiegen und er seinen Zwilling nur schnell an sich heran in eine feste Umarmung zog, damit er diese ja nicht sehen konnte, während er die geflüsterten Worte in bestätigendem, versprechendem Tonfall wiederholte und mit einem leisen Lächeln feststellte, dass ihre Herzen wirklich im selben Takt schlugen.
"Hier steckst du also!"
Die beiden lösten sich voneinander und blickten mit ähnlichem Ausdruck in das Gesicht der strahlenden Braut, die anhand des Ringes ihren Ehemann ausmachte und Dorian in einen stürmischen, schwer verliebten Kuss verwickelte, was dieser zum einen im Moment wirklich nicht verstand und sich andererseits am liebsten in dieses Weib hinein übergeben wollte, während er seinem Bruder kurz einen hilfesuchenden, entschuldigenden Blick zuwarf, sich allerdings irgendwie nicht von der Frau seines Bruders losreißen konnte, da diese sich regelrecht in ihn verbissen hatte und offenkundig über seine Passivität in großzügiger Weise hinweg sah, ehe sie sich von ihm löste und ihn im Vergleich zu seinem Bruder musterte.
"Himmel..."
Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
"Ich hatte nicht erwartet, dass ihr wirklich ausseht, wie Klone voneinander. Sogar die Haare... Wahnsinn. Wir haben uns noch nicht persönlich vorgestellt."
Sie streckte ihrem angetrautem Ehemann die weiß behandschuhte Hand mit einem entwaffnendem Lächeln entgegen.
"Ich freue mich, dich kennen zu lernen, Dorian. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich freue, dass du hergekommen bist, es bedeutet mir, und deinem Bruder ja sowieso, sehr viel."
"Bitte entschuldigt mich für eine Sekunde, ja?"
Ein, mittlerweile wirklich leichenblasser, Dorian, den alle grade für den Bräutigam halten mussten, befreite kurzerhand seinen Arm von Catherines Klammergriff und suchte das nächstbeste Badezimmer auf, um am ganzen Leib zitternd über der Toilettenschüssel zusammen zu brechen und alles zu erbrechen, was sein, bis auf einen Schnaps nüchterner, Magen an Säure und Alkohol hergab, wobei er den Kontakt der sanitären Anlagen hier als weniger abstoßend empfand als die Frau seines Bruders.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 21 März 2015 - 23:31

Zu beobachten wie Dorian Catherine küsste oder wohl besser gesagt von ihr geküsst wurde, war eine gleichermaßen beängstigende, jedoch auch eigentümlich faszinierende Erfahrung. Schließlich waren sie einander so ähnlich wie Spiegelbilder und hätten, wie Cat ganz richtig erkannte, gut und gerne als Klone durchgehen können, insofern kam ihm dieser kurze Augenblick auf verwirrende Weise vertraut vor, wie ein Déjà-vu, einer ihm im Grunde unbekannten Person. So oder zumindest so ähnlich, hätte er seine Gefühle in dem Moment zusammengefasst, wäre es nicht seine nächste Aufgabe gewesen die ihm angebotene Hand freundlich zu schütteln und sich als sein Bruder auszugeben, der keine Sekunde später mitsamt dem Trauring in Richtung des Gebäudes verschwand. Somit gab es keinerlei Möglichkeit mehr die Verwechslungsproblematik frühzeitig aus der Welt zu schaffen und noch während er mit seiner Frau eifrigen Smalltalk machte, ein wenig etwas über Dorians berufliches Umfeld zusammen dichtete und ihr wirklich alles, alles Gute zur Hochzeit wünschte, war sein Vater unbemerkt hinzu getreten und legte ihm nun eine schwere Hand bedrohlich auf die Schulter.
„Dorian?“, erklang die tiefe, einschüchternde Stimme, deren Autorität ihm selbst jetzt, nach all den Jahren wie ein kalter Schauer den Rücken hinunter rann und eine undefinierbare Anspannung verbreitete. Und selbst sein eigener Dad hielt Raphael im Moment für seinen Zwillingsbruder, der nach wie vor spurlos verschwunden blieb. Wenn das nur gut ging.
„Ich würde dich gerne unter vier Augen sprechen, Sohn – ich bin mir sicher die reizende Miss Maynard hat nichts dagegen, oder irre ich mich?“, richtete er sich umgehend an Catherine, die sich der Befehlsgewalt des Tonfalls ebenso wenig entziehen konnte wie er. Der einzige Mensch den er kannte, der in der Lage war dieser Autorität die Stirn zu bieten, war der tatsächliche Dorian und selten hatte er ein Verwechslungsspielchen so bereut, wie zu diesem Zeitpunkt.
Gut, vielleicht gab es da die ein oder andere Ausnahme, einmal zum Beispiel, als sie bei einer Preisverleihung versehentlich vertauscht worden waren und er an Stelle seines Bruders den ganzen Ruhm eingeheimst hatte, doch da hatte es ihm aufrichtig für Dorian leidgetan, während er nun selbst die zu bemitleidende Position bekleidete.
Mit zusammen gepressten Lippen nickte er, beobachtete wie seine Cat bereits von dannen eilte um einigen Tanten die Sektgläser neu zu befüllen und wandte sich voller unangenehmer Vorahnungen zu seinem Vater um. „Was ist Dad?“, murmelte er, in dem Versuch etwas von der Selbstsicherheit seines Bruders wieder zu spiegeln, was Raphael allerdings kläglich misslang. Nein, er war einfach nicht Dorian und obgleich er und sein Zwilling sich glichen wie ein Ei dem anderen, charakterlich würde man sie doch sicherlich auseinander halten können!  Nicht so aber in diesem Falle.
Ob zum Glück, war allerdings noch unklar. „Ich beobachte dich Bursche“, fing er an und unheilvolle Falten begannen sich auf der von angegrauten Schläfen gesäumten Stirn abzuzeichnen. „Glaube ja nicht, dass ich auch nur für einen Tag vergesse, was ihr beiden deiner Mutter und mir angetan, uns für Sorgen bereitet habt. Du bist mein Sohn und ich liebe dich, doch wenn ich auch nur einen einzigen Versuch erleben sollte, dass du deinen Bruder daran hinderst sein Glück zu finden, werde ich dir zu helfen wissen!“
Raphael schluckte schwer, nickte und sein Blick wanderte ganz wie von selbst zu Boden. „Natürlich Vater“, entwich es schuldbewusst seinen Lippen und er spürte seine Hände zittern. Niemals, wirklich niemals hätte er gedacht, dass sich ihre Eltern immer noch Gedanken über die Vergangenheit machten. Immerhin war es doch vorbei … hatte er gedacht, bis vorhin, bis Dorian…
„Mir war schon immer klar, dass du es warst. Er war immer so ein anständiger Junge, sieh nur wie stolz er uns macht, während es mir sehr leid tut deine Verwirrungen offenbar nicht kuriert zu haben, schließlich taten wir alles was in unserer Macht stand… aber reiß dich zusammen Junge, verschwinde wieder von hier um dich deiner Karriere zu widmen und wag es ja nicht Raphael wieder Flausen in den Kopf zu setzen“, und mit jedem weiteren Wort seiner Rede wünschte sich sein Sohn stärker einen Spalt im Erdboden herbei, um darin verschwinden zu können. Ihm war eiskalt, während er spürte wie er langsam aber sicher den Anzug vollschwitzte, nicht wusste wohin mit seinen Händen und seine Gesichtsfarbe sich zwischen leichenblass und krebsrot einfach nicht entscheiden konnte.
„Sieh mich an und nimm mich beim Wort, Dorian – auch nur ein kleiner Hinweis und du wirst dir wünschen deinem Bruder nie wieder begegnet zu sein.“
Dann war seine Predigt offenbar zu Ende, er schnaufte ein paar Mal, nickte bekräftigend mit dem Kopf und klopfte Raphael kräftig auf den Rücken, so dass es für Außenstehende schien, als habe er nichts anderes getan, als einige nette Worte mit seinem Jungen zu wechseln, den er seit einiger Zeit nicht mehr Gesicht bekommen hatte. Natürlich, er wusste noch immer wie er sie unter Druck zu setzen hatte, verstand sich nach all den Jahren immer noch darauf ihre Handlungen unter seine Fuchtel zu bringen und kam nicht umhin sich überall einzumischen, um ihre Verwirrungen wie er es nannte zu unterdrücken. Oh Gott, ihm wurde ganz übel bei dem Gedanken, wie viel ihr Vater wohl wusste oder wissen konnte und ohne lange zu fackeln, verschwand auch er für einige Minuten von der Bildfläche.
Eigentlich nur in dem Plan sich ein wenig Wasser ins Gesicht zu spritzen, vielleicht um sich abzulenken oder auch das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden von sich abzuwaschen. Er musste dringend wieder einen klaren Kopf bekommen und vor allem den Ring wieder ausfindig machen! Das Klo jedoch fand er zunächst besetzt vor und blieb sprachlos stehen, als ihm nach einigem Warten schließlich sein elend dreinblickender Bruder entgegen trat. Abermals der Spiegelbild-Effekt, diesmal beide verwirrt, niedergeschlagen, blass um die Nase – „Komm“, und ohne auch nachzudenken, hatte er ihn wieder mit sich auf die Toilette gezerrt, schloss die Tür und presste sich von innen dagegen, als ob er fürchtete, dass ihr Vater im nächsten Moment wütend versuchen würde jene mit einem Rammbock aus den Angeln zu sprengen. Und dann geschah es.
Länger konnte er es nicht mehr unterdrücken, das Gespräch eben hatte ihm den Rest gegeben, der leichte Schimmer des Goldrings an Dorians Finger stahl im den Atem und ohne, dass er es hätte länger kontrollieren können stiegen ihm die Tränen in die Augen, während seine verzweifelten Versuche nach Luft zu schnappen sich überholten.
„Scheiße“, presste er hervor und sank langsam zu Boden. „Ich … ich … kann das nicht mehr. Ich, oh Gott, Dorian es tut mir so leid…es war … oh Gott, ich bin verheiratet … scheiße Mann, wie idiotisch konnte ich nur sein? Verdammt … ich … ich … Catherine … und Dad weiß es, er dachte ich bin du und du bist ich und er denkt, dass wir … bitte, wir dürfen das nicht mehr Dorian. Wir dürfen, das doch nicht … ich … ich bin jetzt verheiratet“, er hielt Inne, sein Kopf kippte nach hinten, landete mit einem lauten Knall an dem hölzernen Türrahmen und die darauffolgende Stille unterstrich die Hoffnungslosigkeit der Situation. Laut hallend wie ein stummer Schrei.
„Scheiße Dorian … ich liebe dich.“
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 22 März 2015 - 10:03

Auch nach dem Erbrechen war es Dorian Maynard so unwohl, dass er sich nicht in der Lage sah, wieder auf die Beine zu kommen, aufzustehen und sich den Gästen zu stellen, ehe er Raphael den Ring wieder unauffällig zuspielen konnte. Was für ein Spiel spielten sie da? Sein Bruder hatte unmöglich beabsichtigen können, dass er Catherine auf diese Weise kennen lernte. Sein Kopf sank erschöpft und müde gegen die bekachelte Seitenwand, die angenehm kühl war und ihm, dadurch, dass sie nicht zitterte, das leise Gefühl der Beständigkeit gab. Wie lange er da in diesem Dämmerzustand saß, konnte er nicht wirklich sagen, aber als die verschlossene Türklinke betätigt und im Anschluss an das ungeduldige und erfolglose Rütteln nochmals eilig gegen die Tür geklopft wurde, beschloss er, dass das er jetzt aufstehen, seinem Bruder den Ring zustecken, sich verabschieden und zurück nach Hause fahren würde, wo er sich so dermaßen betrinken würde bis er nicht mehr ansatzweise sagen konnte, wie er hieß. Das hatte schon immer geholfen, wenn der Gedanke an Raphael weh getan hatte. Oh, apropos Raphael – dieser hatte offenbar an der Tür geklopft und drängte ihn, sobald er ihm geöffnet hatte, wieder in die Kabine hinein, die immer noch dezent nach saurer Galle roch. Erschrocken stellte er fest, dass sein Zwilling mehr als verstört aussah und zuerst dachte er daran, dass das vielleicht an seinen Kuss mit seiner Frau hätte liegen können, aber weit gefehlt, es war sehr viel schlimmer. Ein dunkler Schatten trat über das Gesicht des Firmeninhabers, als sein Bruder seinen Vater erwähnte. Eltern konnten weit aus grausamer sein als Kinder, wenn sie versuchten, ihre zu schützen und ihr Vater bildete da, weiß Gott, keine Ausnahme. Nein. Wirklich nicht. Er hörte den gestammelten Worten seines kleinen Bruders zu, ehe dieser mit dem, wirklich etwas groben, Hinweis darauf, verheiratet zu sein, kurzerhand verstummte und diese unmögliche Stille entstand, die jeden Anwesenden dazu nötigte, sie doch bitte zu unterbrechen.
„Ich weiß.“, antwortete er, etwas unbeholfen, stand da und wusste nicht so recht, wohin mit sich, da er sich in dem Moment wirklich mehr als nur überflüssig vorkam. Er hätte einfach nie hier her kommen sollen. Er hätte Raphael nicht wiedersehen dürfen, auch, wenn es sehr schön war, ihn wieder zu sehen, aber... naja, verdammt, man sah doch, was dabei heraus kam! Sein Bruder war fix und fertig und das einzig und allein, weil er seine Finger nicht von ihm lassen konnte. Sein Vater hatte Recht. Wer weiß, vielleicht war diese ganze Zuneigung, die man getrost schon als 'Besessenheit' bezeichnen konnte, wirklich von ihm ausgegangen. Und Raphael hatte sich nur daran gewöhnt, wie man sich an Drogen gewöhnte und wenn die ständige Aufmerksamkeit seines Bruders mal abbrach, vermisste er logischerweise etwas. Ja, das ergab...
Seine Gedanken wurden jäh von dem kleinen, verzweifelt hervor gestoßenen Satz unterbrochen, den sein, an der Tür etwas zusammengesunkener, Zwilling grade hervorbrachte. Sein gesenkter Blick hob sich bis zu den geschlossenen Augen seines Bruders. Erst jetzt bemerkte er die glänzenden Bahnen, die Tränen auf seinen perfekten Wangen hinterlassen haben mussten und auch er musste kurz schlucken, ehe er kurz nickte und dem Drang widerstand, seinen Bruder in den Arm zu nehmen, ihm einen Kuss aufs Haar zu drücken, ihn festzuhalten und zu sagen, dass alles gut werden würde weil er ja in der Nähe war und ihm solange kein Leid geschehen würde, weil er das nicht zulassen würde. Im Moment allerdings war die Sache die, dass es sich bei dem Leid, vor dem er seinen Bruder bewahren musste, um ein solches handelte, dass er selbst verursachte und das ließ nur eine Lösung zu. Dass er aus seinem Leben verschwand. Sich wieder zurückzog in seine Arbeit und vergaß. Alles vergaß.
„Es tut mir so leid, Raphael.“
Behutsam nahm er die Hand seines Bruders und schob den Ring, der ihn zumindest vor dem Hass seines Vaters beschützen würde, wieder auf den passenden Finger.
„Ich hätte nie herkommen dürfen. Das war selbstsüchtig von mir, ich hoffe, du verzeihst das.“

Wie gern hätte er ihn ein letztes Mal geküsst. Nur ein allerletztes Mal. Stattdessen schob er ihn nur beiseite und verschwand, lief den ganzen Weg bis zu der Festhalle, an der sein Auto immer noch stand, zu Fuß an der Hauptstraße entlang, was ihn so viel Zeit kostete, dass es bereits dämmerte, bis er seinen Pracht-Schlitten erreichte, in den er sich dann hineinsetzte und zurück zu seiner Villa fuhr.
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 22 März 2015 - 16:05

Er war einfach gegangen. Raphael konnte sich nicht entscheiden, ob es nun gut oder schlecht war seinen Bruder nicht mehr auf der Feier, nicht mehr bei sich zu wissen. Beinahe sofort nachdem Dorian den Raum verlassen hatte, begann er seine Nähe zu vermissen, doch konnte er auch nicht bestreiten wie viel leichter es ihm mit einem Mal fiel sich wieder unter die Leute zu mischen. Zwar war es weder wirkliche Freude, noch ein echtes Lächeln, das sich auf seinem Gesicht abzeichnete, als sein Vater ihn mit stolzem Lächeln schulterklopfend in Empfang nahm, noch konnte er den Gedanken an seinen Bruder gänzlich verdrängen, allerdings war es nun viel mehr eine Art von Taubheit die ihm half all die kommenden Stunden zu überstehen. Und kaum einer merkte, dass mit dem Bräutigam etwas ganz und gar nicht in Ordnung war – denn warum sollte man an einem solchen Tag auch annehmen, dass der glücklichste Mensch der gesamten Veranstaltung, nichts anderes als ein brillanter Schauspieler sein konnte. Und immerhin hatte er Catherine bei sich. Denn nie, nicht auch nur für eine Sekunde hatte er aufgehört für sie den Funken Liebe zu empfinden, welchen er anfangs für alles gehalten hatte, was ihm an Gefühlen auf dieser Welt noch blieb. Sie konnte ja nichts dafür.
Deswegen gab er sich große Mühe sie glücklich zu machen, nicht zuletzt weil es unter anderem seine Pflicht als ihr Ehemann war, als auch, weil ihr freudestrahlender Blick das einzige war, was seine Unruhe zu besänftigen vermochte, während er sich immer und immer wieder fragte wohin Dorian wohl verschwunden war.
Kurz vor dem Essen hatte er noch mit dem Gedanken gespielt ihn anzurufen, vergaß es dann jedoch als eine Willkommensrede von ihm verlangt wurde. Gleich nach der Mahlzeit wollte er ihm eine kurze Nachricht schreiben, kam aufgrund einer kleinen Gesangseinlage seitens Catherines Nichten nicht dazu sich aus dem Zimmer zu stehen, später hatte er bereits die Nummer gewählt, wurde dann jedoch in die Küche geschleift um seine Frau zu trösten, die gerade einen Fleck auf ihrem traumhaften Kleid entdeckt zu haben glaubte. Dann die Kuchenprozedur, das Geschenkeauspacken, der erste Tanz, die Glückwünsche, einige weiße Tauben – wer auch immer die aufgetrieben hatte, es war eine Heidenarbeit die Viecher in der großen Scheune wieder einzufangen -, Umarmungen hier, Umarmungen da und immer wieder Catherine, einfach überall. Er fand nicht eine ruhige Minute, was vielleicht auch ganz gut war, denn wer weiß ob seine Nerven die Sorgen um Dorian zu diesem Zeitpunkt ertragen hätten. Am Ende des langen Tages aber, kehrten sie mit doppelter Dringlichkeit zurück, ließen einen unangenehmen Druck auf seinem Zwerchfell lasten und machten ihm den Atem schwer.
„Wir sehen uns morgen“, verabschiedete er sich schließlich eilig von seinen Eltern, die gerade noch beim Aufräumen geholfen hatten und mit ihnen die letzten waren, die gingen. Dann stieg er in sein kleines Autolein, beobachtete wie seine ihm frisch angetraute Ehefrau auf dem Beifahrersitzt Platz nahm, roch die verbliebene Note Meeresduft von dem spontanen Strandausflug, der nun wieder Jahre her zu sein schien und schloss für einen Augenblick leise Seufzend die Augen, ehe er eine Hand spürte die vorsichtig nach seiner Griff und die Finger mit seinen verschränkte. „Hey“, drang langsam die Stimme seiner Freundin an sein Ohr, näher, viel näher als Raphael erwartet hatte. „Kopf hoch mein Schatz, es ist vorbei … kein Trubel mehr, keine grässliche Musik aus den 70ern und das nächste Mal wenn meine Großtante Gillian dich zu einem Tango zwingt, werde ich dich retten kommen. Versprochen.“ Dann ein leises Kichern und warme, weiche Lippen dicht an seinem Hals. Sie war so süß.
Vielleicht war es deswegen, möglicherweise war es nichts weiter als die Sanftheit, das Verständnis und diese unbefangene Zärtlichkeit, die ihn dazu brachte den Kopf zu drehen und ihre flattrigen kleinen Küsse bestimmt mit einem langen zu erwidern. Er roch ein wenig Wein in ihrem Atem, aber auch diese vertraute Note von Holz und Orange stieg ihm in die Nase. Ihr Mund bewegte sich nachgiebig an seinem und ein genießerischer kleiner Laut ließ ein vibrierendes Kribbeln durch seine Lippen wandern, ehe er sich löste, die Hände um das Lenkrad legte und losfuhr, ehe sie beide sich noch an Ort und Stelle vergaßen.
Doch auch das Vergessen sollte noch kommen, denn kaum hatten sie ihr kleines Häuschen betreten, stürzten sie sich filmreif aufeinander, als wäre bei ihnen beiden just im selben Moment die gleiche Sicherung durchgebrannt. Er, weil er wusste, dass es nur einen Weg gab die finsteren Gedanken von sich zu drängen, sie, weil sie ihn kannte. Cat spürte die Veränderungen seiner Stimmung, als würden sie direkt unter ihre Haut rieseln und auch wenn sie nicht wusste weswegen, sie verstand was er brauchte. Ob es ihr wehtat, als sie unsanft an der Wand im Flur landete? Er wusste es nicht. Aber sie lachte noch, als beide über die Schuhe stolperten und Raphael einen Absatz gegen das Bein bekam, was ihren Versuch die unbequemen Sandalen unauffällig von sich zu treten vereitelte. Später war es Keuchen, angestrengte Spannung, die sich aufstaute, während sie ihr teures Kleid mit viel Prozedere auszog und in Sicherheit brachte, ehe ihre Geräuschkulisse sich langsam zu einem gedämpften Stöhnen wandelte. Schließlich fand sich keine Schicht störenden Stoffes mehr zwischen ihnen, Catherines reizvolle weiße Dessous hatten sich zu der Tagesdecke und all dem Teilen des Anzugs auf den Boden gesellt, ihre Finger krallten sich abwechselnd in das Laken oder Raphaels Rücken und ihre Nägel hinterließen brennende Kratzspuren. Es dauerte lange bis ihre gemeinsamen Laute letztlich verklangen, sie als frisch verheiratete Paar schwer atmend aneinander gedrängt lagen und er es mit kraftlosen Bewegungen gerade noch hinbekam nach der Decke zu tasten, um sie über ihren erschöpften Körpern auszubreiten. Dann war sie eingeschlafen.
Gleichmäßige Atemzüge streichelten seine Haut, begleitet von einer kühlen Brise der Nachtluft, die durch das gekippte Fenster ins Schlafzimmer drang. Und die Kälte brachte verdrängte Gefühle wieder mit sich, ließ ihn hilflos im Dunkeln der Nacht liegen und lockte vergessen geglaubte Bilder seines Bruders hervor, die Raphael zum Erschaudern brachten. Der kleine Dorian, wie er von der Schaukel fiel, der wütende Dorian, wie er ihn vor der Strenge ihres Vaters verteidigte, der kranke Dorian, zusammen gesunken auf der Couch, der schlafende Dorian, neben ihm in eine Daunendecke gehüllt, der betrunkene Dorian, mit diesem Schimmer des Irrsinns in den Augen, der weinende Dorian, das Gesicht abgewandt, damit er ihn nicht sehen konnte, der lachende, der hungrige, der wütende, der verliebte, der verzweifelte, der müde, der gerade aufgewachte, der scherzende, der liebende Dorian. Über ihm, wie er auf ihn hinunter blickte, mit denselben Augen, mit demselben lustverschleiertem Blick. Ihr letztes Mal. Was hatte er gerade getan?
Lange lag er wach, nur Raphael allein und all die Vorwürfe, wie kleine flackernde Lichter, Glühwürmchen mit spitzen Stacheln, die ihn nicht schlafen ließen. Erst als der Morgen bereits anzubrechen drohte, sein Wecker mit roter Digitalanzeige 4:48 Uhr verkündet, erhob er sich und tappte langsam in Richtung der Küche. Trank ein Glas Wasser. Dann noch eines. Leerte die Hälfte wieder weg und fand sich, das Telefon ans Ohr gepresst auf dem Boden sitzend wieder, dem Tuten des Klingelns lauschend, mit klopfendem Herzen und auf den blanken Fliesen frierenden Füßen. Wartend. Wartend auf Dorian.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 24 März 2015 - 23:07

Er war viel zu schnell gefahren und, besonders auf der Schnellstraße, wäre er ziemlich häufig fast Verursacher eines schweren Verkehrsunfalles gewesen aber zum Glück war die Rush Hour vorbei und die Straßen zumindest einigermaßen frei. Er hatte das Gefühl, durchzudrehen und irgendwas extremes machen zu müssen, um nicht an seinen Bruder zu denken und so fuhr er eben wie ein Berserger die Strecke in der Hälfte der Zeit zurück, die er gebraucht hatte, um zu Raphael zu fahren. Die rechte Hand ruhte konstant auf den Schaltknüppel des Sportwagens, der sehr erfreut über die Herausforderung über den Asphalt preschte und dabei Geräusche verursachte, die denen eines Ferraris durchaus nicht unähnlich waren. Dad hatte es gewagt, ihn anzufassen. Der Drehzahlmesser näherte sich dem rot markierten Bereich, ehe er den Wagen erlöste und einen Gang hochschaltete, was der Schubkraft, mit der der Motor das Auto und seinen Fahrer darin nach vorn katapultierte, keinen Dämpfer verpasste. Er hatte ihn für ihn gehalten. Er konnte sich denken, welche Worte da gefallen waren. Dad verstand es nicht. Er hatte keine Geschwister gehabt, besonders wusste er nicht, wie es war, wenn man sich im Leib der Mutter ein winzig kleines Zuhause teilte und vom ersten Moment der Existenz an seinem Zwilling so nahe war, wie man der eigenen Mutter war. Was nahm er sich heraus? Und dann auch noch Raphael! Warum hatte er ihm den Ring gegeben? War das ein Spiel für ihn? So wie damals? Auf den Geburtstagen von Verwandten oder Schulfesten, wenn sie in die Rolle des jeweils anderen geschlüpft waren, um sich einen Spaß daraus zu machen, dass es offenbar niemand bemerkte? Das war seine Hochzeit, verdammt. Er hatte seine Frau geküsst. Seine wunderschöne Ehefrau! Wie unsagbar und unendlich falsch das gewesen war, während der einzige Mensch, den er in seinem Leben wirklich gern geküsst hatte, direkt daneben stand.
Das schrille Geräusch eines sich entfernenden, hupenden Objektes auf der Autobahn riss ihn erneut aus seinen Gedanken und er korrigierte seine Fahrbahn wieder, nachdem es ihn beinahe seitlich in einen LKW verrissen hätte. Sehr gut. Dann hätte Lavern wenigstens etwas zu tun, wenn sie morgen die ganzen Anzeigen und Strafzettel mit seiner Post rein bekam. Unruhig fuhr er sich über die roten Augen, biss die Zähne aufeinander und krallte sich wieder ins Lenkrad, während sich sein rechter Fuß wieder tief auf das Gaspedal senkte und der Wagen erneut nach einem beinahe aggressiv klingenden Aufheulen einen Satz nach vorn machte.
Zur Villa fuhr er erst gar nicht, er war sich durchaus bewusst, dass er sich so jetzt nicht allein mit sich lassen konnte. Wenn er jetzt nicht sofort unter Leute begeben würde, würde der Abend böse enden, er würde über zu viel nachdenken und vielleicht zurück fahren und das durfte er einfach nicht. Das konnte er nicht bringen. Er war mal wieder aufgetaucht und hatte seinen unschuldigen, süßen kleinen Bruder verführt. Und dieser dachte nun mal wieder, was seine letzten Worte in der Toilette auch ergeben hatten, dass er ihn wohl liebte. Während seine Frau bestimmt in Luftlinie keine hundert Meter entfernt stand in ihrem Traum aus weißer Seide.
„Scheiße...“
Das sollte nicht der einzige Fluch bleiben, der heute über seine Lippen kam. In seinem Appartement in der Stadt angekommen, schmiss er zunächst die Schlüssel in die dunkle Schale im Flur auf der Mahagoni-Anrichte, dann befreite er sich in Windeseile erstmal von dem Anzug, den er trug, ohne wirklich Rücksicht auf das Material zu nehmen, bis er schließlich kurz unter die Dusche ging und sich im Anschluss kurzerhand auf den Weg in die Stadt machte. Er wollte es jetzt laut, rauchig, mehr dunkel als hell und er wollte, dass er schneller betrunken war, als ich denken konnte. Die Voraussetzungen schufen sich beinahe von selbst, denn das Angebot war groß und breit wie der Türsteher, der ihn kannte und durchwinkte, sodass er es sich sparen konnte, ewig draußen in der Schlange vor seinem Lieblingsclub zu stehen. Ehrlich gesagt wusste er nicht genau, ob er es darauf angelegt hatte, aber nachdem er bereits deutlich weiter davon entfernt war, nüchtern oder auch nur angetrunken zu sein als vom Arsch des Typen, den er grade antanzte manifestierte sich in seinem vernebelten Hirn der Vorsatz, heute nicht allein und mit über der Bettdecke gefalteten Händchen schlafen zu gehen. An Raphael dachte er dabei nicht direkt, denn natürlich versuchte er ihn mit der Aktion einfach mal für eine Weile zu vergessen oder sich zumindest in einen vergleichbaren Zustand zurück zu versetzen wie vor dem Anruf, aufgrund dem er zur Hochzeit gekommen war. Dämliche Hochzeit. Dämliche Catherine. Dämlicher Dad... und auch dämlicher Raphael. Er war ihm also nicht mehr genug weil er ihn nicht heiraten und mit ihm glücklich werden durfte und deswegen angelte er sich irgendeine dahergelaufene, flapsige Hure? Na was der konnte...
Während die beiden noch immer am Tanzen waren, der Vordere sich allerdings bis auf ein über die Schulter geworfenes Lächeln noch nicht zu ihm herumgedreht hatte, lehnte sich Dorian ein Stück weiter vor an seine Schulter, drehte seinen Kopf leicht zu sich und küsste ihn, ohne vorher überhaupt seinen Namen zu kennen, was den Fremden, der sich daraufhin herumdrehte und ihm durch die Haare und an der Seite entlang zur Hüfte fuhr, wo die Hand liegen blieb, während er den Kuss ziemlich großzügig erwiderte, nicht allzu verwerflich zu finden schien. Er war etwas kleiner als Dorian, allerdings nur unwesentlich, hatte blonde, leicht unordentlich aber verboten weich aussehende Haare und eine angenehme Stimme. Das zumindest konnte sich Dorian denken, als er sich löste, der Blonde ihn angrinste, vorbeugte und vergeblich versuchte, ihm seinen Namen zu vermitteln, während er in direkter Nähe von seinem Ohr gegen die laute Musik und den noch massiveren Beat anzuschreien versuchte, ihm das allerdings nicht gelang, was Dorian ihm durch eine kurze Geste verständlich machte, ehe das muntere Treiben weiter ging.
Irgendwann hatten sie zwei Uhr und beschlossen, sich mal was zu trinken zu schnappen und eine ruhigere Ecke zu suchen, wobei sich herausstellte, dass es sich um einen Bastian handelte der eine Lehre zum Hotelfachmann machte... oder etwas in der Art, sie redeten nicht übermäßig viel, ehe der Blondschopf sich erneut in seinen Nacken krallte und ihm die Zunge ganz tief rein schob. Sie schmeckten beide derweilen so sehr nach Alkohol, allerdings störte sie das nicht mehr und als Dorian ihn nach einer weiteren Viertelstunde fragte, ob er mit zu ihm nach Hause kommen wolle, quittierte der andere das nur noch mit einem hitzigen, vernebelten Blick und einem raschen Nicken.
Sie nahmen ein Taxi und ließen sich in den Vorort zu Dorians Wohnsitz fahren. Erwähnter brauchte beinahe fünf Minuten, ehe er das mit dem Türaufschließen hinbekommen hatte, dann widmete er seine volle Aufmerksamkeit dem nicht schlecht staunenden Bastian, der wohl nicht damit gerechnet hatte, an einem Ort wie diesem zu landen, allerdings auch schon bald wieder abgelenkt wurde, als Dorian ihn zu sich zog.
Es war merkwürdig, einen anderen Mann so nahe bei sich zu haben, ihn zu küssen und zu berühren, das hatte er bisher immer als eigentümlich und irgendwie befremdlich empfunden. Es war einfach etwas anderes, als wenn man sich bereits ein Leben lang kannte, den anderen auswendig gelernt hatte und sich jede Regung, jedes Stöhnen wie das eigene anfühlte, weil es ebenso aussah. Das war schwer zu erklären und nicht vergleichbar mit Selbstbefriedigung, aber wenn ers Raphael machte, dann kam er quasi zweimal, einmal tatsächlich und einmal mit seinem Bruder und das war etwas, was ihm ein Fremder nie würde geben können. Aber er brauchte auch grade nicht diesen perfekten Sex, er brauchte nur eine Beschäftigung, um nicht nachdenken zu müssen und dazu eignete sich Bastian relativ gut, der sich mittlerweile ziemlich krass in seinen Rücken krallte, während er beinahe keuchend atmete und den Kopf in den Nacken hatte fallen lassen, während er zunächst leise, beinahe schüchtern, später mit deutlich festerer Stimme darum bat, mehr zu bekommen und zwischendurch immer mal wieder Dorians Namen stöhnte, während dieser sich zusammenreißen musste, nicht die Augen zu schließen und einfach an seinen Bruder zu denken, es schließlich doch tat, auf der Stelle kam, noch eine kurze Weile in dem anderen verharrte und wenig später mit einem tiefen Seufzen neben diesem auf die Matratze fiel wie ein gefällter Baum. Wie verkorkst. Er konnte nicht ohne Raphael. In jeder erdenklichen Hinsicht. Er hätte einfach nie auf diese Hochzeit gehen dürfen. Arme legten sich um ihn und drehten ihn auf den Rücken.
„Hey, du willst ja jetzt wohl nicht mit dem Rücken zu mir einschlafen.“, murmelte jemand in sein Ohr, ehe er in einen relativ tiefen Schlaf fiel.
Er konnte sich nicht erinnern, was er träumte, war betrunken und verdammt müde gewesen, vermutlich war er deswegen nicht von dem Klingelton aufgewacht, sondern erst, als eine halblaute, etwas kratzige Stimme „Ja, Handy von Dorian, der schläft grade, wer ist da?“, sagte. Verschlafen öffnete er die Augen und sah träge zum anderen herüber, der vor der auf dem Boden liegenden Hose hockte, in der sein Handy gesteckt haben musste.
„Hallo? Wer ist denn da?... Hallo?! Hä? Komisch. Aufgelegt...“
Der Blonde wischte sich einmal mit dem Handrücken über die Augen, legte das Handy daraufhin wieder weg und wollte grade wieder zu ihm zurück ins Bett kommen, als er bemerkte, dass Dorian sich aufsetzte.
„Hey, dein-“
„Wer ist das gewesen?“
„Wollte ich grade sagen. Es hat geklingelt und du bist nicht wach geworden, da bin ich ran gegangen, weil ich ehrlich gesagt gedacht habe, du wärst zu besoffen, vorhin bist du kurz wach geworden und hast irgendwas von einem Raphael gelabert. Naja, jedenfalls ists wohl ein Scherz gewesen, der Anrufer hat nach drei Sekungen aufgelegt... Gott, Dorian, leg dich hin, du bist wahrscheinlich nicht mal in der Lage, dein Handy zu entsperren!“
Scheiße...
Sein Verdacht bestätigte sich, als er sein Handy tatsächlich erstaunlich gut und geschmeidig schon nach dem achten Versuch entsperrt bekam und in der Anruferliste tatsächlich Raphaels Nummer entdeckte.
„Scheiße, scheiße, scheiße... verdammte Scheiße!!“
Hastig wählte er die Nummer und tapste aus dem Schlafzimmer hinunter in die Küche, wo er sich auf den kühlen Boden niederkauerte, an die Anrichte lehnte und die Freizeichen abwartete.
Der angerufene Teilnehmer ist zur Zeit leider nicht erreichbar-“
Er legte auf und wählte erneut, allerdings war das Ergebnis nach dem siebzehnten Mal immer noch dasselbe.
„Dorian?“
Er zuckte leicht zusammen, als er bemerkte, dass Bastian in der Küche stand.
„Es... tut mir leid, ich hätte nicht an dein Handy gehen dürfen... das war dein Freund, hab ich recht?“
Er konnte ihn nur sprachlos anstarren, war allerdings zu etwas wie einer Antwort nicht mal entfernt fähig.
„Scheiße... okay.“
Der deutlich jünger fuhr sich kurz durchs Haar und blickte sich um.

„Ich glaub, ich sollte lieber gehen. Wie ist die Adresse hier, ich bestell mir ein Taxi.“
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 30 März 2015 - 15:35

Das war nicht Dorian. Soviel war Raphael bereits nach den ersten gesprochenen Worten der fremden Stimme klar und um viel mehr ging es eigentlich gar nicht – er legte auf. Minutenlang versuchte er jedes nur mögliche und unmögliche Szenario zu durchdenken, wie dieser Mann an das Telefon seines Bruder gekommen sein konnte, doch es blieb letzten Endes nur diese eine offensichtliche Lösung, die schmerzhafter war als alles, was er an diesem Abend  noch hätte verkraften können. Mit einem leisen Wutschrei, der mehr wie ein Wimmern klang, warf er sein Handy von sich und beobachtete fasziniert wie es an der Wand landete und in seinen Einzelteilen zerstreut auf dem Boden liegen blieb. So ungefähr fühlte sich sein Herz nun an, kaputt, zerbrochen, auf kalten Fliesen verteilt und ohne irgendeinen Antrieb überhaupt noch weiter zu schlagen. Doch natürlich tat es das, denn menschliche Körper waren nun einmal nicht dazu konzipiert das zu tun, was den Gefühlen der zugehörigen Person gerade gelegen kam. Ihre Aufgabe war es lediglich weiter zu leben und das tat er, obwohl dieses Leben gerade sinnloser schien als vieles andere.
Erst nach einer Ewigkeit die er auf dem Boden gesessen und mit den Tränen gekämpft hatte hörte er die leisen Schritte, die durch den Flur ganz eindeutig in seine Richtung getapst kamen und sah wie zwei nackte Beine, halb verdeckt von einem dünnen Morgenmantel in die Küchentür traten. Eine leise Stimme fragte irgendwas, doch Raphael war nicht im Stande zu antworten. Stattdessen starrte er weiter schweigend vor sich hin, zitterte ein wenig und nahm am Rande seines Bewusstseins wahr wie Cat die Einzelteile des Handys einsammelte, nebenher eine Tasse aus dem Schrank holte und den Wasserkocher in Gang setzte, ehe sie sich neben ihm niederließ und vorsichtig nach seiner Hand griff, die nun regungslos und kalt wie ein toter Fisch zwischen ihren Fingern lag. „Raphael?“, kam es leise von der Seite und zu seinem großen Unwillen stellte er fest, dass er ihre Worte nicht länger ausblenden konnte und in seiner Isolation gestört wurde, während ihre zerzausten weichen Haare seine Wange streichelten als sie ihren Kopf leicht auf seiner Schulter bettete. Und überrascht stellte er fest, dass dies tatsächlich war was er brauchte. Es kam Bewegung in seine Hand, als er nach der ihren griff und den anderen Arm um ihren kleinen Körper legte um sie näher zu ziehen, da er nun auch ihr Frösteln bemerkte, da sie tatsächlich nicht mehr trug als den hellen, seidenen Bademantel, dessen weicher Stoff rein und sauber nach ihrem Waschmittel roch. So ganz anders als er sich gerade fühlte.
„Dorian…“, murmelte er halblaut und nickte in Richtung der Einzelteile, die sie auf der Küchenzeile abgelegt hatte und ihr entwich ein besorgtes Seufzen. „Hat er dich angerufen?“
Die Antwort darauf war ein schweigendes Kopfschütteln, denn wie viel konnte er ihr schon sagen, wie sollte er ihr schon erklären, was geschehen war? Cat würde es nicht verstehen. Nicht, weil sie kein guter Mensch war – im Gegenteil, sie war der absolut Beste den er kannte und jemals kennen würde – sondern weil er nicht von seiner Frau erwarten konnte und durfte, dass sie seine Beziehung zu seinem Bruder akzeptiere. Er konnte es ja nicht einmal selbst akzeptieren. Raphael wusste wie falsch es war und doch taten sie es wieder und wieder, weil es nichts auf der Welt gab, dass sich richtiger anfühlte als diese Liebe.
„Ich … habe mir Sorgen um ihn gemacht“, erklärte er schließlich, was immerhin noch irgendwie als Grund durchgehen konnte, schließlich war sein Bruder einfach ohne weitere Erklärungen von den Feierlichkeiten verschwunden und hatte seit dem auch nicht mehr von sich hören lassen. Etwas, dass bei seiner Frau nicht unbedingt für einen positiven Eindruck gesorgt hatte, weshalb es ihr umso höher anzurechnen war, dass sie noch immer vollkommen verständnisvoll reagierte. „Und was genau war der Grund dein Handy zu zerstören?“ – Gute Frage.
„Tut mir leid“, Raphaels Hand streifte ihre Wange, er wandte den Kopf um sie ansehen zu können und atmete tief durch. Roch Waschmittel und Holz und Müdigkeit. „Ich habe überreagiert, etwas … er hat mich aufgeregt, ich war verschlafen und aufgebracht. Vermutlich meinte Dorian es gar nicht so“, verteidigte er seinen Bruder trotz allem was er wusste oder zumindest zu wissen glaubte und die wundervolle kleine Person neben ihm hörte fraglos zu, kritisierte weder ihn noch seinen Zwilling, drückte die Hand in ihrer lediglich noch ein klein wenig fester und tadelte ihn nicht wegen dem kaputten Mobiltelefon, obgleich sie beide nicht sonderlich wohlhabend waren und ein neues gewiss eine kleine Investition bedeuten würde. Er brauchte ein gutes, funktionstüchtiges Handy immerhin auch für seine Arbeit. Das einzige was sie tat, war irgendwann aufzustehen um einen Tee aufzugießen, welchen sie ihm anschließend reichte und sich selbst mit einer eigenen Tasse wieder auf den Küchenboden setzte. „Dann solltest du dich bei ihm entschuldigen Raphael, er ist dein Bruder, ich weiß wie viel er dir bedeutet und …“, nein, gerade das wusste sie nicht. Und es war das einzige woran er denken konnte, so dass ihre nächsten Worte nur etwas verzögert zu ihm hindurch drangen.
„Ich würde ihn gerne besser kennen lernen, die Hochzeit war vielleicht der falsche Zeitpunkt, wo du ihn doch so lange nicht mehr gesehen hast. Lade ihn doch einmal zum Essen ein, dann können wir in aller Ruhe reden oder geh etwas mit ihm Trinken, wenn es euch lieber ist oder fahr zu ihm … vielleicht ist es der beste Weg ihm persönlich zu sagen, dass es dir leid tut…“
Was zur Hölle redete sie da nur?
 Ihn zum Essen einladen? Dorian, der mit blutendem Herzen in ihrer heilen kleinen Welt sitzen und mit höflicher Miene Rouladen verspeisen würde.
Etwas trinken gehen? Um dann gegenseitig, in der kleinen Nische zwischen Bar, Garderobe und Klo in halb trunkenem Zustand übereinander herzufallen, weil sie beide nicht mehr an sich halten konnten.
Persönlich zu ihm fahren? Noch einmal diesen Mann sehen, der ihm die Welt bedeutete und von Angesicht zu Angesicht eine Erklärung zu verlangen, ehe er ihn gegen die Wand pressen, würgen oder im richtigen Zeitpunkt küssen konnte, so dass er vergaß, dass es auf diesem Planeten außer sie beide noch andere Menschen gab. Nein, er sollte in Gegenwart seiner Frau definitiv keine solchen Gedanken haben, doch lag sie goldrichtig mit ihren Vorschlägen – er brauchte seinen Bruder! „Ich fahr zu ihm“, unterbrach er ihre Ausführungen und stellte die Tasse so heftig beiseite, dass etwas heißes Wasser überschwappte und schmerzend über seine Finger rann. Aber das kümmerte ihn schon gar nicht mehr, als er schwungvoll auf die Beine kam und seine Frau mit sich zog, sie in seine Arme nahm, sich geistig für all das entschuldigte, was er ihren Gefühlen noch antun würde und ihre schwachen Proteste ignorierte. Wenn er fahren wollte, dann musste er es jetzt tun, ehe ihn der Mut verließ, der sich wie immer nur für einige wenige Momente an seine Seite zu heften pflegte.

Helle Scheinwerfer langten mit Fingern aus diffusem Licht ins Halbdunkel des nebligen Morgens, als er in die Auffahrt einbog und sein Auto ruckelnd hielt. Der Himmel war ebenso grau wie die Umgebung und erinnerte an die Farbe von Dorians Augen, wie Wolken kurz vor dem Sturm. Doch er spürte keinen Regen als er ausstieg und lediglich die Kälte kroch ihm bis in die Knochen, gegen die er auch mit hochgezogenen Schultern, eingeschlagenem Kragen und dicht um den Körper geschlungenen Armen nichts auszurichten wusste. Seine Jacke war viel zu leicht, aber in seiner Eile hatte er nicht mehr bedacht etwas Wärmeres anzuziehen, ebenso wie das kurz, im vorbei gehen entstandene Spiegelbild in der Frontscheibe seines Wagens davon zeugte, dass seine Haare noch unordentlicher waren als üblich und düstere Schatten unter seinen Augen lagen. Alles in allem sah Raphael ungesund aus, stiefelte jedoch entschlossenen Schrittes und ohne zu zögern bis zum Eingang der Villa hinauf, wo er nach einem tiefen Durchatmen entschlossen den Finger auf dem Klingelknopf platzierte.
Eine weitere Sekunde verging. Er schickte ein letztes Stoßgebet gen Himmel, dass sein Bruder bitte zu Hause sein möge. Dann drückte er und die darauf folgende Stille klang so viel lauter als die vorige. Wie der Hall nach einem Schuss, als habe er gerade den Abzug eines Revolvers betätigt und nicht lediglich die unscheinbare kleine Klingel neben dem Namen seines Bruders. Maynard. Neben seinem Namen. Und schon wieder, noch immer Warten.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 7 Apr 2015 - 22:54

Ungefähr so fühlte man sich sicherlich, wenn man nach Hause kam und feststellen musste, das eingebrochen worden war. Was in Dreiteufelsnamen brachte die Affäre dazu, ans Mobiltelefon des Liebhabers zu gehen? 
Oh Gott...
Stoisch, beinahe wie ein Besessener wählte er immer und immer wieder die Nummer und schickte ein Stoßgebet nach dem nächsten gen Himmel, dass Raphael doch bitte drangehen musste. Er musste ihm das erklären! Musste ihm erklären, dass das alles... scheiße gelaufen war, wenn er ehrlich sein sollte. Er war ein beschissener Bruder gewesen und das gab er gern zu, allerdings hatte ihn sein Zwilling einfach gnadenlos überfordert, nicht zuletzt, indem er auf der Hochzeit gewesen war und die Braut seines Bruders geküsst hatte. In das vertraute, gemütliche und scheinbar sichere Heim, dass er sich schmerzlich und mühselig nach der Trennung von seinem Bruder hatte aufbauen müssen, war massiv eingebrochen worden und nun lag alles mehr oder minder in Schutt und Asche, außerdem waren alle Wertsachen entwendet und die Versicherung weigerte sich zu zahlen. Er hatte nicht das Gefühl, noch genug Luft zu bekommen. Bastian, der im selben Zimmer wie er auf sein Taxi wartete, fragte mehrmals nach, ob es ihm gut ginge, aber er konnte seine Sorge weder glaubhaft zerstreuen noch würde er ihn in seiner durchaus richtigen Intension bestätigen, er wollte einfach nur, dass er verschwand. Möglichst schnell. Damit er in aller Ruhe zusammenbrechen konnte. Eindeutig war grade einfach nur, dass er nicht genug getrunken hatte. Eindeutig nicht... was hatte er alles da? Eventuell könnte er sich gleich was zusammen mixen, dass ihn für den Rest der Nacht und des morgigen Tages ins Nirwana katapultieren würde. Schöner Gedanke.
"Ich geh dann mal... machs gut, Dorian."
Vom Angesprochenen kam nur ein abwesendes Nicken. Er hatte nicht wirklich zugehört und war kurz darauf allein. Seine Brust hob und senkte sich immer signifikanter, dann irgendwann wurde sein gesamter Oberkörper von zuckenden Schluchzern durchgeschüttelt, er ließ sich die Wand, an der er lehnte, hinabrutschen und verbarg das Gesicht in seinen Händen. Wie verkorkst. Er würde nie sein eigenes Leben haben, abgetrennt von seinem Bruder, und damit glücklich sein können. Nie. Er war verdammt dazu, nicht dazu fähig zu sein, ohne Raphael zu überleben. Da war es egal, ob er jemanden finden könnte. Er ging einfach nicht davon aus, dass irgendwo seine Catherine auf ihn warten würde, das lag außerhalb seiner Vorstellungskraft. Und selbst wenn. Er würde immer mehr für seinen Bruder empfinden als für irgendjemanden sonst. Umso mehr wünschte er sich für seinen geliebten Bruder das Glück, dass er mit seiner Frau haben könnte.
In dem Moment klingelte es und zunächst konnte er absolut nichts mit dieser Feststellung anfangen. Wie auch. In seiner Vorstellung war der Abend bereits gehalten - er würde sich abschießen und morgen gegen Nachmittag irgendwann mit einer Schachtel Asperin ins Klo verziehen, um sich die Seele aus dem Leib zu kotzen, da war nicht vorgesehen, dass es klingelte. Bestimmt war es Bastian, der irgendwas liegen gelassen hatte... oder er wollte sich Geld fürs Taxi leihen, weil er selbst nichts Bares mehr dabei hatte... konnte alles sein, immerhin war er noch keine 10 Minuten weg. Wie auch immer, er konnte es nicht ignorieren, was konnte der arme Junge dafür, dass er ein armseliger Wicht war, der sich seinen Zwillingsbruder vorstellte, wenn er andere Kerle vögelte. Er hatte es nie mit Hypnosetherapie versucht. Eventuell war das doch einen Versuch wert. Allerdings hatte er langsam den Verdacht, dass er diese spezielle Eigenschaft mit homosexuellen, pedophilen oder sonstig anders orientierten Menschen gemein hatte, dass man nun mal unfreiwillig auf diese eine Personengruppe stand und sich das auch nicht mehr würde ändern lassen, egal, wie sehr man daran arbeitete. Mit dem Handrücken fuhr er sich über die Augen, stand auf, putzte sich nochmals die Nase und stellte unzufrieden im Vorbeigehen an dem Ganzkörpperspiegel im Flur fest, dass man durchaus sah, dass er geweint hatte. Sehr toll. Naja, das würde jetzt kein zehn Minuten langes Gespräch geben, der hatte vermutlich nur irgendwo sein Portemonnaie liegen lassen und das wars schon. Außerdem wars dunkel, man würde seine Augen kaum sehen und... was kümmerte es ihn überhaupt, die Welt konnte sich ruhig schon mal daran gewöhnen, ihn abgefuckt zu Gesicht zu bekommen, er musste jetzt erst mal wieder über seinen Bruder hinwegkommen.
Mit einem unendlich müde klingendem "Hast du noch was verge-" öffnete er die Tür und hätte dabei beinahe einen Herzinfarkt erlitten. Seine Hand glitt von der Türklinke und schlug baumelnd gegen seine Seite, während sämtliche Farbe aus seinem Gesicht wich und er kurze Zeit dachte, das sei sicherlich alles nur ein Traum, weil Raphael Maynard in seiner Hochzeitsnacht sicher nicht zu ihm kommen würde... Für eine kleine Ewigkeit starrte er ihn nur unverwandt und hochgradig verwirrt an, nicht in der Lage auch nur einen einzelnen Muskel anzuspannen geschweige denn zu atmen, allerdings quittierte sein Körper das irgendwann mit massiven Schwindelgefühlen, weswegen er mit einem Mal heftig und zittrig eine große Portion Sauerstoff in seine Lungen einverleibte. 
Raphael.
Klitschnass und übermüdet sah er aus. Gar nicht gut, wenn er ehrlich war... wie ein nasses Spiegelbild seines Bruders, der soeben vor ihm stand und das Gefühl hatte, gleich ohnmächtig die Treppe zur Haustür herunter zu fallen, jedenfalls fühlten sich Dorians Beine so an, als planten sie dieses Vorhaben schon fest in die nächsten Geschehnisse ein. Hatte sich sein Bruder heute früh auch so gefühlt als er auf einmal vor der Tür stand? Als er ihn das erste Mal wieder zu Gesicht bekommen hatte nach so langer Zeit? Hatte es ihm auch Wort und Atem geraubt? Ihn nur zu sehen? Das Gefühl zu haben, ihn berühren zu müssen, um zu testen ob er wirklich echt war?
"Raphael..."
Ich kann nicht mehr...
Sprichwörtlich fiel er ihm um den Hals. Er hatte grade nicht das Gefühl, noch stehen zu können und es ging ihm elend. Er hatte sein Limit für heute wirklich erreicht und konnte jetzt weiß Gott nicht mehr den großen, starken Bruder spielen. Ähnlich wie ein verzweifelter Ertrinkender riss er unter Wasser den Mund auf und nahm einen letzten, tiefen Atemzug von eisiger, nasser Kälte ehe sein sauerstoffunterversorgtes Hirn ihn aufgab und seine letzten Herzschläge ungehört im dunklen Wasser verhallten. Zitternd und mit fest zusammengebissenen Zähnen, um Kontrolle über seinen Körper zu behalten, die er eigentlich vor genau zwölf Stunden verloren hatte, lehnte er gegen seinen jüngeren Bruder, drückte sein Gesicht fest an dessen nasse Schulter, erlaubte sich, den vertrauten Geruch einzuatmen und versuchte, mit dem lächerlichen Herumgeflenne aufzuhören, allerdings gelang es ihm mitnichten.
"Es tut mir... so unsagbar leid, ich... ich konnte einfach nicht... ich..."
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mi 15 Apr 2015 - 22:59

Raphael spürte wie die rastlose Emotionslosigkeit seines Wartens langsam wieder den Gefühlen wich, die irgendwo in ihm, dicht unter der Hautoberfläche geschlummert hatten und nun langsam hervor zu brechen begannen. Als bestünde er selbst lediglich aus feinem Glas, so dass bereits der einfachste Riss genügte um den Damm bersten zu lassen. Es schien als könne er selbst nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, doch war es tatsächlich nur der Regen, welcher seine Wangen benetzte und sich im dichten Haar seines Bruders verfingt, während in ihm Enttäuschung und Wut aufwallten, niedergerungen von der Erleichterung die er beinahe Augenblicklich empfand, nun da er wieder in der Nähe seines Bruders war. Der Gedanke nun mehr ohne ihn auskommen zu können war geradezu lächerlich - als wollte ein Normalsterblicher das Atmen aufgeben oder ein Fisch seinen vertrauten Teich, das lebenswichtige Wasser verlassen. Für einen Moment gab er sich sogar der Illusion hin, dass nun alles wieder gut werden könnte. Doch der Augenblick verging und sobald die Tropfen in seinen Kragen zu laufen begannen riss ihn die Kälte wieder aus der stummen Trance, erinnerte ihn an das Geschehene und hieß ihn unsanft in der Realität willkommen.
Er liebte diesen Mann, doch seine Sorge, der Frust und die Enttäuschung ließen sich nicht lange vor ihm verbergen, da er seine Gesichtszüge ebenso gut kannte wie die eigenen und Dorian jegliche Regung zu deuten verstand. Sobald er den Kopf hob würde er die zusammengepressten Lippen sehen, das Leid in den sturmgrauen Augen lesen können und verstehen wie sehr er ihn verletzt hatte.
Und dennoch hielt er ihn, der kleine Bruder den großen. Spendete ihm Trost, hielt ihn in seinen Armen und murmelte leise irgendwelche nichtssagenden Worte der Beruhigung. Neben dem Geruch von nassem Asphalt und feuchtem Rasen lag nun auch eine andere Note in der Luft – Dorian.
Vertraut und gleichzeitig fremd, als haftete ihm das was er getan hätte an, wie ein verräterischer Duft. Doch hatte er es getan? Raphael wollte es, ja musste es wissen.
Erst einmal jedoch drängte er seinen Zwilling Stück für Stück in dessen Flur zurück, hielt ihn fest umschlungen und führte sie beide aus dem Regen hinein in die gute Stube. Aus dem Augenwinkel sah er eine spärlich mit Jacken besetzte Garderobe, doch würdigte er sie keines weiteren Blickes und auch die Größe des Hauses, welches nur allzu gut vom wirtschaftlichen Erfolg seines Bruders zeugte, war im Moment nebensächlich. Seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz Dorian, welchen er nun langsam von sich löste um ihm in die Augen blicken zu können – er kam sich schrecklich egoistisch vor seinem eigenen Bedürfnis nach Wahrheit nachzugeben, da es offensichtlich war wie unangenehm die Lage für sein Gegenüber gerade sein musste. Die Frisur seines Bruders war ungewöhnlich zerwühlt, glich mehr seiner eigenen als dem Mann den er kannte und unter seinen reumütig müden Augen lagen unglückliche Schatten. Er wollte fragen – doch er konnte es nicht.
Stattdessen bugsierte er ihn lieber auf einen gemütlichen, mit einem geschmackvoll schwarzen Schafsfell bedeckten Stuhl und begann von irgendetwas Nebensächlichem zu sprechen. Allein die Tatsache, dass er das Wetter erwähnte zeigte auf wie verzweifelt Raphael sein musste – „Tee“, murmelte er schließlich resignierend und griff damit unterbewusst auf die übliche Problemlösungs- oder wohl eher Nicht-Lösungs-Taktik ihrer Mutter zurück.
„Ich brauche eine Tasse Tee, möchtest du auch eine?“
Nachdem sein Bruder nickte entschwand er geschäftig wirkend aus seinem Sichtfeld, irrte umher bis er die große Kochinsel gefunden hatte und schaffte es sogar nach einiger Suche den Hightech-Kocher in Gang zu setzen. In einem Schrank fand er einen alten Darjeeling, schon sieben Monate abgelaufen, doch schließlich waren es nur kleine Tütchen mit Blättchen darin, also warf er die beiden Beutel dennoch in die Becher. Zucker sah er keinen, ebenso wenig wie Honig und während er stand und auf das Wasser wartete, versuchte er sich seinen Bruder vorzustellen, wie er inmitten dieser Küche stand und ein Gericht zauberte – er schaffte es nicht. Kein Bild von Dorian erschien, stattdessen sah er Cat vor seinem inneren Auge, fröhlich in einem Topf voller Milchreis rührend und irgendetwas über eine Kunstaustellung plappernd, welche sie gemeinsam besuchen wollten. Neben ihr ein Glas voller Sauerkirschenkompott und in ihrem Gesicht das vertraute, kindliche Grinsen… - „Fertig?“
Die Stimme riss ihn aus den Gedanken und er sah, dass Dorian ebenfalls den Raum betreten hatte und nun, selbst in vollkommen aufgelöstem Zustand unheimlich gut aussehend, an der Küchentheke lehnte. Sofort fühlte er sich ertappt, peinlich berührt angesichts der Tatsache, dass er selbst wohl keinen Deut besser war als er, wenn man bedachte, dass er und seine Frau noch vor wenigen Stunden hemmungslos gevögelt hatten – anders konnte man es wirklich nicht mehr nennen. Dass der Kocher längst fertig war, hatte er gar nicht bemerkt, viel zu gewöhnt war er es stets einige Zeit auf das Wasser warten zu müssen und obgleich ihm sein Handeln leid tat, konnte man nicht von bereuen sprechen, was sein schlechtes Gewissen nur noch verstärkte. Trotzdem, er brauchte das Wissen – sie hatten sich doch sonst auch alles erzählt, sie waren doch sonst immer so … so … unzertrennlich?
Gewesen vielleicht einmal, die Zeiten hatten sich geändert, wie ihm nun schmerzlich bewusst wurde.
„Ja“, bestätigte er leise, machte aber keinerlei Anstalten einzugießen. „Wer war das? Der Kerl am Telefon. Dorian, wer?“, brach es stattdessen schließlich aus ihm heraus. Jetzt war es sich, was das Bereuen betraf auch nicht mehr so ganz sicher. Er wusste nicht einmal, ob er die Antwort wurde verkraften können.
Was ihn betraf, so hatte er bis er seine Catherine kennen lernte mit niemand anderem geschlafen als seinem Bruder. Allein der Gedanke schien so falsch, doch hatte sich nie etwas richtiger angefühlt. Raphael hatte nie das Bedürfnis nach der Nähe anderer Menschen verspürt, keinerlei  Verlangen, geschweige denn Leidenschaft. Er hatte seit ihre Eltern sie auseinander gerissen hatten keine andere Person auch nur eines Blickes dieser Art gewürdigt und war zufrieden gewesen. Zufrieden, aber nicht glücklich – erst Cat hatte das zu ändern vermocht und somit sollte er ihr dankbar sein und sich nicht für das schämen müssen, was er in ihr gefunden hatte. Trotzdem konnte er den stummen Anschuldigungen nicht standhalten und so war es beinahe schon eine Erlösung als die Türklingel die angespannte Pause des Schweigens unterbrach. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken eilte er davon um zu öffnen und erst als er einige Sekunden später einem nicht unansehnlichen jungen Kerl gegenüberstand der ihn einmal verwirrt von oben bis unten musterte, wurde ihm klar was oder wohl besser gesagt wen er vor sich hatte. Der Mann wunderte sich vermutlich über seine Kleider, schließlich sah er Dorian ansonsten zum Verwechseln ähnlich und eben dies war auch in der jetzigen Situation der Fall. „Ich hab meinen Schlüssel bei dir liegen lassen, kann das sein?“, und abermals schlüpfte er in die Rolle seines älteren Bruders, zwang sich ein leichtes Lächeln auf das von Sorgen gezierte Gesicht und nickte leicht. „Kann sein. Moment…“
Und tatsächlich fand er den Bund auf dem Tisch liegend, eine trostlose kleiner Versammlung verschiedener Schlüssel, die er dem ungebetenem Gast schweigend reichte, während er spürte wie ihm die stechenden Blicke seines Bruders folgten. Raphael hatte Scheiße gebaut, das war ihm klar und trotzdem konnte er nicht anders als die Situation auszureizen, auch wenn er sein kindisches Handeln gleichzeitig wie einen Film vorüber flimmern sah und sich seiner eigenen Dummheit schämte.
Als sich der Typ vor der Tür bedanke und von Dorian verabschiedete schüttelte er in seinem Leichtsinn den Kopf und verbesserte ihn mit eisiger Stimme. „Nicht Dorian, sondern Raphael – machs gut“, und ohne zu zögern ließ er die Tür ins Schloss fallen, starrte einen Moment lang wie versteinert vor sich hin, ehe er sich umwandte, in die Küche zurück trottete und einen großen Schluck von dem viel zu heißen Tee nahm, welchen sein Bruder in der Zwischenzeit aufgegossen hatte. Beinahe musste er würgen.
„Immerhin sah er gut aus“, presste er hervor, der Ton matt und erschöpft. „Nur warum?“
Und mit einem Mal war er wieder da, der kleine Bruder. Er blickte den unwesentlich älteren verunsichert an, wütend zwar und dennoch schutzsuchend, verletzt wie ein angeschossenes Reh.
Irgendwo in ihm jedoch brodelte es, unterdrücktes Verlangen machte sich bemerkbar und er spürte das Bedürfnis sich seinen Bruder zurückholen zu wollen. Mit Haut und Haar – den Menschen, mit welchem er sich die Seele teilte, seine zweite Hälfte, sein Ebenbild, seinen Zwilling. Er war sein.
 Doch er sprach es nicht aus, schenkte ihm lediglich diesen Blick und nippte wortlos an seiner Tasse Tee, der inzwischen viel zu stark geworden war.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 17 Apr 2015 - 10:05

Das war alles so schrecklich unfair, verworren und absurd! Wieso war sein Bruder hier? Er wollte sich entschuldigen, bekam aber kein Wort heraus und fand sich urplötzlich auf einem Stuhl mit einer Tasse Tee vor sich den berechtigten Fragen seines Bruders ausgesetzt. Wer das gewesen war? Konnte er sich das nicht denken? Durfte nur er eine Beziehung haben, die über ihre Zweisamkeit hinaus ging? Durfte nur er eine Catherine haben? War das so?
Kurze Zeit, nachdem er das gedacht hatte, verabscheute er sich so sehr für den Gedankengang, dass ihm physisch schlecht wurde und er sank unter dem Blick seines Bruders nur noch mehr zusammen.
"Ich..."
Das Schrillen der Türklingel - eigentlich ein eher dezenteres wenn auch gut vernehmbares Geräusch - ließ ihn zusammen zucken wie ein Schuss. Es kamen nicht viele infrage, die das sein konnten.
"Raphael, nein, bitte..."
Er hatte ihn am Arm fest halten und zurück ziehen wollen, war aber nicht schnell genug gewesen und so sah er seinem Zwilling nur mit ausgestrecktem Arm und greif-bereiter Hand hinterher wie er zum Flur ging. Und kurze Zeit hörte er tatsächlich Bastian. Warum hatte er nicht einfach mehr getrunken? Das wäre die Lösung für alles gewesen, dann wäre er im Krankenhaus gelandet und man hätte ihm den Magen auspumpen müssen - alles in allem eine im Wesentlichen sehr viel angenehmere Vorstellung als das hier. Warum hatte er seinen verdammten Schlüssel vergessen? Wie dämlich konnte man sein, wieso hatte er ihn überhaupt aus seiner Jacke heraus genommen? Raphaels Ausdruck sprach Bände als sich ihre Blicke kurzzeitig kreuzten als er im Begriff war, Bastians Schlüssel zu ergreifen und als er das kleine, kranke Spiel auflöste und sich als der entpuppte, der er wirklich war, konnte Dorian sich sehr gut vorstellen, wie Bastian drei geschaut haben musste. Den Blick, der sich immer erst entwickeln musste, bestehend aus Unverständnis, Nachdenklichkeit und schierem Unglauben, hatte er schon oft genug in den verschiedensten Gesichtern wiedergespiegelt gesehen. Sie hätten damit nie anfangen dürfen. Was dachte sich Gott dabei, wenn er zwei gleiche Geschöpfe mit zwei unvollständigen Seelen schuf, die einander zum Überleben brauchten? Dieses Abhängigkeitsverhältnis kam doch beinahe einer Behinderung gleich und dann trieb man auch noch diese Spielchen mit der Umwelt nur bestehend und aufbauend auf Lug, Schein und Trug.
Die erneute Frage nach dem Warum sowie der zynische Kommentar rissen ihn aus seinen Gedanken und zwangen ihn, den Blick wieder zu seinem Bruder zu heben.
"Es tut mir so leid, Raphael. Ich... konnte bei euch nicht mehr sein, nicht nachdem Catherine... nicht nach dem was vorgefallen war, ich..."
Er hatte einfach da weg gemusst! Es war eine schlechte Idee gewesen, da überhaupt aufzutauchen, genauso, wie es für einen trockenen Alkoholiker eine schlechte Idee war, ein gut gemeintes Geschenk in Form eines edlen Tropfens zu entkorken nur um daran zu schnuppern. So funktionierte das eben einfach nicht. Man konnte den Kontakt nicht abbrechen, weil es angeblich das Beste für alle Beteiligten war, sich dann nach Jahren wieder sehen und erwarten, dass plötzlich alles normal wäre. Nichts an der Tatsache, dass zwei Brüder sich auf ihre Weise liebten, konnte man als normal bezeichnen. Wirklich nicht.
Er zuckte kraftlos die Schultern.
"Ich kann mich nicht rechtfertigen, das wäre dir gegenüber nicht fair, Raphael. Ich hab einfach nur versucht... aufzuhören und zu vergessen."
Wie schwach er doch war. Jetzt damit zu argumentieren, dass es nur Sex gewesen sei, wäre wohl genauso unpassend wie alles andere, deswegen ließ er es gleich weg. Er fühlte ja dasselbe, wenn er Cat ansah, was sollte er sich vormachen, es schmerzte unheimlich, war unfair und lastete schwerer auf der Brust als Bleiberge, aber was sollte man machen? Sie waren nun verheiratet. Und er war allein.
"Es ist so schwer, dich gehen zu lassen... ich hab das Gefühl, ich kann das nicht."
Es war schneller raus gewesen als er wirklich darüber nachdenken hätte können und am liebsten hätte er die Worte wieder eingefangen, zurück in seine Kehle gestopft und sich den Mund zugehalten, da war es allerdings leider schon zu spät.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 20 Apr 2015 - 19:40

„Dann lass es.“
Die Antwort entwich ihm ebenso intuitiv wie die Wörter Dorian gerade eben entflohen waren, doch der junge Mann wirkte darüber kein wenig verunsichert, allerhöchstens ein bisschen verloren wie er in der Küche stand und von Zeit zu Zeit an seinem Tee nippte. Nachdenklich betrachtete er seinen Bruder, die vertrauten Gesichtszüge, das dunkle Haar und die Ringe unter den Augen, die von einer schlaflosen Nacht zeugten. Raphael war ihm nicht sauer, er spürte die Verzweiflung praktisch am eigenen Leib und war sich nicht so ganz sicher, ob er an Stelle seines Zwillings nicht denselben Fehler begangen hätte. In ihm glühte nach wie vor der beißende Funken Wut, vermischt mit Frust und Enttäuschung, doch gab er nicht seinem Gegenüber die Schuld an der Situation – für ein Schicksal wie ihres gab es keine Verantwortlichen, denn sie alle waren Opfer die daran zu Grunde gehen würden.
Nachdenklich fuhr er sich selbst durch die beinahe schwarzen Strähnen, welche bereits unordentlich von seinem Kopf abstanden und spürte die restliche Feuchtigkeit der Regentropfen darin, während er darum kämpfte die richtigen Worte zu finden. Richtig jedoch war in diesem Moment ebenso fehl am Platz wie Normal – es konnte nicht gut gehen, doch würde er nicht loslassen können. So egoistisch es auch war, das Spiel mit verdeckten Karten, diese große Lüge, was das, was dem Begriff Glück für ihn am nächsten kam.
„...du bist doch gegangen“, murmelte er leise, doch sein Tonfall war nur für einen Moment vorwurfsvoll, dann tauchte wieder dieser traurige Ausdruck in seinem Gesicht auf und er trat hinüber zu seinem Bruder. Kniend war er knapp unter der Augenhöhe des sitzenden Dorian, doch es reichte um seinem Blick ernst und überzeugend zu begegnen. Die Tasse stand nun unbeachtet auf der Anrichte, und all seine Aufmerksamkeit galt seinem Bruder und den wenigen Silben, die nun langsam und bedacht seine Lippen verließen.
„Ich will dich. Ich brauche dich, Dorian. Verstehst du nicht, es … es wird nicht leichter. Ich habe lange genug versucht es mir einzureden, aber wir sind erwachsene Menschen und langsam ist die Zeit vorbei uns etwas vorzumachen“, für einen Moment schien es, als wollte er sich bereits abwenden, dann aber riss er sich wieder zusammen, legte die Hand bittend auf das Knie des sitzenden Mannes und wäre die Anspannung in der Luft nicht so spürbar, hätte das sichtbare Szenario ironischerweise beinahe etwas von einem Heiratsantrag an sich. Dinge, an die Raphael im Moment jedoch keinen Gedanken verschwendete, stattdessen räusperte er sich leise und sog hörbar zittrig die Luft ein. „Wir können vielleicht aufhören, erneut versuchen zu gehen, nur vorbei wird es niemals sein … solange wir beide leben, Dorian. Und ich möchte dich nicht gehen sehen, ich lebe lieber mit dieser und vielen anderen Lügen, als mir selbst irgendetwas vor zumachen. Gestern war ich so glücklich wie lange nicht mehr! Catherine ist ein wunderbarer Mensch, besser als wir beide zusammen, doch sie wird mir niemals dasselbe bedeuten wie du, genauso wie der Versuch dich mit irgendwelchen daher gelaufenen Typen abzulenken vollkommen erbärmlich ist. Verdammt! Das Gehabe hängt mir zum Hals raus, unser Vater kann mich mal, ich liebe meine Frau, aber zurück zum Status quo und ich werde wahnsinnig. Ich werde nicht so tun, als wäre es nie gewesen, jetzt wo ich weiß was ich brauche. Scheiße, Dorian … ich will nur dieses eine Mal egoistisch sein dürfen, lass uns verflucht nochmal egoistisch sein – das zwischen uns ist kein Spielchen. Die dort draußen, geben wir ihnen, was sie glauben und akzeptieren wollen, zum Teufel mit ihnen und selbst wenn ich für das alles in der Hölle lande, verdammt … ich will dich und nur dich, Bruderherz!“
Die Worte des normalerweise sanfteren, jüngeren Bruders klangen zum Ende hin immer heftiger, die unterdrückten Gefühle schienen die Sätze geradezu aus ihm heraus speien zu wollen und der Ausdruck in seinen Augen hatte sich gewandelt. Es war nicht länger das triste graue Funkeln, sondern ein Glitzern voller Tatendrang und es sprach für sich, auch als er sich bereits wieder erhoben und, nun wieder wesentlich ruhiger, seinem Tee zugewandt hatte. Die mittlerweile kühle Flüssigkeit tat nach der erhitzten Rede gut und am liebsten hätte er sich seinem Zwilling gleich wieder um den Hals geworfen, alle Zweifel in einem einzigen Kuss erstickt und ihn dazu gebracht zu vergessen, die Probleme, den Typen von vorhin und das Wissen warum er gegangen war – alles einfach nur noch weg. Doch ließ er ihm Zeit die Dinge zu verdauen, zeichnete derweilen scheinbar gedankenverloren mit den Fingerspitzen Muster auf den Tisch und wartete ab.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 21 Apr 2015 - 23:26

Unter dem nicht mal sonderlich verurteilendem Blick seins Bruders knickte Dorian ein wie ein dürrer Ast im starken Wind, senkte den Blick zu Boden und wünschte sich sonst wohin. Das änderte nichts daran, dass er die machtlose, kochende Wut in Raphaels Ausdruck gesehen hatte und die sich nicht gegen ihn richtete, was das ganze nur noch komplizierter machte. Klar, ihm war auch schon dieser klassische Filmtrick in den Sinn gekommen - der eine begab sich in nicht wieder gut machbare Ungnade des anderen, indem er etwas unverzeihliches anstellte und im Nachhinein einen riesigen Streit im Sinne von Ich muss mein eigenes Leben leben und du darfst mich nicht davon abhalten oder so ähnlich vom Zaun brach, sich jedoch insgeheim nur so verstellte, dass dem anderen Teil eine noch schmerzvollere Trennung erspart blieb - allerdings hatte das hier keine Relevanz, denn zum einen würde er sich nicht allein schon aus Protest in jemanden wie Bastian verlieben können und des Weiteren war da noch diese Sache, dass sie einander nicht anlügen konnten. Es funktionierte nicht, sie hatten es oft genug probiert. Sowas ging nicht.
Die Worte, die eine kurze Weile später gesprochen wurden, vermochten es nicht, Dorians Aufmerksamkeit zu erlangen. Wohl aber schaffte das Raphael, der kurze Zeit später vor ihm kniete und die ganzen Aussagen, die daraufhin auf ihn hernieder prasselten wie ein Hagelsturm. Mit leicht geöffneten Lippen und dem Blick eines aufmerksamen, jedoch teilweise auch verständnislosen kleinen Kindes blinzelte er seinen kleinen Bruder an und versuchte, indem er sein betrunkenes Hirn zig mal verknotete, zu sortieren, was die Kernbotschaft war, die sein Bruder ihm grade zu vermitteln versuchte. Das war einfach alles grade ein bisschen viel. Hatte er wirklich gesagt, dass... sie beide... weitermachen sollten? Miteinander? Während das mit Catherine parallel nebenher weiter lief? Im ersten Moment empfand er doch tatsächlich so etwas wie Erleichterung, dass er ihn zwar teilen musste aber immerhin behalten durfte, allerdings wurde ihm bereits kurze Zeit später schmerzlich bewusst, dass er das niemals schaffen würde. Und Raphael war plötzlich auch nicht mehr da. Vollkommen verstummt ließ der Ältere sein Gesicht hinter seinen Handflächen verschwinden und beugte sich leicht vornüber während er sich, leise vor sich hin murmeld und dabei einige der Phrasen seines Bruders wiederholte, grob übers Gesicht fuhr. Was sollten sie machen? Dieses Doppelleben-Ding würde nicht lange gut gehen, das war doch jetzt schon klar. Eigentlich sollten sie sich wirklich zwei Waffen besorgen oder gemeinsam von einem Hochhausdach springen und darauf hoffen, dass sie bei dem, was danach kam, irgendwie zusammen sein könnten. Für ihn ergab das Leben ohne seinen Bruder doch genauso wenig Sinn, bloß hielt er es einfach nicht für realisierbar.
"Raphael ich bin so müde.", seine Stimme war kaum mehr als ein tonloses, leises Gemurmel und sein Gesicht war noch immer hinter einem Wald von teilweise verschränkten Fingern verborgen, seine Augen geschlossen. Im Moment fühlte er sich wirklich nicht anders als müde. Als würde er am liebsten für eine kleine Ewigkeit schlafen, nur um darauf zu hoffen, dass alles wieder gut werden würde, wenn der Frühling kam und alle Krankheit und Kälte, die die Welt befallen hatte, weg geschmolzen worden war. Eine feige Einstellung.
"Bleib... bitte."
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 26 Apr 2015 - 19:11

Der warme Tee mit dem vertrauten Geschmack von würziger Minze und der regelmäßige Rhythmus in dem er die Tasse mechanisch immer wieder zu seinem Mund führte um an der heißen Flüssigkeit zu nippen gaben ihm einen gewissen Halt. Sein Herz schlug nach seiner kleinen Rede nach wie vor heftig, als wäre er nur knapp einem schlimmen Sturm entronnen und sein einziger Blick galt die gesamte Zeit über seinem Bruder, dessen nächste Worte ihm beinahe ein leises, trauriges Lachen entlockt hätten. „Natürlich bleibe ich“ – Dummerchen.
Wo sollte er denn sonst auch hin? Hier, keinen Meter entfernt von ihm befand sich die einzige Person bei der er im Augenblick sein wollte und doch fühlte er sich, als hätte er für einige Momente diese geistige Verbindung verloren, als er versucht aus den Regungen seines Zwillings zu lesen und daraus nicht schlau wurde. Oder vielleicht hatte er auch einfach nur nach einer Lösung gesucht, kein Wunder, dass er sie nicht gefunden hatte, wie denn auch, wenn es keine gab?
Doch jetzt war nicht die Zeit für große Überlegungen, noch für scharfe Worte oder Vorwürfe. Sie beide hatten ihre Fehler begangen, die einen wohl gravierender als die anderen, doch änderte das nichts an dem, was sie waren. Dorian und Raphael. „Komm“, …murmelte er schließlich und trat an seinen Bruder heran, strich tröstend über dessen zusammen gesunkenen Rücken und entwirrte die Finger, welche sein Gesicht verbargen. Es brach ihm das Herz Dorian derart hilflos zu sehen, schließlich war er doch stets der große Bruder, derjenige der immer noch wusste was zu tun war, auch wenn alle anderen bereits verzweifelten. Aber hier gab es nichts mehr zu retten. „Komm, wir gehen schlafen.“  Vielleicht würde dann alles wieder gut.
 
„Ich kann so aber nicht schlafen“, beschwerte sich eine dünne kleine Stimme und unter der rot gestreiften Bettdecke begann es zu rumoren. Kurz darauf tauchte ein dunkler, kleiner und sehr zerzauster Haarschopf darunter hervor und Raphael blickte flehend zu seiner Mutter, die mit einem amüsierten, allerdings entschlossenen Lächeln bereits im Türrahmen stand, die Hand auf dem Lichtschalter. Im unteren Teil des Stockbettes wiederrum konnte er aus dem Augenwinkel seinen Bruder erkennen, die Hände brav über dem blau gestreiften Stoff seiner Decke gefaltet, allerdings ein schelmisches Blitzen in den Augen. Auch er würde nicht schlafen können – oder wohl eher, gar nicht wollen. Zumindest nicht gleich, denn oft waren sie beide schließlich noch gar nicht müde und gegen Raphaels Angst vor der Dunkelheit halfen die wirr und manchmal sehr sinnlos zusammen gereimten Gutenachtgeschichten seines Zwillings perfekt. Manchmal erzählte er ihm auch aus der Schule, was in seiner Klasse so geschehen war, doch meistens dachte er sich einfach etwas aus, woraufhin sie beide nicht selten noch ein bis zwei Stunden länger als geplant über Piratenabenteuer oder Indianerpläne sinnierten. Also gut – nach einem verschwörerischen Blinzeln gab er Ruhe und verkroch sich wieder in seinem Bettzeug, schloss folgsam die Augen und wartete aus das Knipsen der Lampe.
Dann allerdings, nach dem Gutenachtgruß ihrer Mutter und sobald seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten hangelte er sich behände wie ein kleines Äffchen an dem Stockbett hinab, wo er seitlich neben Dorian landete der klaglos ein wenig zur Seite Rückte und seine Decke für ihn abhob.

„Bist du müde?“, wurde er halblaut gefragt und das Rascheln des Kopfkissens verriet, dass er hastig den Kopf schüttelte. Nicht im Geringsten. „Magst du mir etwas über Wikinger erzählen?“, kam es als genuschelte Antwort, doch kaum, dass sich der Arm seines Bruders sanft um ihn gelegt hatte und er zu flüstern begann, war Raphael bereits ins ferne Land der Träume abgeglitten.
 
Genauso lagen sie jetzt, Seite an Seite, doch die Zeiten der Abenteuer und Träume schienen vorbei. Trotz der wärmenden Decke war es, als suchte die Realität mit all ihrer Kälte immer wieder Einlass in seine Gedanken und es war ihm unmöglich hier und jetzt einzuschlafen, erst recht nicht bei dem Gedanken an die Dinge, die sich nur wenige Stunden zuvor in diesem Bett abgespielt hatten, auch wenn er tapfer Versuchte diese Überlegungen zu verdrängen. Aber es ging nicht so ganz und schließlich öffnete er die Augen wieder, den Blick auf Dorian gerichtet.
„Ich kann nicht schlafen.“
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 27 Apr 2015 - 22:48

Er war ihm so unendlich dankbar, dass er ihn nicht hasste. Einfach nur noch so unendlich, schrecklich dankbar, denn lieber wäre es ihm, er hätte seinen Bruder nie wieder gesehen, als ihn so zu verletzen, dass er ihn zu hassen begann. Er konnte von sich selber schließen, dass es wirklich einiges brauchen würden, bis er dazu fähig wäre, seinen Bruder zu hassen, er selbst bekam das grade ja nicht mal wirklich bei Catherine hin, er war der Letzte, der jemanden verurteilte, weil er sich Hals über Kopf in seinen Zwilling verliebte, ihm selbst ging es da ja nicht anders, auch wenn Catherine keine Ahnung von Raphael hatte und das so offensichtlich zur Schau stellte, dass es schon beinahe absurd wirkte, dass die beiden sich gefunden hatte. Er hatte nie viel von der Lebensweisheit Gegensätze ziehen sich an gehalten, einfach weil es bei ihnen immer so gewesen war, dass man zwei gleich geladene Pole nicht mehr auseinander bekam, aber anscheinend war in dem Sprichwort ja doch ein Fünkchen Wahrheit und sie beide waren nur eine Laune der Natur, so wie eine Missbildung in den Schwingen eines Vögelchens, das sterben würde, weil es sich nie in die Lüfte schwingen könnte. Ohne seinen Bruder würde er wirklich nie fliegen können, das war ihm seit langer Zeit mal wieder sehr klar, nun, da er neben ihm im Bett lag, seine Finger mit Raphaels verschränkte und das friedliche, ruhige Gesicht seines Bruders erkundete, wie eine Landschaft, die er nur im Winter gekannt hatte und nun im Frühling besichtigen durfte. Im Laufe des Tages hatte er sich nicht erlaubt, ihn so anzusehen, wie er es gern getan hätte, nämlich, indem er sich in seinen Zügen verirrte und sich Zeit nehmen konnte, jeden Winkel seiner Gestalt mit der Aufmerksamkeit zu würdigen, die er verdiente, gleichzeitig war ihm bewusst, dass das, was sie hier taten, nicht richtig war. Dass er seine angenehme, vertraute Wärme nicht verdient hatte und noch weniger spüren durfte und, was vielleicht das Schlimmste an allem war, dass dies hier die ganze Sache nur noch verschlimmern würde. Er liebte ihn zu sehr, das hier ging über das Höchstmaß hinaus, dass man erreichen durfte...
Plötzlich schauten ihm zwei Augen in der Farbe von in der Sonne angewärmten Stein an. Er hatte nie gefunden, dass sie dieselbe Augenfarbe hatten. Man konnte Raphaels gütige und vor Liebenswürdigkeit überlaufende Augen nicht mit seinen vergleichen, die immer nur denselben Grauton präsentierten. Die vier kleinen Worte betonte er noch immer exakt so wie früher und ohne große Probleme sah Dorian die 7 Jahre alte Miniaturausgabe seines Bruders vor sich, wie sie ihn mit großen Augen ansah, insgeheim schon gespannt darauf, was er sich heute Abend ausdenken würde, um ihn ins Land der Träume zu eskortieren.
"Komm her..."
Sanft legte er die Arme um seinen Zwilling und zog ihn näher zu sich.
"Wir schaffen das schon zusammen. Irgendwie schaffen wir es, dass du und Catherine weiter zusammen sein könnt und wir uns auch ab und an sehen können. Wir machen es, wie du es gesagt hast. Geben wir ihnen, was sie haben wollen, lassen wir Mum und Dad die Illusion, sie hätten uns gut erzogen, ich mach meine Firma weiter und du... lebst mit Catherine zusammen. Wir schaffen das, ich mach' alles dafür. Wirklich alles, Raphael."
Es klang schon nun, da er es aussprach, surreal. Würden sie das wirklich schaffen können? Man hörte doch immer wieder, wie manche Männer mehrere Familien in unterschiedlichen Städten hatten weil ihnen eine nicht reichte und es kam immer heraus. Immer. Wenn das zwischen ihnen publik würde, könnte er alles vergessen, sein Ruf wäre ruiniert und niemand würde ihn wieder einstellen. Sein Onkel, der von den frühkindlichen Therapiestunden der Zwillinge durchaus wusste, würde ihn verstoßen und er konnte sich eine andere Identität zulegen und ins Ausland verschwinden weil sicherlich niemand einen Kerl einstellen wolle, von dem die Öffentlichkeit das Bild des perversen Inzest-Verrückten hatte. Und Raphael... er würde Catherine verlieren. Er hatte doch gesehen, wie er sie angesehen und gehört, wie er über sie geredet hatte, die Frau bedeutete ihm die Welt und ihr Verlust müsste für ihn wohl unvorstellbar schlimm sein.
"Ich hasse es, dass niemand es zu verstehen versucht."
Allerdings musste man sich auch den Standpunkt der anderen klar machen, ihre Liebe hatte nicht viel mit ähnlichen anfangs verteufelten und heute respektierten Sexualitäten zu tun und komischerweise verstand er ja durchaus, dass Geschwister nicht gemacht wurden, um einander zu lieben oder sich gar fortzupflanzen, aber erstens konnten sie beide das ja auch nicht und zweitens konnte er wohl kaum etwas dagegen tun. Er fühlte sich nicht zu Männern wie Bastian hingezogen und würde auch nie mit einem solchen oder irgendjemand anderem glücklich werden konnte, wenn sein Bruder das plante, dann schön für ihn, er war sich sicher, dass es ein Ding der Unmöglichkeit für ihn darstellte, nicht mehr und nicht weniger.
"Ich werd' dich immer mehr lieben als alles andere, das versprech' ich dir. Was immer auch passiert..."

"Geht allein nicht zu nahe ans Wasser, ihr beiden! Das ist gefährlich, hört ihr?"
Die beiden Zwillinge waren so schnell die Treppe, die über die Düne hinweg zum Strand herunter führte, herunter gerannt, dass es ein Wunder gewesen war, dass sie nicht fielen.
"Ich bin Erster!!", japste der vorsätzlich in eine grüne Latzhose gesteckte Raphael, auf dass man diesen vom blau gekleideten Dorian unterscheiden würde können, wenn es darauf ankäme, selbst, wenn man sie nur von hinten sehen würde.
"Niemals, ich bin viel schneller als du!", kam es von seinem Bruder, ehe man für eine kurze Weile nur noch Gekicher von den zwei vornweg rennenden Zwergen hören konnte, ehe Raphael das Rennen gewann und beide schließlich knietief in den spülenden Wellen standen und sich laut lachend dem Gezeter ihrer Mutter aussetzten, die die klitschnassen Hosen beklagte, während sie schon nach wenigen Momenten keinem der beiden mehr böse hätte sein können. Wenige Augenblicke waren sie alle umgezogen, hatten alle Kleider bis auf die darunter liegende Bademode entfernt und gingen nun alle ihrer Beschäftigung nach, was heißen sollte, dass John Maynard sich mit seinem ganzen Stolz bestehend aus seinen beiden prachtvollen, mittlerweile sechsjährigen Söhnen in die kalten Wellen stürzte, um Acht zu geben, dass auch ja niemandem etwas geschah, da die Strömung an dem Strandteil hier weiter draußen auch mal ziemlich unerwartet und heftig sein konnte, während Lynette Maynard sich darum kümmerte, ein kleines Lager, das aus einer großen Karo-Decke, einem Sonnenschirm und einem entfalteten Picknickkorb bestand, aus dem sie auch Sonnencreme zu Tage förderte, wobei sie erstmal die kleine Rasselbande, die drei wichtigsten Männern in ihrem Leben, wieder aus den Wellen rief, damit sie sich angemessen gegen die Sonneneinstrahlung schützen konnten.
"Mama, schau mal, Raphael hat eine wunderschöne Muschel gefunden!", kam es von dem klitschnassen und regelrecht an seinem Bruder klebendem Dorian, der sichtlich stolz auf den Fund seines Bruders war.


Zuletzt von Newa am Di 5 Mai 2015 - 12:35 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 2 Mai 2015 - 15:19

Stolz präsentierte der kleine Raphael die Muschel, welche sein Bruder zuvor angepriesen hatte und lächelte selig als seine Mutter sie beide in ein Handtuch packte, einige Worte des Lobes sprach und anschließend begann ihre kleinen, stupsnasigen Gesichter mit dem höchsten Lichtschutzfaktor einzucremen, den es im Handel zu finden gab. Dorian murrte ein wenig und auch Raphael ließ die Prozedur nur stoisch über sich ergehen, doch der Duft lullte ihn dennoch ein und noch viele Jahre später wurde er den Geruch von Sonnencreme mit jenen Urlaubserinnerungen verbinden, die er hier sammeln würde. Das aufwachen in den lichtdurchfluteten Räumen, eng an seinen Zwilling gekuschelt, das Frühstück mit dem leckeren Bananenjoghurt, den es für ihn immer in doppelten Portionen gab, da es seinem Bruder nicht schmeckte und das Frühstücksei, welches er im Tausch dafür herzugeben pflegte. Das Rauschen der Wellen, welches einen von morgens bis abends begleitete und die Möwen, die hoch über allem kreisten und das kleine, familiäre Szenario neugierig beäugten.
„Mami, Mami wusstest du, dass Dorian schon richtig schwimmen kann?“, plapperte er aufgeregt drauflos, während nun sein Rücken an der Reihe war ordentlich mit Sonnenschutz eingerieben zu werden. Er verzog angewidert das Näschen, wartete allerdings neugierig auf die Antwort seiner Mutter. Geschwisterliche Konkurrenz kannte er nicht und ein Lob, welches seinem Bruder galt machte ihn ebenso stolz, genau wie dieser sich gerade eben wahnsinnig über seinen Muschelfund gefreut hatte.
Und kaum hatte Lynette Maynard zu einem Nicken angesetzt floss auch schon das goldigste Lächeln der Welt über seine Züge und seine roten Wangen glühten regelrecht, als sie seine Beobachtungen bestätigte. „Ja, das hab ich gesehen … genauso wie du. Ihr seid wie kleine Fische, genau wie euer Vater. Umdrehen“, und wie ein braver Pfannkuchen wandte sich Raphael um, damit seine Mama auch noch den Rest seines Körpers ordentlich einschmieren konnte. „Ich möchte ein Delfin sein“, erklärte er fröhlich und zappelte ein wenig herum, ungeduldig sich gleich wieder in die Fluten stürzen zu können.

„Delfine sind keine Fische mein Schatz“, wurde er allerdings kurz darauf von seiner Mutter ernüchtert und sein Lächeln verblasste ein kleines bisschen, ehe Dorian sich eilends einschaltete und versöhnlich erklärte, er dürfe trotzdem gerne ein Delfin sein. „Das sind ganz, ganz schlaue Tiere hat unsere Lehrerin gesagt und wenn ich lieber ein Seehund bin, sind wir beide keine Fische, ja?“  Und mit einem leisen Kichern stimmte Raphael ihm zu. „Au ja, nur Papa, der ist ein Fisch … er ist eine Flunder, guck mal wie er da liegt.“ Woraufhin auch von Seiten seines Bruders ein vergnügtes Lachen zu hören war, als er ihren Vater betrachtete der flach und faul auf dem Bauch in der Sonne lag.
Dann wurde gewechselt und Dorian war an der Reihe mit ordentlich Creme eingerieben zu werden, während sein Zwilling brav auf ihn wartete, angestrengt darauf achtgebend nicht in den Sand zu geraten, weil er es eklig fand, wenn dieser an seiner nun klebrigen Haut hängen blieb. Aufgeregt trat er von einem Bein aufs andere, doch ihm wäre nicht im Traume eingefallen sich ohne seinen Bruder auch nur einen Zentimeter in Richtung des Wassers zu bewegen. Ganz zu schweigen davon, dass auch Papa noch keine Anstalten machte sich wieder zu erheben und sie definitiv eine Aufsichtsperson brauchten. Denn auch wenn sie beide ganz begeistert ihre Schwimmzüge übten, so gab es an dieser Stelle doch hin und wieder einige Strömungen die nicht ungefährlich waren. „Kommst du, kommst du, kommst du?“, riefen sie schließlich beide aufgeregt und sprangen um ihren Vater herum, der verschlafen aufsah und sich schließlich – wie es schien nach einer halben Ewigkeit erst – wieder erhob. Dann rannte die ganze Bande von neuem los hinein ins das erfrischende Nass, während Lynette Maynard ihren drei Pappenheimern nur kopfschüttelnd hinterher blicken konnte und zufrieden dem zu ihr hinüber klingenden Lachen lauschte.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 5 Mai 2015 - 13:36

Dorians Blick lag, zwar nicht schwer aber doch vermutlich spürbar, auf den schmalen Schultern seines Bruders, die soeben durch die Creme-Behandlung ihrer Mutter eine Nuance heller getüncht wurde. Beinahe so, als würde er überwachen, dass Lynette Maynard ihren Job auch gut machen würde und tatsächlich spürte er für sein kleines Ebenbild eine gewisse Verantwortlichkeit, die weit über das normale Maß eines Familienmitgliedes hinaus ging und damit vielleicht höchstens noch an die Zuneigung heran kam, die ihre Eltern für sie oder einander empfinden mussten, wobei er sich berechtigterweise fragte, ob das, was Raphael und er hatten, nicht vielleicht sogar doch noch ein bisschen mehr war. Immerhin war Vati oft wegen seiner Arbeit weg oder kam spät nach Hause, womit Mutter wirklich gut zurecht kam, während es bei ihm persönlich schon beinahe pathologische Zustände hervorrief, wenn Raphael einen Arztbesuch hatte, während er in der Grundschule hatte zurück bleiben müssen. Er fühlte sich dann extrem unwohl. Ebenso hatte er es nicht verstanden, wieso sie nun auf einmal zum sechsten Geburtstag zwei Rennwagen-Betten geschenkt bekommen hatten wo doch eines vollkommen ausgereicht hätte.
Als er an der Reihe war mit Eincremen warf er seinem Zwilling ein Lächeln voller Vorfreude zu und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Wange, ehe er sich brav zu seiner Mutter stellte und sich den Rücken einreiben ließ, die ihn ebenfalls kurz mit einem Kuss aufs Haar bedachte, mit dem Blick purer, geballter Mutterliebe anblinzelte und sich halb neckend, halb fragend erkundigte, ob sie denn bei Raphael auch alles richtig gemacht hatte, da sie sich durchaus bewusst gewesen war, unter kritischer Beobachtung gestanden zu haben. Dorian allerdings nickte nur schmunzelnd und half seiner Mutter dabei, den Sonnenschutz auf sich zu verteilen, damit es schneller ging, immerhin mussten sie es ja auch noch einwirken lassen. Diese Zeit mussten sie natürlich noch wegen der über-fürsorglichen Mutter, die ihren Mann, der in der Sonne briet, wohlwollend ignorierte, unter dem Sonnenschirm ausharren, allerdings machte das nichts, denn Mrs. Maynard, das Organisationstalent schlichtweg, hatte an alles gedacht und ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht eingepackt. 
Als die Einwirk-Zeit vorüber war, wurden die beiden Jungen dann endlich auf ihren Vater losgelassen worden und keine zehn Minuten später wurde zum Gewöhnen an das verhältnismäßig doch recht kühle Wasser dann eine kleine Wasserschlacht begonnen, die die Zwillinge haushoch gewannen, obwohl am Ende eigentlich alle gleichsam nass waren. Der Tag war wirklich wunderschön und das Meer unsagbar ruhig und angenehm, es waren kaum Quallen in Strand-Nähe und außerdem wimmelte es um diese früh-sommerliche Jahreszeit auch noch nicht so sehr von Badegästen, dass es einem schwer fallen würde, die Zeit auch wirklich mal zu genießen. Mit der Zeit als Vater Maynard sich gewissenhaft doppelt und dreifach davon überzeugt hatte, dass beide mit dem seichten Wellengang auch schwimmend zurecht kommen würden, fragte er die beiden Jungen, ob sie vielleicht mal ein paar Sprünge vom Steg, der vom Strand aus etwa 200 Meter ins Meer hinein reichte, zu wagen und stieß sowohl bei Raphael als auch bei Dorian dabei auf tosenden Beifall, weswegen er ihnen auch kurze Zeit später vormachte, wie ein Olympia-reifer Kopfsprung auszusehen hatte, wohingegen die ersten, zögerlichen Versuche der beiden Jungs wohl eher bescheiden aussahen, da keiner der beiden sich so richtig traute, so abzuspringen, dass er mit dem Kopf als erstes im Wasser landen würde. Allerdings besserten sie sich mit der Zeit, denn natürlich gaben sie sich ja auch Mühe und wollten es ihrem Vater unbedingt recht machen, der sie mehrfach ermahnt hatte, nicht abzuspringen, ehe der andere wieder aufgetaucht und außer Reichweite geschwommen war, damit man sich nicht gegenseitig über den Haufen sprang. Genau aus diesem Grund stand Dorian momentan auch noch barfuß auf den Holzplanken und fixierte die Wasseroberfläche, die jeden Moment von dem hübschen Gesicht seines geliebten kleinen Bruders unterbrochen werden musste. Jeden Moment... Gleich musste er da sein...
Das freudig-aufgeregte Lächeln schwand langsam aus seinem Gesicht und Verwirrung machte sich neben einem unangenehmen Gefühl der Sorge in ihm breit, während er hilfesuchend zu seinem Vater herüber sah, der die dunklen Wellen mit kritischem Blick fixierte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
"Daddy..? Wo ist-"
"Du bleibst hier stehen, hast du mich verstanden?"
Gleich darauf bekam er ein paar Spritzer Wasser ab, die sich auf seiner Haut eiskalt anfühlten, als sein Vater gehetzt ins Wasser sprang und sehr schnell in den dunklen Tiefen verschwunden war. Jetzt wurde es ihm doch auf einmal ganz anders, hier stimmte irgendwas nicht und Raphael war nicht bei ihm, er war irgendwo da unten und Papa würde ihn vielleicht nicht finden. War das diese gefährliche Strömung, vor der Mama sie gewarnt hatte? Hatte sie Raphael mitgerissen und jetzt war er im kalten Wasser und konnte nicht atmen..? Er konnte quasi spüren, wie seine Kehle sich zuschnürte, ehe er den Entschluss fasste, dass er sofort seinem kleinen Bruder helfen musste. Grade sollte er springen, da hielten ihn die Hände seiner Mutter zurück, die natürlich gleich bemerkt hatte, dass etwas nicht in Ordnung war und mittlerweile auf den Steg geeilt war. Sie drehte den kleinen, dunkelhaarigen, zappelnden und sich wehrenden Jungen zu sich um, weg von dem Wasser, ging in die Hocke und umarmte ihn. Sie wollte nicht, dass er sah, was da eventuell gleich wieder hochkommen könnte.
"Mama, lass mich! Er kriegt keine Luft da unten, ich muss ihm helfen!"
Es war zwecklos, seine Mutter ließ nicht locker, egal, wie sehr er auch in Panik verfiel, herum schrie und um sich schlug und trat. Allerdings verstummte er, als er das bewegte Wasser hörte und wie jemand die Leiter auf den Steg hoch stieg.
Lynette fixierte kurz den leblos wirkenden Körper ihres jüngeren Sohnes und drückte Dorian noch ein bisschen fester an sich, während sie ihrem gehetzten Mann dabei zusah, wie er den Jungen ablegte und Maßnahmen ergriff, um ihn wieder zu beleben.
Dorian wurde derweil mit einem Mal unendlich kalt. Er hörte auf, sich zu wehren und starrte verwirrt die Augen seiner Mutter an, dann riss er sich, als sie nicht damit rechnete, von ihr los, wandte sich um und bekam den Schock seines Lebens, indem er die letzte Sekunde des Anblickes eines nicht atmenden Raphaels zu Gesicht bekam, ehe dieser den Mund öffnete und eine große Menge Wasser ausspuckte.


Raphael war müde gewesen und schlief grade. Sie waren nochmal zur Sicherheit in der Notaufnahme gewesen, allerdings hatte ihnen ein Arzt bestätigen können, dass der Kleine in Ordnung sei. Dorian saß neben ihm im Auto, hielt die kleine, noch immer eher kühle Hand in seiner und bewachte jeden Atemzug Raphaels mit Argusaugen. 
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 26 Mai 2015 - 17:35

Es hatte Spaß gemacht. Eben noch war ein fröhliches Lachen von seinen Lippen geperlt und dicht gefolgt von seinem Bruder war Raphael Maynard über die rauen Holzplanken des Stegs gerannt – barfuß und von dem vertrauten Duft nach Sonnencreme und Sommer umgeben. Er hatte sich leicht gefühlt, beinahe fliegend und nur Sekunden bevor die Wellen über seinem Kopf zusammenschlugen hatte er die Augen fest zusammen gepresst um sie vor dem Salzwasser zu schützen – alles ganz einfach. Doch mit den letzten Klängen des Gelächters hatte es auch eine kleine Flut der Gischt in seinen Rachen geschafft und kaum dass er zu husten begann, verschluckte ihn das Meer vollends, während es nach außen hin nach wie vor glitzernd und warm und verlockend wirkte.
Seltsamer- oder vielleicht auch nur allzu natürlicherweise galten seine letzten Gedanken, ehe die Ohnmacht ihn übermannte weder sich selbst noch seinen Eltern, sondern einzig alleine Dorian, den sein plötzliches Verschwinden sicherlich in schreckliche Panik versetzen würde. Wer sollte nachts neben ihm schlafen, wenn sie sich mal wieder vor Geistern fürchteten? Wer würde in der Schule das Pausenbrot mit ihm teilen, wenn sein Bruder seines wieder mit zu vielen anderen geteilt hatte? Wer sollte denn dann im Schulbus neben ihm sitzen? Und würde er nicht schrecklich alleine sein?
Genau wie Raphael und obgleich ihm die wenigen Minuten der Schwärze im Nachhinein nur noch wie Sekunden erschienen, hatte er doch schreckliche Panik gehabt und war seinem Bruder auf dem gesamten Weg bis in die Notaufnahme und selbst während der Untersuchung nicht von der Seite gewichen. Selbst dem Arzt war es außerordentlich schwer gefallen, die beiden Zwillinge davon zu überzeugen, ihre Hände für einen Augenblick los zu lassen, damit Raphael sein Hemd ausziehen und er ihn abhören konnte. Doch schließlich hatten sie zugestimmt und nach einer kurzen Bestandsausnahme, war bestätigt worden, dass mit dem kleinen Unglücksfall alles in bester Ordnung war. Lediglich seine sonst so helle Stimme klang nun vorerst um einiges rauer und auch das Gefühl von Schleifpapier in der Kehle würde noch ein Weilchen anhalten. All das allerdings nahm Raphael wirklich gerne in Kauf, da alles was er wollte sich im Moment auf zwei Dinge beschränken ließ: Zum einen seinen Bruder hier neben sich und zum anderen bald wieder nach Hause, in ihr Bett.
Tatsächlich war er so müde, dass ihm bereits auf der Fahrt die Augen zufielen und erst als sie nur noch wenige Kilometer von ihrem Feriendomizil entfernt waren regten sich seine Lebensgeister wieder. Schwach blinzelte er einige Male, gähnte ausgiebig, was von einem leisen Husten begleitet wurde und sah dann vorsichtig zu Dorian hinüber, der seine Hand immer noch in der seinen hielt. „Sind wir noch nicht da?“, war das erste, was er ganz verwundert wissen wollte. Dann rückte er noch ein wenig näher hinüber zu seinem Zwilling, verschränkte die Finger der kleinen Händchen miteinander und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Beinahe wollte er ansetzen etwas zu sagen, warf dann jedoch einen Blick zu ihren Eltern und überlegte es sich noch einmal anders und schloss die Augen wieder. Tatsächlich schlief er ein und als er zum dritten Mal an diesem Tag erwachte, befand er sich wieder dort, wo er sein wollte – in einem warmen, weichen Bett. Bei genaueren Hinsehen war zuerkennen, dass es sich bei dem Zimmer noch immer um ihr Sommerappartement handelte und dicht neben sich spürte er einen zweiten, kleinen Körper unter seiner Decke – Dorian. Was hieß, dass ihre Eltern ihnen oder besser gesagt seinem Bruder bereits gute Nacht gewünscht hatten und sie nun ungestört waren. „Schläfst du schon?“, wisperte er in die graublaue Dunkelheit hinein, woraufhin sogleich ein Kopfschütteln folgte und zwei sanft funkelnde Augen ihn besorgt ansahen. „Alles okay?“, wollte daraufhin eine wesentlich weniger raue Stimme wissen und diesmal war es an Raphael zu nicken. „Ich musste Mami ja versprechen, ihr nie wieder so einen Schrecken einzujagen…“, berichtete er leise, auch wenn Dorian das gewiss schon wusste, schließlich hatte er direkt neben ihm gestanden und die kurze Predigt auch über sich ergehen lassen. „Aber ich finde, dann muss ich es auch dir versprechen, nicht wahr? Wir müssen es uns beide versprechen“, und sein Flüstern bekam einen Unterton kindlicher Dringlichkeit. „Ich werde nicht wieder etwas Dummes tun oder dir solche Angst machen, wirklich nicht. Versprochen! Und jetzt du … du musst auch
versprochen sagen, sonst gilt es doch nicht.“
Und neben sich, den Kopf ins Kissen gebettet glaubte er Dorian lächeln zu sehen, während die verschlafenen Worte sachte zu ihm hinüber klangen.
„Ist okay…
Versprochen!“
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mi 27 Mai 2015 - 22:11

Der Arzt, der Raphael untersucht hatte, stellte natürlich auch fest, dass nicht nur die Eltern sondern insbesondere auch der Zwillingsbruder seines Patienten schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war und das stetige Zittern eher vom Schock als von der Kälte kam, jedenfalls gab er nicht nur dem einen der beiden Jungen etwas mit, damit er heute Nacht ruhig schlafen konnte. Entsprechend wunderte sich der kleine Dorian auch, weswegen er nach der allabendlichen warmen Honigmilch an dem Abend so besonders müde wurde, sodass er sogar kurz einnickte, als sein Vater ihn hoch ins Kinderzimmer trug, während er schaukelnd an seiner Schulter hing und für einen Moment wirklich nichts mehr mit bekam. Raphael lag bereits im Bett und schien zu schlafen.
"Dad, ich will zu Raphael...", nuschelte der kleine Junge, sobald er registrierte, dass sein Vater dabei war, ihn in den oberen Teil des Etagenbettes zu verfrachten, "Bitte..."
Er hörte nur ein tiefes Seufzen. Mama und Papa mochten es nicht, wenn die beiden nicht in getrennten Betten schliefen, allerdings wog John Maynard in dem Moment einfach das Risiko ab, seinen kleinen, unter Medikamenteneinfluss stehenden, übermüdeten Jungen mitten in der Nacht aus einem Hochbett klettern zu lassen oder einmal inkonsequent zu sein und beschloss, dass er dem Älteren Sohn auch ausnahmsweise seinen Willen lassen konnte. Sobald der Lichtstreif verschwunden und eine kurze Weile Ruhe eingekehrt war, wachte Raphael auf und erneut überkam Dorian das Gefühl, das er auch am Strand gespürt hatte, auf dem Steg, als sein Bruder wieder geatmet hatte. In dem Moment hatten ihm die Beine nachgegeben und er hatte gleichzeitig gelacht und schrecklich geweint, während er seinen hustenden Bruder umarmt hatte, als wolle er ihn nie wieder los lassen. Er war sich in dem Moment einfach bewusst gewesen, dass er ihn auch hätte verlieren können. Und ebenso, dass dann ein wichtiger Teil von ihm selbst verloren gewesen wäre. Auch jetzt kullerte ihm wieder eine Träne ins Kissen, auch, wenn er gar nicht weinen wollte. Und er versprach seinem Bruder, dass er ihm auch nie einen solchen Schrecken einjagen würde - ihm nie das Gefühl zu geben, er könnte ihn verlieren. Kurze Zeit später versanken beide ins Reich der Träume.


Der Wecker klingelte und jagte Dorian Maynard aus dem Schlaf in den nächsten Tag. Träge und mit einem leisen Seufzen entschärfte er den Wecker und beendete das nervtötende Piepen, ehe er sich wieder tief in das Kissen sinken ließ. Er mochte Montage wirklich nicht sonderlich... Schule bis zum Nachmittag, dann noch Training und wenn er heim kam, durfte er auch noch ein Referat fertig stellen, dazu kam erschwerend, dass es gestern spät geworden war, da Andrew sich nicht hatte erweichen lassen, von Samstag Abend an in seinen Geburtstag hinein zu feiern sondern es mit Gewalt gestern hatte starten müssen. Neben ihm hörte er ein leises, wenn auch nicht minder wehleidiges Stöhnen und unwillkürlich schlich sich ein glückseliges Lächeln auf sein verschlafenes Gesicht, er drehte sich einmal auf den Rücken und schaute hinüber zu dem dunklen Haarknäul, das neben ihm lag und unter dem sich irgendwo sein Zwilling verbarg.
"Ich habe dir gesagt, dass du diesen selbst gemischten Scheiß nicht trinken sollst, ich will ehrlich nicht wissen, was sie da reingekippt haben, du forderst dein Glück heraus.", flüsterte er ganz leise und sachte, während er die Hand ausstreckte und sie unter Raphaels Teil der Decke gleiten ließ, wo er die Muskulatur des Rückens seines Bruders mit den Handflächen nachzeichnete - von einem Schulterblatt zum anderen und wieder zurück. Seine Haut war so schön warm und wunderbar weich. Im Gegensatz zu so ziemlich dem gesamten restlichen Jahrgang waren sie von der unreinen Haut verschont geblieben, so als würde sich ihr Körper lieber mit Wachsen beschäftigen, als mit derartig überflüssigen Nebensächlichkeiten wie Akne und Co.
Von der anderen Seite des Bettes kam nur ein Brummen, das Dorians Lächeln nur noch verbreiterte. Er liebte die Stimme seines Bruders und fragte sich oft, ob er sich genauso anhörte. In letzter Zeit war sie so unheimlich tief geworden und er mochte das sehr, es klang so melodisch.
"Becky steht, glaube ich, ziemlich auf uns, wenn sie betrunken ist. Ich glaub, insgesamt hat sie mich gestern zwölf Mal umarmt und acht mal komische Gespräche angefangen, bei denen sie mich mit Raphael angeredet hat... Ich denke eher, sie will was von dir. Oder denkst du, es ist ihr egal..? Oder denkst du, wir wären ihr beide recht? Vielleicht sogar zusammen?"
Nachträglich musterte er die blauen Streifen seines Kopfkissens, während seine rechte Hand noch immer den Rücken seines Bruders massierte. In letzter Zeit drehten sich die gesamten Gespräche ihrer Klassenkameraden nur noch um Mädchen, hauptsächlich um Vicky McLarren. Groß, blond, ziemlich nette, kurvenreiche Seitenansicht und sehr interessiert an Jungs. Auch einige seiner engeren Freunde verbrachten neuerdings mehr Zeit mit ihren ersten festen Freundinnen und tauchten seltener im Training oder im Skaterpark auf, er fragte sich langsam, ob er das ebenfalls wollte.
"Magst du sie, Raphael? Becky, meine ich. Magst du sie?"
Seine Hand hielt inne, sein Blick war noch immer auf das Bettwäschenmuster gerichtet und seine Gedanken verspannten sich zu komplizierten Knoten, nur um ihn zu verunsichern, weil er wirklich nicht wirklich wusste, was genau er nun wollte, da er, wenn er ehrlich war, das Gefühl hatte, bereits alles zu haben.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Do 28 Mai 2015 - 22:49

Er wachte nur Sekunden nach Dorian auf, war allerdings heilfroh, dass dieser den scheppernden Wecker bereits ruhig gestellt hatte und presste seine Augen, kaum dass er diese überhaupt geöffnet hatte, sogleich wieder fest zusammen. Sein Kopf wummerte und das leider alles andere als leise, während der Rest seines Körpers sich vollkommen gerädert anfühlte, als wäre er eben noch mit bleischweren Gliedmaßen einen kilometerlangen Marathon gerannt. Die Hand seines Bruders, die unter seiner Decke sanft seinen Rücken zu massieren begann war die pure Wohltat für seine schmerzenden Muskeln und im Halbschlaf leise gähnend probierte er sich zu erinnern, was gestern vorgefallen war. Zeitgleich lausche er so aufmerksam es ging Dorians Worten, woraufhin er zwar versuchte die Stirn zu runzeln, jedoch gleich wieder von dieser dummen Idee abließ und sich stattdessen, leise irgendetwas in den Stoff murmelnd, tiefer ins sein Kissen vergrub.
Er wollte nicht über diese Dinge nachdenken. Nicht, dass ihm Becky nicht bereits ins Auge gefallen war, genauso wie auch andere Mädchen, mit deren Blick sich der seine von Zeit zu Zeit in der Schule kreuzte, doch Raphael hatte bisher noch nicht heraus gefunden was den anderen so an ihnen gefiel. Rebecca Miller war gewiss sehr nett, er kannte sie auch aus dem Religionsunterricht, den sie jedoch meist kichernd neben ihrer Freundin Susan verbrachte und verband keinerlei negative Erinnerungen mit ihr, doch mehr? Er zuckte mit den Schultern.
Nicht gut - und sogleich folgte ein gequältes Seufzen, woraufhin er ein Stück näher zu seinem Bruder rückte und den Rücken ein wenig krümmte, damit dieser bloß nicht auf die Idee kam die Streicheleinheit zu beenden. „Ich weiß nicht, sie ist … okay, glaube ich. Ich will nichts von ihr oder wie das heißt, nicht so wirklich“, nuschelte er währenddessen eine Antwort und spürte wie seine Wangen von einem warmen Rotschleier überzogen wurden. Zum Glück hatte er sein Gesicht noch abgewandt. Nicht, dass er sich vor seinem Zwilling wegen irgendetwas schämen würde, doch diese Art von Gespräch schien ihm so fremd und wann immer Themen wie Mädchen oder irgendwelche Beziehungen aufkamen, fühlte er sich stets fürchterlich fehl am Platz. Ebenso wie gestern, nachdem alle begonnen hatten Flaschendrehen zu spielen. Anfangs hatte er noch dabei gesessen, doch dann, nachdem die lustig scherzhaften Fragen und die dämliche Sorte Aufgaben immer weiter persönlicheren Dingen gewichen waren und die ersten Küsse getauscht wurden, hatte er sich verzogen. Geendet hatte es schließlich gemeinsam mit Greg und einer großen Flasche Apfelsaftschorle – nun, es konnte wohl nicht nur Saftschorle gewesen sein – in der leeren Badewanne, wo sie kichernd gesessen hatten, bis die Feier schließlich für beendet erklärt wurde und sie alle nach Hause gehen konnten.
Greg, die eigentlich Grace hieß, doch aufgrund ihrer kurzen Haare, den Footballshorts und ihrem Basketballtalent jedoch stets bei der männlichen Namensversion gerufen wurde, war das einzige Mädchen, in dessen Gesellschaft er sich nicht ständig so fühlte, als würde irgendwer etwas von ihm fordern, was er nicht zu geben bereit war. Wenn sie ihn ansah, dann war es kein hoffnungsvoller Blick und auch nicht sonderlich verliebt, sondern einfach nur wie seit jeher frech, abenteuerlustig und spöttisch, wenn er beim Training mal wieder nicht schnell genug hinterher kam. Unkompliziert und einfach.
„Magst du sie?“, erkundigte er sich irgendwann, nachdem einige Sekunden verstrichen waren, hielt es dann nicht länger aus und wandte sich mühsam um, damit er seinem Bruder in die Augen sehen konnte. Was, wenn er jetzt ja sagen würde?
Er wollte nicht, dass Dorian so wurde wie die anderen, vielleicht sogar keine Zeit mehr für ihn fand oder von einem Mädchen wie Becky oder Vicky oder Trisha enttäuscht wurde. „Und wenn es ihr egal ist, dann ist sie ganz schön dämlich. Du bist viel netter zur ihr als ich und … nur weil wir gleich ausschauen, kann man uns nicht einfach austauschen“, fügte er ein klein wenig empört an. Das Stirnrunzeln diesmal klappte sogar ganz gut. Dann trat wieder ein nachdenklicher, wenn gleich auch recht verschlafener Ausdruck in seine Augen, ehe er sich ein wenig streckte und es sich dann auf Dorians anderem Oberarm bequem machte, der geradezu einladend die ganze Zeit auf dem Kissen gelegen hatte. Ein Blick auf den Wecker verriet ihm, dass ihnen noch zehn Minuten blieben, wenn sie sich später die Dusche teilten – ihre Eltern sahen dies zwar nicht gern, doch Montags mussten beide schon früh zur Arbeit und Raphael sah darin einen wunderbar effektiven Weg noch ein wenig Zeit zu sparen, bevor für sie beide ein anstrengender Tag anbrechen würde.
Nun sah er seinen Bruder aus nächster Nähe an, die weichen Gesichtszüge, die gerade Nase, vertraute Augen und der hübsche Mund, an dessen Winkel eben noch ein leises Lächeln gehangen haben musste. Und Raphael konnte sich wie so oft wirklich niemand schöneren als Dorian vorstellen.
„Hast … hm, Dorian, hast du gestern auch jemanden geküsst?“, unterbrach er schließlich erneut die Stille und an seinem Tonfall war zu erkennen, dass ihm dies aus irgendeinem Grund peinlich wichtig war. Auch wenn er selbst nicht genau wusste warum, vielleicht weil es ihn stören würde, oder auch nicht? Er selbst war möglicherweise einfach nur ein Spätzünder und wollte nicht, dass sein Bruder, mit dem er doch sonst alles teilte diese Erfahrung ohne ihn machte. Oder dieses leise Stechen war Eifersucht. Was, wenn Becky ihre Chance gestern ausgenutzt hatte?
Irgendwie wollte er gar nicht daran denken. Genau deswegen, war ihm Greg auch so viel lieber – sie würde nicht ihm Traume auf die Idee kommen ihre Lippen auf seinen zu platzieren, ihgitt!
Und wie um den Gedanken weit von sich zu schieben kniff er die Augen wieder zusammen und kuschelte sich fest an Dorian. Doch dessen Antwort stand, nach wie vor, noch aus.
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 29 Mai 2015 - 21:40

Dorian war es nicht wirklich klar, ob er Becky mochte, das war ja das Problem. Er konnte es nicht wirklich nachvollziehen, was alle auf einmal so anziehend an den Mädchen fanden, aber es musste da ja wohl irgendwas geben, sonst wären nicht alle auf diesem Trip. Ein wenig kam er sich einfach vor, wie ein dummer kleiner Junge, der ein einfaches Problem nicht verstehen wollte und da ihm das normalerweise selten passierte, versuchte er es eben zu kaschieren.
"Ich... bin mir nicht sicher."
Seinen Bruder mochte er. Und auf eine vergleichbare Weise... gab es da keinen anderen. Raphael war mit großem Abstand der wichtigste Mensch in seinem Leben, dann kam lange, lange nichts und irgendwann trat an Stelle Nummer 2 seine Mutter. An welcher Stelle Becky oder Vicky kam, wusste er nicht so genau. Sein Bruder holte ihn aus der Grübelei und brachte ihn zum Lachen.
"Leon meinte mal, sie wollen gar nicht, dass man nett zu ihnen ist. Komisch, oder? Warum sollte man sich in jemanden verlieben, der einen nur mies behandelt?"
Er wusste, dass sein Bruder ihn nie schlecht behandeln würde und ihm stets nur das Beste wünschte. 
Als er ihn das mit dem Kuss fragte, zog der Ältere seine Hand ganz zu sich zurück, schaute aber dafür seinem Bruder wieder, mehr oder weniger unverwandt, in die Augen, während er langsam den Kopf zu schütteln begann.
"Nein, hab ich nicht."
Plötzlich verengten sich seine Pupillen und vor plötzlicher Sorge wurde ihm abwechselnd ganz kalt und heiß, während sein Herz immer schneller schlug.
"Du etwa?"
Er wollte es überspielen, allerdings musste er sich sehr wohl eingestehen, dass es für ihn eine mittelschwere Katastrophe wäre, wenn sie... naja! Wenn sie diesen Schritt nicht zusammen gehen können würden. Sie hatten bisher alles zusammen gemacht. Gleichzeitig das Laufen, Fahrradfahren und Lesen gelernt, es machte ihm schlichtweg Angst, sein Bruder könnte ihn hinter sich zurück lassen und ohne ihn weiter gehen, auch wenn es ihm gleichzeitig klar war, dass sie diese Hürde nicht zusammen würden nehmen können. Eines Tages würde Raphael eine Freundin haben, vielleicht auch heiraten, wer weiß... er wäre sicher ein toller Vater, das Einzige, woran Dorian in dem Moment denken konnte war jedoch, wie sehr ihn allein die Vorstellung schon schmerzte. Wie schlimm es für ihn sein würde, ihn gehen zu lassen. Er dachte oft daran, dass sie vielleicht mal nicht mehr zusammen sein könnten, den einen oder anderen Alptraum hatte er dazu auch schon mal gehabt und jedes Mal war es der absolute Horror gewesen. Es mochte eine egoistische Ansicht sein, aber das Liebste wäre es ihm eigentlich, wenn er seinen Bruder ganz für sich haben könnte.
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 29 Mai 2015 - 22:19

Raphael schnaubte leise. Er konnte sich wirklich schöneres vorstellen, als von jemandem mies behandelt zu werden und es wäre ja die Höhe, einen solchen Menschen auch noch außerordentlich zu mögen. Nein, für ihn war das Denken dieser Mädchen alles andere als nachvollziehbar, weshalb er wirklich froh war, den gestrigen Abend mit Greg verbracht zu haben. Wenn sie jemand schlecht behandelte, konnte die entsprechende Person sich vermutlich darauf einstellen kreuzweise eine Gescheuert zu bekommen und in seinen Augen war dieses Vorgehen sehr viel sinnvoller, als jemanden küssen zu wollen, der einen allem Anschein nach nicht wertschätzen konnte. Kompliziert. Das alles war so schrecklich kompliziert und er selbst einfach nur unglaublich müde!
Unwillig zog er die Augenbrauen zusammen und warf Dorian einen ungläubigen Blick zu, als dieser dieselbe Frage wieder an ihn richtete. Als er dann auch noch begriff, dass sein Zwilling sich anscheinend ernstliche Sorgen machte, hätte er beinahe schon leise aufgelacht, wäre diese schreckliche Verunsicherung für ihn nicht ebenso gut nachvollziehbar gewesen. Außerdem würde er niemals über eine von Dorians Ängsten lachen, das Wohlbefinden seines Bruders war ihm schließlich wichtiger als alles andere und schließlich sprachen sie miteinander sonst auch über alles.
„Habe ich nicht…“, gab er stattdessen zur Antwort und dann schlich sich doch noch ein kurzes Schmunzeln ein, „Ich glaube Greg hätte mich gehauen, wenn ich es auch nur versucht hätte.“
Doch schon allzu bald wurde er wieder ernst, druckste herum und traute sich nicht so recht an die nächste Frage, welche ihm auf der Zunge lag. Desto weiter sie das Thema vertieften, umso mehr fürchtete er sich vor der alles zerschmetternden Antwort, die ihn von seinem Bruder würde distanzieren können. „Hättest du Becky gerne geküsst? Oder eine andere, Dorian … gibt es eine andere?“
Diesmal traute er sich nicht einmal aufzusehen, so dass auch die folgenden, ins Kissen genuschelten Worte nur schwer zu verstehen waren. „Ich nicht, ich möchte nicht… keine Ahnung, was die anderen daran so toll finden, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen, weder mit Becky noch mit irgendeiner anderen…“
Und er spürte, dass es diesmal nicht nur an seiner schüchternen Seite lag oder an der Angst zu versagen. Raphael empfand schlicht und ergreifend kein Interesse für all diese Mädchen. Sie waren nett, doch mehr auch nicht, seine restlichen Freunde wiederrum mochte er auf eine vollkommen andere, unromantische Weise und was brauchte er schon mehr, wenn er Dorian hatte?
Der ihm wichtigste Mensch lag bereits bei ihm, nah genug, dass sie denselben Atem teilten und in seinem verschlafenen Hirn manifestierte sich verwirrend langsam, mit einer sanften Spur der Neugierde Begleitet die Vorstellung, wie es wohl wäre seinen Bruder zu küssen.
Nein, kein Ekel, keine Unsicherheit, keine Scheu – es wäre das natürlichste, was er sich denken konnte. Und doch wurde der Gedanke von einem aufgeregten Kribbeln begleitet, das seinen Rücken wie ein warmer Schauer hinunter glitt und sich bis in seine Fingerspitzen ausbreitete. Es juckte ihn Dorians vertrautes Gesicht zu berühren, aber er wiederstand dem Drang und genoss stattdessen die flirrende Aufregung, die Unruhe ungenutzter Möglichkeiten, die ihm mit einem Mal in den Knochen saß.

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BeitragThema: Re: Stay with me   Fr 29 Mai 2015 - 22:44

Es wäre gelogen gewesen, zu behaupten, dass Dorian in dem Moment kein Stein vom Herzen gefallen wäre. Sein unwesentlich jüngerer Bruder hatte ihm also nichts voraus. Puh. In Ordnung! Das unbeschwerte morgendliche Lächeln fiel doch schon gleich wieder viel leichter!
"Nein, ich ... mag Becky nicht auf diese Weise.", zerstreute er die Sorge seines Bruders schlicht in einem Satz, wobei die nächsten Worte seines Bruders sein Lächeln fortzuwischen vermochten, wie nichts anderes. Das hatte er nun auch wieder nicht erwartet. Er wollte es gar nicht? Er war kein bisschen neugierig, wie es sein musste? Dieser total intime Moment zwischen zwei Menschen, das musste das Wundervollste sein! Etwas besonderes, das es kein zweites Mal gab. Der erste richtige Kuss.
"Ich kanns mir auch nicht vorstellen... aber trotzdem, ich meine..."
Okay, jetzt wurde er rot. Bei sowas konnte er sich nicht sonderlich gut ausdrücken. Nervös nestelte er an der Bettwäsche herum und spürte, wie das Blut ihm in die Wangen schoss und alles nur noch verschlimmerte.
"Ich... bin so gespannt, Raphael! Bist du denn gar nicht... gespannt, wie es sein muss?"
Bereitwillig ließ er seinen Blick von dem seines Bruders gefangen nehmen, sich fesseln von den noch glasigen, grauen Augen, die ein Ebenbild seiner eigenen waren, die sich auch in seinen spiegelten und mit einem Mal fiel die Nervosität von ihm ab und alles scheinbar so komplizierte sank auf einen so einfachen Level herunter, dass eine Überforderung beinahe unmöglich gemacht wurde. Beinahe ein wenig erleichtert lächelte er. Es kam oft vor, dass er sich von jetzt auf gleich beruhigen konnte, wenn sein Bruder in Sichtkontakt war. Raphael war ein solcher Ruhepol, man hatte manchmal das Gefühl, in seiner Anwesenheit gar nicht unruhig sein zu können.
"Schließ die Augen und stells dir vor.", forderte er ihn auf, "Hast du das etwa noch nie gemacht? Dir vorgestellt, wie es sein muss, jemanden zu küssen? Richtig zu küssen?"
Ein leises Lachen, zu entspannt für ein Kichern, erfüllte kurzzeitig den Raum und Dorian schloss die Augen, vielleicht, weil er versuchte, sich vorzustellen, wie er Vicky McLarren küsste, vielleicht auch nur, weil er müde war.
"Ich weiß nicht, wie du das nicht möchten kannst. Es muss die schönste Sache der Welt sein..."
Das Lachen verklang und seine Gesichtszüge entspannten sich erneut, ehe er die Augen wieder aufschlug. Seine Hand wanderte zu der Wange seines Bruders, strich erneut über seine so wunderbar weiche, warme Haut während er mit einem Mal vollkommen vergaß, dass sie viel zu spät zur Schule kommen würden.
"Du musst es mir gleich erzählen, wenn du deinen ersten Kuss gehabt hast. Und dann werde ich dir sagen: ich habe es dir doch gesagt!, weil du absolut begeistert und schrecklich glücklich sein wirst. Du weißt, dass ich Recht habe, Raphael."
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 30 Mai 2015 - 16:51

Natürlich hatte er es sich schon einmal vorgestellt. Oder nein, viel eher hatte Raphael versucht es sich vorzustellen, ohne damit jemals wirklich erfolgreich gewesen zu sein – vor seinem inneren Auge erschien einfach nie ein solch traumhafter Moment, wie jener, von dem sein Bruder gerade schwärmte. Doch da die Müdigkeit ihm ohnehin noch in den Knochen saß und Dorian mehr als angetan von seinen kleinen Träumereien schien, schloss sein Zwilling auf seine Aufforderung hin folgsam die Augen, atmete tief durch und versuchte ein Bild von seinem ersten Kuss herauf zu beschwören.
Bis auf das leise Lachen seines Bruders war es still und mit einem Mal schien der Gedanke gar nicht mehr so abwegig, nein viel eher war es das einzig richtige. Er spürte wie zärtliche Finger seine Wange streichelten und sein Blick begegnete der vertrauten Farbe von sonnengewärmtem Stein und schweren Regenwolken, während der Luftzug regelmäßigen Atems über seine Haut strich und der Moment ihn einlullte. Wie aus einem Instinkt heraus rückte er näher an ihn heran, bis sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten und sein Arm sich unter der Daunendecke hervor hinüber stehlen konnte, um sich schützend um seinen Bruder zu legen. Mittlerweile war es beinahe unerträglich warm, ihre beiden Körper so nahe beieinander und die Spannung, welche sich in ihm staute. Doch Dorian war ruhig und geduldig, er wartete einfach nur ab und in Raphaels Gesicht lag nicht die Spur von Angst, nein nicht einmal mehr Aufregung, sondern lediglich blindes, allumfassendes Vertrauen und Liebe zu seinem Zwilling, als er die letzte Distanz überwand und diesen vorsichtig küsste.
Dann schlug er die Augen wieder auf, blinzelte verwirrt zu Dorian hinüber, der nach wie vor auf seinem Kissen, direkt neben ihm lag und ihn abwartend ansah. Keiner der beiden hatte sich bewegt und Raphael begriff langsam, dass nichts von dem eben Geschehenen Wirklichkeit war. Der Schlaf hatte ihn für Sekunden wieder eingeholt und sich seiner Sinne bemächtigt, hatte mit seinen Hoffnungen gespielt und ihm vorgegaukelt sie könnten in Erfüllung gehen, nur um ihn dann verloren zurück zu lassen, mit diesem seltsamen Gefühl von Enttäuschung in der Brust.
Er wollte es, er wollte es wirklich. Raphael wünschte sich sehnlichst, dass sein Minutentraum real sein möge und sein Herz verkrampfte sich, als er dem neugierigen Blick seines Bruders begegnete. Dieser wollte nun natürlich wissen, was er hinter geschlossenen Augen gesehen hatte und vielleicht auch wen. Doch er konnte es ihm nicht sagen. Nicht, weil er wusste wie falsch dieses Verlangen war, sondern weil er fürchtete zurück gewiesen zu werden oder Dorian durch diese Idee in Verlegenheit zu bringen, da er doch sonst auch alles für ihn tat. Er wollte ihn nicht zwingen, nicht auf diese Weise.
„Wen siehst du vor dir, wenn du es dir vorstellst?“, erkundigte er sich stattdessen, um einen munteren, interessierten Tonfall bemüht, gab es jedoch sogleich wieder auf und verstummte. Wollte er das wirklich wissen? Im Grunde vermutlich nicht, er wollte nicht hören, dass es für Dorian irgendjemand anderen gab. Und ehe er es sich anders überlegen konnte, war ihm seine zweite, die eigentliche, die wirklich wichtige Frage bereits heraus gerutscht – und kaum, dass er sie gestellt hatte, fühlte er sich anstelle von beschämt seltsam befreit.
„Dorian … willst du, ich meine würdest du … würdest du, wenn du willst, ehm mich küssen?“
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BeitragThema: Re: Stay with me   Sa 30 Mai 2015 - 19:07

Er beobachtete seinen Bruder, während dieser seinem Vorschlag nachkam, die Augen schloss und für einen Moment so erschien, als würde er erneut träumen. Er kannte Raphaels Gesichtsausdruck, wenn er träumte, das hatte er schon zu oft gesehen, da sein Bruder die niedliche Eigenschaft hatte, an jedem nur erdenklichen Ort jederzeit einschlafen zu können, sei es nun in der Schule, im Bus, im Auto oder auch einfach mitten im Gespräch mit einem anderen an der Stelle, wo man wohl die meiste Zeit seines Lebens schlief. Grade schien es wirklich, als wäre er erneut eingeschlafen. Mitten im Gespräch. Aber wie könnte er es ihm übel nehmen, wenn er dabei so unsagbar niedlich aussah, sein kleiner Bruder? Wie man sich Engel vorstellte. Früher hatte er das oft gedacht: Dass Raphael eigentlich sein Schutzengel war und nicht bloß ein Mensch. Er war so viel besser als jeden, den er sonst kannte...
Still beobachtete er die Mimik seine Bruders und wurde sich wenig später klar, dass er doch nicht wieder eingeschlafen war sondern lediglich seiner eigenen Bitte nach kam, sich einen Kuss vorzustellen. Was gäbe er in dem Moment darum, in seinen Kopf hinein sehen zu können, es interessierte ihn über die Maßen, was dort grade von statten ging, denn sein Bruder schien auf seine eigenen Vorstellungen selbst recht heftig zu reagieren, ehe er die Augen wieder aufschlug und ihn im ersten Moment regelrecht niedergeschmettert anschaute, als sei er ernsthaft traurig, dass der Traum ein solch jähes Ende gefunden hatte.
"Na, war es so gut..?"
Doch anstatt die Neugierde seines Bruders zu befriedigen, zog es Raphael vor, eine Gegenfrage zu stellen. Dorian wusste auf diese allerdings spontan gar keine Antwort. Er stellte sich keine konkrete Person vor, ehrlich gesagt fand er den Gedanken daran nicht sonderlich reizvoll, mit Lippen und Zunge eines Mädchens in Kontakt zu kommen, die vorher schon mit so widerlichen, dafür aber umso beliebteren Typen wie zum Beispiel Tobi dem Grobian und noch Gott weiß wem noch in Kontakt gekommen waren. Die Vorstellung von Tobis Speichel schreckte da ein wenig ab wenn er ehrlich war.
Das folgende Herumgestottere seines Bruders brachte ihn zum zweiten Mal an diesem Morgen zum Lachen, nicht zuletzt, da er ihn kolossal missverstand.
"Du meinst, wenn ich ein Mädchen wäre? Raphael, mit dir stimmt doch alles, du bist der tollste Mensch, den ich kenne, selbstverständlich würde ich..."
Die Art, wie sein Bruder errötete und rasch den Blick abwandte, war Indiz genug für ihn dafür, dass er irgendwas falsch interpretiert hatte, denn eine solche Reaktion kam bei Menschen, die sich meist ohne Worte verstanden, eher selten vor. Als er sich die Worte seines Bruders nochmal durch den Kopf gehen ließ und es plötzlich "klick" bei ihm machte, sah er seinen Bruder zunächst völlig verwundert an, einfach weil er sich nicht erklären konnte, wie sein Bruder auf eine solche Idee kam, sicherlich nicht, weil er abgestoßen von der Idee gewesen wäre. Der Gedanke daran, seinen Bruder zu küssen - also: Richtig. Auf den Mund - kam ihm nicht mal abwegig vor, bloß wäre er nie im Leben auf den Gedanken gekommen und es überraschte ihn sehr, dass das bei Raphael der Fall gewesen war.
Jetzt, wo er mit dem Gedanken spielte, kam es ihm allerdings durch und durch wie ein sehr guter Plan vor, diese erste Erfahrung mit der Liebe miteinander zu teilen, er hatte absolut nichts dagegen und so hob er das Kinn seines Bruders so an, dass ihre Gesichter sich wieder gegenüber lagen, während er noch ein winzig kleines Stückchen weiter zu ihm herüber krabbelte und dann seine Lippen auf die seines kleinen Bruders legte, als hätte es nie etwas Unschuldigeres oder Selbstverständlicheres gegeben, als ihn zu küssen...
"Wenn ihr jetzt nicht aufsteht, werdet ihr zu spät kommen, ich hab damit gerechnet, dass ihr schon längst aus dem Haus seid!" ...während sich die Tür öffnete und sie von einem lauten Scheppern und Klirren wieder auseinander gerissen wurden. Er fuhr auf und herum, wobei er direkt ins Gesicht seiner Mutter schaute, die ihrerseits ungläubig auf die Stelle starrte, wo sie sich eben noch geküsst haben mussten, während sich auf dem Boden und einem Tablett mit Glas- und Porzellanscherben Kaffee und Orangensaft vermischten. Sie war auf dem Weg zur Arbeit nochmal umgekehrt, weil sie etwas vergessen hatte.
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 31 Mai 2015 - 13:18

Nach der langen, von Tränen und Geschrei immer wieder unterbrochenen Predigt ihrer Mutter, würden sie nun definitiv zu spät zur Schule kommen. Und trotzdem fühlte Raphael sich nicht sonderlich schuldig, als er nun doch alleine unter der Dusche stand, das halbwarme Wassergeplätscher auszublenden versuchte und mit geschlossenen Augen zurück an den tatsächlichen Kuss mit Dorian dachte. Lange war er nicht gewesen, doch dafür real, sein Bruder hatte ihn, und nur ihn, wirklich geküsst.
Jetzt stand er keine zwei Meter von ihm entfernt, auf der anderen Seite des Duschvorhangs und putzte sich die Zähne. Nur wiederwillig hatte Lynette Maynard ihre beiden Söhne überhaupt gemeinsam ins Badezimmer gelassen, doch letzten Endes war es der einzige Weg, damit die beiden überhaupt noch fertig werden würden und sie hatte darauf bestanden, dass die Tür offen blieb. Seitdem hatte sie alle drei Minuten kontrolliert, ob sie sich auch ja nicht zu nahe kamen und sich fast jedes Mal theatralisch eine unsichtbare Träne aus dem Augenwinkel gewischt. Raphael tat es leid, sie so enttäuscht zu haben, doch konnte er ihre Reaktion nicht verstehen. Er und Dorian waren doch schon immer zusammen gewesen, hatten alles zusammen machen dürfen und nun wollte man sie voneinander abhalten – warum?
Irgendwo am Rande seiner Gedanken störte schließlich das unerwartete Geräusch der Haustür die leise ins Schloss fiel, seine Überlegungen. Ihre Mutter war zur Arbeit gegangen. Kaum zu glauben, schließlich hatte sie mit Argusaugen über ihre beiden Söhne gewacht, doch wie er wusste konnte auch sie sich keine großen Verspätungen leisten und erneut überfiel ihn die Spannung ungeahnter Möglichkeiten. Ein Kribbeln von den Sohlen bis zum Kopf, das nichts mit dem Wasser zu tun hatte, das mittlerweile sicherlich schon seit einiger Zeit unbeachtet vor sich hin rieselte. Schließlich spähte er vorsichtig um die Ecke des Vorhangs, hinüber zu seinem Zwilling, der sich mit dem Rücken zu ihm gewandt gerade über das kleine Waschbecken beugte und sich an einer Katzenwäsche versuchte. Als er sich wieder aufrichtete begegneten sich ihre Blicke im Spiegel und mit etwas Verzögerung sprang Raphaels einladendes Lächeln auch auf das Gesicht seines Bruders über.


„Komm, es hat Platz für zwei…“, versicherte er Dorian, als dieser einen Moment zögerte, ehe er sich bereitwillig hinüber ziehen ließ.  Kurz darauf war seine ordentliche Frisur nichts weiter als ein Schopf nasser Haare und er glich seinem Zwillingsbruder wieder wie ein Ei dem anderen, nur dass dieser sich gerade schwer atmend an die hinteren Fliesen drückte, die Wangen leicht gerötet und einem verheißungs- oder wohl eher verhängnisvollen Glanz in den Augen. Raphael war das große Haus seines Bruders zunächst sehr kalt, sehr fremd vorgekommen, doch mittlerweile wusste er es nicht nur als Ersatz für ein billiges Hotel zu schätzen, sondern verstand sehr gut wozu beispielsweise das riesige Badezimmer unter anderem auch noch zu gebrauchen war. Immerhin passten zwei erwachsene Männer in die Duschkabine und dazu mussten sie sich nicht einmal so platzsparend verhalten wie sie es gerade taten.
Letztlich hatten sie beide nicht mehr sonderlich lang an sich halten können und es wäre gelogen zu behaupten, dass es Raphael nicht gefiel von seinem älteren Bruder an die Wand gepinnt und geküsst zu werden. Und nicht nur irgendwie geküsst, sondern so geküsst – so, dass ihm die Knie selbst jetzt noch ganz weich wurden, so dass er ihm den Atem nahm, so dass er spürte wie sehr er ihn wollte und ihre Gefühle verschmolzen.
Schon seit mehreren Wochen ging es so. Er lebte als ein verheirateter Mann und doch war Dorians Haus sein steter Zufluchtsort, sein kleines Paradies auf Erden und die gemeinsamen Stunden das einzige, was ihn am Laufen hielt, wenn sein restliches Leben ihn überforderte. Er hätte sich schuldig fühlen müssen, doch ging es ihm gerade jetzt besser denn je, als wäre er für ein solches Doppelleben geboren. Doch wusste er auch, wie sehr es das Wissen ihn mit Catherine teilen zu müssen, seinem Bruder zusetzte und vielleicht versuchte er sich in Momenten wie diesem ein klein wenig dafür zu entschuldigen, ehe er auch das vergaß und nur noch sie beide übrig blieben.  Dorian, der sich gerade zu seinem Hals hinunter knabberte und er, Raphael, an ihn gekrallt, als drohte er unter der Dusche zu ertrinken, während seinen Lippen glücklich ein leises Seufzen entwich.
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 31 Mai 2015 - 23:04

Es war ihm wirklich durchaus bewusst, dass in seine Duschkabine mehr als eine Person passte. Das hatte er vor dem Umbau des Bades genau so geplant. Er war eher der Dusch-Typ. Von Badewannen und Schaumbädern mit Kerzen und Champagner hielt er nun wirklich nichts, auch, wenn der Gedanke daran, sich in der Wanne zu betrinken, etwas für sich hatte, was allerdings wohl eher auf dem Sich-Betrinken als der Wanne geschuldet war. Allerdings mochte er es wirklich lieber, stundenlang unter der Regendusche zu stehen, deren außergewöhnlich breiter Brausekopf sich quasi über die gesamte Decke der vollkommen gläsernen Duschkabine erstreckte, als sich mal am Ende eines anstrengenden Tages in eine heiße Wanne zu legen. Es entspannte ihn mehr. Achja: Und was der entscheidendste Vorteil einer großen Dusche war, zeigte sich grade, nicht wahr?
Er hatte nicht mal wirklich gezögert, bloß einen Moment inne halten müssen, ein ganz kleines bisschen überwältigt von seinem eigenen Glück, zu seinem ein und alles hinüber schauend. Nie im Leben hätte er gedacht, dass das so gut klappen würde. Sie sahen sich durchschnittlich drei Mal die Woche, was hieß, dass er zwar ab und zu zwei Tage ohne ihn aushalten musste, allerdings konnte er sich wirklich nicht beschweren, er war verdammt dankbar für jede Sekunde zwischen dem Klingeln seiner Haustüre, wenn sein Bruder davor stand und dem Moment, wenn er sich mit einem langen Kuss von ihm verabschiedete, von dem er dann ziemlich lange zehren musste, allerdings oftmals noch stundenlang so etwas ähnliches wie high war. Freunde und Angestellte in der Firma bemerkten ebenfalls, dass Mr. Maynard sich irgendwie verändert hatte, bei Lavern hatte er beinahe das Gefühl, die versuche, ihn im Rahmen ihrer Möglichkeiten als seine Sekretärin auszuspionieren, da sie den Verdacht hegen musste, er habe eine Affäre und sie der vermeidlichen Nebenbuhlerin wohl gern höchstpersönlich den Hals umdrehen würde. Wenn sie nur wüsste, wie falsch sie lag. Wie ganz und gar ironisch! Allerdings musste er wirklich sagen: Er war glücklich. Wahnsinnig und ehrlich glücklich. Und das musste man wohl auch an seiner neuen Ausstrahlung merken. Er rauchte und trank kaum noch, achtete wieder mehr auf sich selbst, ging wieder regelmäßiger laufen, hatte sogar einen Kochkurs mitgemacht und das alles, ohne in der Firma an Produktivität abzunehmen, eher im Gegenteil. Und das alles nur dank dieses Mannes - seines Bruders - von dem er sich nur zu bereitwillig in die Dusche zerren ließ.
"Wie lange hast du heute Zeit?", erkundigte er sich raunend, nachdem er seine Lippen von denen Raphaels gelöst hatte und gemeinerweise wenig später bereits dafür sorgte, dass dieser wenn schon dann nur noch mit einem leisen Seufzen antworten konnte, da sie seinen Oberkörper entlang nach unten wanderten.
"Verstehe..."
Kurz bevor er sein vermeidliches, schon jetzt deutlich vom Normalzustand abweichendes (oder eher -stehendes) Ziel erreicht hatte, richtete er sich wieder auf, schaute seinen Gegenüber mit einem, beinahe schon gierigen, Blick an, ehe seine Zunge sich kurze Zeit später auch schon wieder hinter den leicht geöffneten Lippen des anderen befand und seine Hände von Raphaels Hüften zu seinem Arsch gewandert waren.
"Soll ich dir das geben, was sie dir nicht geben kann..?"
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 1 Jun 2015 - 0:13

Raphael runzelte die Stirn, lehnte sich ein kleines Stück zurück – zumindest soweit es die Situation zuließ – und versuchte seinen Bruder strafend anzusehen, was jedoch nur mäßig klappte, da in seinen Augen die Antwort auf seine Frage beinahe schon wortwörtlich zu lesen war. Trotzdem versteifte er sich für einen kleinen Augenblick, wollte schon von ihm ablassen, überlegte es sich dann jedoch anders und entschied sich für einen mahnenden kleinen Biss in die Unterlippe, der seine Wirkung allerdings minimal verfehlte, da von seinem Bruder nur ein knappes Keuchen zu hören war.
„Nicht… über sie… reden“, überwand er sich schließlich doch noch dazu zu sprechen und auch wenn die Worte mehr gewispert als geknurrt klangen, kam die Botschaft doch unmissverständlich an.
Er mochte es nicht, wenn Dorian Cat erwähnte, nicht hier in ihrem geschützten kleinen Paradies. Er fürchtete noch immer der Gedanke an sie könnte Schuldgefühle wecken und wenn nicht, bekam er ein schlechtes Gewissen, da er eigentlich welche haben sollte – doch da war nichts. Er war glücklich mit ihr und sie war, allem Anschein nach, auch glücklich mit ihrem Ehemann. Sie taten, was man als frisch verheiratetes Paar eben tut, gingen gemeinsam aus, ins Lokal, Kino, Tanzveranstaltungen, sie sahen sich gemeinsam Filme an, schliefen aneinander gekuschelt auf der Couch ein und räumten das Popcorn am nächsten Tag gemeinsam weg. Sie waren zusammen, nach wie vor und auch wenn er wusste, dass die Sache mit seinem Bruder einfach nicht richtig sein konnte, so blieb ihm doch nichts anderes übrig als weiter zu machen.
Denn da gab es noch die Tage, an denen nicht seine Frau sondern Dorian im Theater auftauchte um ihn nach einer Probe abzuholen, die Abende da sie zusammen im angrenzenden Ort italienisch Essen gingen, damit sie sonst keiner sah, nur um dann bereits auf dem Parkplatz im Auto beinahe übereinander herzufallen, da sie es nicht lassen konnten sich gegenseitig beim Essen bereits mit Blicken auszuziehen. Denn jedem wurde spätestens auf den zweiten Blick klar, dass sie Brüder waren, weshalb sie auch in der Öffentlichkeit vorsichtig sein mussten – nicht aber hier, nicht hier in Dorians Haus und schon gar nicht unter seiner Dusche.
Deswegen waren Raphael auch jene Feierabende am liebsten, die er nach der Arbeit direkt bei seinem Zwilling verbringen konnte, während seine Frau froh war, etwas Zeit für sich, ihre Bücher, Kunst oder Fernsehserien zu haben. An solchen Tagen machte er Überstunden, ging er mit seinen Freunden abends noch einen trinken, wenn er länger Zeit wollte, war verabredet um sich Football oder Hockey anzusehen oder war auf einem Angelausflug – welch Ironie, dass sie ihn erst vor kurzem gezwungen hatte mit ihr Brokeback Mountain anzusehen.
Und dann war er hier, nicht gerade der Ort, an den ein ehrlicher Ehemann gehörte, aber der einzige, der es ihm erlaubte, wirklich und wahrhaftig er selbst zu sein.
Schließlich lag es nicht an dem glatten Boden, dass seine Füße unwillkürlich ein Stück auseinander rutschten, bis er das eine Bein schließlich um Dorians Hüfte schlang und er seine Finger grob in seine dunklen Haare krallte. Nein, er wollte ihn und gewissermaßen hatte er schließlich nicht Unrecht, dass es gewisse Dinge gab, die seine Frau ihm niemals würde geben können. Nur gehörte sie nicht mit hierher, hier wo es nur Dorian und Raphael gab und sonst nichts. Gar nichts.
„Manchester spielt um … oh Gott“, am liebsten hätte er den Kopf genießerisch in den Nacken sinken lassen, doch die Wand hinderte ihn daran, weshalb er schließlich auf der Schulter seines Zwillings landete, beinah wie ein Kind an dessen Halsbeuge geschmiegt und der Mund nah an seinem Ohr.
„Sie spielen … um halb acht, wenn sie gewinnen …geht’s noch in die Kneipe... also – oh fuck Dorian! – drück lieber die Daumen“, erklärte er mühsam auf seine Worte konzentriert, wieder und wieder unterbrochen, wann immer er selbst heftig nach Luft schnappen musste. Sein Gegenüber wusste wie man ihn reizen konnte, hatte geschickte Finger und kannte seinen Körper so gut wie den eigenen, was jedoch keinesfalls hieß, dass ihnen je langweilig wurde. Im Gegenteil, allein schon ihm so nahe zu sein war eine bittersüße Qual, die er mit Freuden bis in alle Ewigkeiten ertragen würde, hätte er nicht noch weitaus besseres zu bieten gehabt.
Wieder landeten ihre Lippen aufeinander und beinahe gingen der nächste Satz irgendwo zwischen ihren Zungen verloren.
„Verdammt…Dorian, nimm mich.“
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 1 Jun 2015 - 23:15

Tss. Er sollte also nicht über die Frau seines Bruders sprechen, hm? Wie klassisch, natürlich wollte er grade nicht an die Person denken, die seinen Ehering trug. Was lag da näher, als sich selbst wie das letzte Flittchen zu betrachten, dass sich in seiner Verzweiflung verheirateten Kerlen an den Hals schmiss, wieso um Gottes Willen hatte er sie denn heiraten müssen? Innerlich beinahe ein wenig angesäuert zwang sich Dorian, seine Gedanken auf der Stelle zu verbannen und auch psychisch wieder zu Raphael in die Dusche zu steigen, was er grade nur zu gern tat und wobei ihm auch gleich ein amüsiertes Lächeln durchs Gesicht rutschte.
"Na wer zwingt dich denn dazu, ein Fußballspiel anzusehen? Auf mich kannst du zählen, ich halte die Schaumstoff-#1-Riesenfinger bereit... oh warte: Sie weiß nicht mal, dass du kein Fußball magst? Wirklich?"
Er löste sich kurz von ihm um ihn einen ungläubigen, skeptischen Blick zu zuwerfen. Für ihn war es unbegreiflich, wie man so etwas nicht wissen konnte! Oberflächliche Schnepfe, kannte sie ihn überhaupt? Kein Wunder, dass sie ihn auf der Hochzeit mit seinem Bruder verwechselt hatte! Morgen würde sie hingehen und ihn mit John oder - Gott bewahre - mit Henry verwechseln! Was fand Raphael bloß an ihr?
"Sie spielen gegen Spanien, die haben glücklicherweise eine furchtbar schlechte Saison dieses Jahr... umdrehen!"
Ein wenig half er nach, wobei er sich leicht von hinten gegen seinen Bruder lehnte und seine Hände herunter bis auf dessen Hüften wandern ließ
"Was heißt, dass..."
Eine Hand glitt noch ein klein wenig weiter herunter und kurze Zeit später verschwanden zwei Finger in Raphael, woraufhin sich dessen Rücken zusehends durch bog und ein, vermutlich wegen Resten schwindenden Unmutes gegen ihn, unterdrücktes Stöhnen zwischen dem heißen Dampf der Dusche verklang.
"...wir uns ein wenig Zeit lassen können. Und wehe, du versuchst nochmal, leise zu sein, wir sind keine Teenager mehr, Raphael, ich will dich hören."
Wie, um seinen Worten nochmal Nachklang zu verleihen und das im wahrsten Sinne wurden seine beiden Finger daraufhin durch etwas ersetzt, was weit mehr Platz wegnahm und das nicht grade sanft oder feinfühlig, allerdings hatte Dorian mit der Zeit ein relativ genaues Gespür dafür entwickelt, wie Raphael es in unterschiedlichsten Stimmungslagen gern haben würde, laut der Reaktionen seines Bruders, und zwar allen, akustischen wie auch rein körperlichen, lag er mal wieder goldrichtig. In spätestens zwei Sekunden würde er nicht mehr wissen, wer Catherine war, würde man ihn fragen.
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 2 Jun 2015 - 21:08

Für einen kurzen Moment fühlte er den Drang Cat verteidigen zu wollen, seinem Bruder zu erklären, dass sie sehr wohl im Bilde über seine mangelnde Fußballbegeisterung war, allerdings dachte, dass er die Abende dennoch gerne mit seinen Freunden verbrachte und sie beide gefälligst froh über diese Einsicht zu sein hatten, aber der Moment zog vorüber und Catherine verschwand aus seinen Gedanken. Ihr Mann währenddessen lehnte mittlerweile, Hände und Oberkörper gegen die Wand gedrückt und leise stöhnend an den Fliesen. Er machte nicht gerade den gesprächigsten Eindruck und alles was er zu Stande brachte war ein wütender Blick über die Schulter, ehe sich sein Rücken wie von selbst durchbog und die Reste seines Zorns irgendwo in seiner Lust verschwanden. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt seinem Bruder nach dieser Bemerkung so leichtes Spiel zu lassen, Dorian jedoch konnte er sich nicht so einfach entziehen und letzten Endes war  es so gut wie unmöglich überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen, während sein Körper ihn schon vor einer ganzen Ewigkeit verraten hatte. Und schließlich tat Raphael sich den Gefallen und ließ los, versuchte sich nicht länger an die Wirklichkeit oder jene Fragen nach Richtig und nach Falsch zu klammern, sondern versank im Augenblick und nahm selbst nur noch am Rande war, wie auch sein Stöhnen wieder lauter wurde. Es war ihm ganz gleich, Dorian hatte schließlich Recht und wenn ihm gefiel was er hörte, auch gut – er durfte jetzt nur nicht aufhören.
Beinahe rutschte Raphael aus, als er schließlich mit der einen Hand hinter sich griff und seinen Bruder im Nacken zu sich nach vorn zog, wobei er selbst den Hals soweit es ging verrenken musste, um ihn erneut küssen zu können. Alles andere als zärtlich – hungrig, ja beinahe verzweifelt – nahm er dessen Lippen in Besitz, während sein vom Wasserdampf verschleierter Blick immer wieder versuche dem hinter sich zu begegnen. Und sobald er durch die prasselnden Tropfen hindurch wieder Sturmgrau sah, hielt er es nicht länger aus – Raphael kam mit einem erstickten Geräusch, halb ein dumpfer Schrei und halb Seufzer der Erleichterung, ehe er an seinen Bruder gelehnt, fast schon schutzsuchend ein wenig zusammen sackte.
„Gib mir...nur einen Moment“ - geflüsterte Worte die im Rauschen der Dusche erstickten.
Nicht immer trieben sie es so hart, dass es auf andere beinahe rücksichtlos gewirkt hätte, doch von Zeit zu Zeit hatte er keine Nerven für Zärtlichkeiten im Bett, die ihn daran erinnert hätten, wen er eigentlich im Arm halten sollte. Manchmal brauchte er es einfach nur um zu vergessen,  kalt und schnell, so dass er sich fast schon dafür hätte hassen können, wäre da nicht Dorian, der wie so oft hinter ihm stand und ihn hielt, wenn er sich fühlte, als müsse er jeden Moment zusammen brechen.
Und das war, was Cat ihm niemals wirklich würde geben können.
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Newa
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 2 Jun 2015 - 22:53

Zu dem, beinahe schon lechzenden, Kuss ließ Dorian sich nur zu gern einladen, auch, wenn es sich dabei eher um ein, von regelmäßigen Stöhnen und Keuchen unterbrochenes, eher unkontrolliertes Rumgemache handelte, schließlich war hier seit einiger Zeit keiner mehr wirklich geistig daheim, zumindest galt das für den unwesentlich Älteren. Hinter den halb geschlossenen Lidern explodierten Galaxien von Sternen während sie beide mit hoher Geschwindigkeit auf das Grande Finale zusegelten in seiner übergroßen, noch immer laufenden Dusche, deren Wasser sich auf seiner Haut abwechselnd wärmer und kälter anfühlte als es eigentlich war. Einer seiner Arme lag um den Oberkörper Raphaels gelegt und bemühte sich, ihn noch näher an sich zu ziehen, als momentan schon der Fall war, was eigentlich schwer möglich war, während der andere sich zwischen Raphaels Beine geschlichen hatte und diesen dort ein wenig und mit erstaunlicher Feinfühligkeit verwöhnte, wobei er an dem Gesamtbild, das er sich machen konnte, langsam bemerkte, dass der andere langsam sein Limit erreicht hatte. Ihm ging es nicht anders, was ihn andererseits kaum ärgerte, da er es liebte, wenn sie diesen Moment miteinander teilen konnten, so stieß er noch zwei Mal tief zu und erfüllte seinen Bruder kaum später mit einer Kleinigkeit mehr als seinem Schwanz, während Raphael regelrecht drohte, ihm zu kollabieren und er ihn nur geistesgegenwärtig halten konnte, während seine Stirn schwer atmend auf der Schulter seines Zwillings landete und er nach einer kurzen Weile des Ausharrend langsam und vorsichtig aus ihm heraus glitt, während er seinen Vordermann sorgsam zu sich umdrehte, die Arme um ihn legte und ihn erneut küsste, dieses Mal nicht halb so atemlos und mit der nötigen Ruhe.
"Ich liebe dich mehr als du dir vorstellen kannst."
Das war nicht untertrieben, auf keinen Fall. Er zumindest konnte es sich nicht vorstellen, dass sein Bruder in der Lage war, auszumessen, was er für ihn empfand. Das ging einfach nicht, er selbst konnte es nicht mal in Worte fassen, es würde nur einfach nie in seinem Leben jemand zweites geben, für den er derartig empfand und das konnte er mit Sicherheit sagen. Er wusste es einfach. Er würde nie hingehen und irgendein Mädchen heiraten, weil er sich einbildete, dass es neben Raphael noch jemand anderes geben würde. Nein, nie...
"Gehts wieder? Ist alles in Ordnung mit dir?"
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   Mo 22 Jun 2015 - 23:50

Bewegungslos und schwer lehnte er an seinem Bruder, spürte wie ihm der heftige Atem immer wieder aus den Lungen floh, wann immer er versuchte noch mehr Luft in seinen Körper zu pumpen und ließ sich schließlich widerstandslos von seinem unwesentlich älteren Abbild küssen. Er war erschöpft, doch anders als Raphael erwartet hatte, folgte dem heftigen, ja geradezu wütenden Drang nach Vergessen keine Reue. Im Gegenteil, mit einem Mal fühlte sich alles so viel einfacher und übersichtlicher an, sie beide waren nur zwei Männer die einander liebten und das war okay. Hier, an diesem Ort, gab es keine Catherine oder etwa ihre Eltern, die ihnen Vorwürfe machen konnten. Hier waren sie sicher und geboren und der warme Wasserdampf lullte ihn langsam ein, während der Schweiß, das Sperma und all die Probleme einfach im Abfluss verschwanden.
„Ich weiß“, formten seine Lippen schließlich schlicht und er nickte auf die Frage seines Zwillings hin, ehe er aufblickte. War es wirklich er selbst, was er da sah?
Aus dem grau der winzigen Spiegelbilder sah er sich selbst mit leuchtenden Augen, die nassen Haare wirr im Gesicht und glücklich. Garantiert nicht derselbe Kerl, dem er morgens beim Zähneputzen begegnete, der sich in Schaufenstern gespiegelt nach ihm umwandte oder abends müde neben der Garderobe stand. „Alles in Ordnung“, klang diesmal genau so, wie es auch klingen sollte und nicht nach einer albernen Lüge. Denn die Wahrheit war: Ihm ging es gut.
Müde, fertig, durchgenommen – merkwürdig, wie sehr er es vermisst hatte. Und wie heftig sein Brustkorb noch immer bebte, verstärkt durch das Lachen, welches ihm nun langsam, beinahe zaghaft entwich, ohne dass Raphael es wirklich verhindern konnte. „Du hattest Recht Bruderherz, wir sind wirklich keine Teenager mehr… ich bin komplett eingerostet.“
Doch gerade dieser Kommentar bewies das Gegenteil, denn auch wenn das was er tat, aus moralischer Sicht, auf wohl mehr als nur einer Ebene falsch war, so schien Dorian doch als einziger in der Lage zu sein, jene altbekannte Leichtigkeit in ihm zu entfachen. Komisch, dass das Leben gerade in schlimmsten Zeiten, doch beinahe wieder erträglich scheint – andererseits kannte man jene Redensarten doch auch schon: Grad wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein…
Wie auch immer, das hier war kein Lichtlein – die gemeinsame Zeit mit seinem Bruder brannte in ihm wie ein Fegefeuer, jeden vernünftigen Gedanken vernichtend, aber wärmend in der kalten Zeit. Und das war nicht nur jetzt, nachdem sie beide aus der Dusche gestiegen waren und nun fröstelnd nach ihren Handtüchern griffen, um sich daraufhin – ganz wie in alten Zeiten – gegenseitig abzutrocknen, sondern vor allem in jenen Nächten die er zweifelnd neben seiner Ehefrau verbrachte, hin und her gerissen zwischen gut und richtig. Normen, nach denen er einst versucht hatte zu leben, doch jetzt – „Essen? Wie ich dich kenne hast du schon seit Ewigkeiten nichts ordentlich Gekochtes zu dir genommen, ich kann uns gern was machen.“
War es denn wirklich so verwerflich, diese Zeit mit seinem Zwilling zu verbringen?
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BeitragThema: Re: Stay with me   So 12 Jul 2015 - 23:35

Soso, ein weiteres Indiz für Catherines qualitative Hochwertigkeit: Raphael war eingerostet. Er war in der Zeit nach seiner Hochzeit eingerostet. Dorian sparte sich den Kommentar, er war sich durchaus bewusst, dass das Gehirn seines Bruder postkoital sehr viel leistungsstärker war und dass er ihm einen weiteren Kommentar zum Thema deine Frau ist eine miese Hexe, die es nicht bringt übel nehmen und im schlimmsten Fall verschwinden würde.
"Ich habe in der Tat ab und an mal Recht... und immer wieder sind alle überrascht.", antwortete er stattdessen nur und bedachte so ziemlich jeden Quadratzentimeter seines Bruders, den er soeben mehr trockentupfte als wirklich abzutrocknen mit einem zärtlichen Kuss auf die, sowohl durch das Duschwasser als auch durch die Innere Wärme, aufgehitzte Haut, während immer und immer mal wieder kalte Tropfen aus seinem eigenen oder dem Haar seines Bruders auf diesen niedergingen und sein Werk wieder zunichte machten. Es war grade so schön, so perfekt. Er wollte sich nur noch im Moment verlieren und nie wieder zurück finden. Sowas wie Nirwana nur mit Raphael. Würde ihm jemand ein Koma mit diesem Ergebnis garantieren oder aber, dass das Jenseits genau so aussah, würde er sein Auto ohne zu zögern mit hundert Sachen um den nächsten Baum wickeln, der stabil genug aussah.
Als sein Bruder das mit dem Essen vorschlug, hob er den Kopf und sah ihn auf die Weise an, wie vermutlich jeder Mensch angeschaut werden wollte. Als wäre er die Summe der Dinge, für die es sich zu Leben lohnt, die einen antreibt, für die man einfach alles tun würde, den man bedingungslos liebte und immer lieben würde, egal, was passieren würde.
"Ich hab absolut nichts im Haus außer Cornflakes und ... Schokoreiswaffeln. Ich trau es dir absolut zu, dass du daraus auf deine wundersame Art ein Dinner zauberst, für das man im Restaurant 80 Dollar zahlen würde, aber ich glaube, wenn du was kochen willst, gehen wir lieber einkaufen."
Er drückte ihm einen weichen Kuss auf die Schläfe und stand auf.
"Tut mir leid, ich dachte, wir bestellen uns was... ich finds aber schön, wenn du was kochen würdest."
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde er es in dem Moment auch schön finden, wenn Raphael in die Arktis segeln würde, nur um dort auf brutalste Art und Weise bedrohte Robbenbabies vor den Augen der Eltern zu töten, aber das sei mal dahin gestellt.
"Lass uns kurz in die Stadt fahren und Zeug holen. Weißt du, was du machen willst?"
Letztendlich beschlossen die beiden nichts Konkretes, entschieden sich dann erst im Supermarkt für ein Risotto und betranken sich im Endeffekt bereits beim Zubereiten des Reisgerichts schon so dermaßen mit billigem Weißwein, der, nebenbei erwähnt, eigentlich nur und ausschließlich fürs Ablöschen gedacht war, dass es bereits nach kürzester Zeit verräterisch albern wurde, Steinpilze durch die Gegend flogen, in Dorians Haaren landeten während dieser mal wieder damit beschäftigt war, an dem Arsch seines neuen Privatkochs herumzufummeln.
"Das riecht echt geil, das muss man dir lassen... ich stell dich fest ein, wenn du willst. Unterkunft und Verpflegung inklusive.", witzelte er, mittlerweile gegen seinen Bruder lehnend, beide Arme über dessen Schultern hängend und sich verzweifelt an sein Weinglas klammernd.
"Denk mal, wie schön das wäre. So wie früher. Nur du und ich.", murmelte Dorian. Abwesend. Mehr zu sich selbst, als würde er schlicht seine Gedanken laut aussprechen ohne die Absicht, dass ein anderer sie hört.
"Sie weiß nicht, was sie an dir hat, Raphael. Wäre ich an ihrer Stelle, ich würde dich nie mehr aus den Augen lassen... entschuldige."
Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Blick senkte sich auf die arbeitenden Hände seines Zwillings. Sie waren immer ehrlich zueinander gewesen. Grundehrlich. Klar, das hieß nicht, dass man sich gegenseitig nicht doch etwas verschweigen konnte aber selbst das hatten sie nie getan, sie hatten immer über alles reden können, ohne dass es ihm kurze Zeit, nachdem er es gesagt hatte, leid tun musste.
"Das sieht wirklich alles sehr gut aus. Wann bist du so ein guter Koch geworden?"
Damit löste er sich von ihm, legte ihm nochmal kurz die Hand auf die Schulter und verschwand dann ins Esszimmer, um den Tisch zu decken.
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Judas
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BeitragThema: Re: Stay with me   Di 14 Jul 2015 - 0:00

Raphael hatte schon von jeher ein Händchen für den Haushalt gehabt. Chaotisch zwar und durchaus auch mal unaufgeräumt, doch auf seltsame Art und Weise fand doch meist alles wie von Zauberhand seinen Platz in diesem großen System, in welchem schließlich alles kreiste, wie in einem kleinen, unübersichtlich geordnetem Universum. Einen Ableger davon fand sich nun hier in der Küche wieder – Gemüse geschnitten, Reis gekocht, Pfannen gerührt und ordentlich gewürzt wurde hier im friedlichen Einklang mit immer größer werdenden Schlucken Wein, während Dorian fleißig zu helfen versuchte. Irgendwann begannen dann zwar die einen oder anderen Pilze der Schwerkraft zum Trotze durch die Luft zu segeln, doch das sei nebensächlich, denn immerhin entstand hier gerade auf schnellstem Wege ein leckeres und durchaus genießbares Abendessen.
Dem leisen Kichern folgte lauteres Lachen und irgendwann merkte auch Raphael, wie seine Finger nicht mehr so recht gehorchen wollten, als er versuchte die letzten Blättchen Petersilie zu schneiden. Kaum merklich taumelnd schmiegte er sich jedoch auch sehr viel lieber an seinen Bruder, als dieser Arbeit ernstlich nachzugehen und als dieser begann von den guten, alten Zeiten zu sprechen, wie es der Alkohol nicht selten herausforderte, war der unwesentlich Jüngere der beiden kurz davor die Augen träumerisch zu schließen, so nahe fühlte er sich mit einem Mal seinem ehemaligen Ich.
Vielleicht lag es daran, dass der süßliche Wein ihn wieder tapsig und ungeschickt werden ließ, seine Gedanken jedoch umso übermütiger wurden oder einfach nur an der Tatsache, dass sie endlich wieder unbeschwert beieinander waren, umeinander herum stolpern, sich gegenseitig im Weg stehen konnten, nur um dann und wann wieder einen unbeholfen kurzen Kuss zu ergattern – das, und so viel mehr, was er schon längst für vergangen geglaubt hatte. Nur sie beide.
Doch dann rief sein Zwilling Catherine ins Bild, die sich wie eine ungeheuerlich grelle Farbe auf einem nächtlichen Gemälde in sein Bewusstsein drängte, was sich anfühlte als hätte man sein direktes Innerstes verbrannt. Die Schuld kam langsam, doch glühend wie eine Herdplatte und mit einem Mal war die angenehm angetrunkene Wärme in seiner Brust geradezu unerträglich – weg war die Leichtigkeit. Stattdessen merkte er selbst, wie er langsam sank, bis die Melancholie ihn umhüllte wie ein verräterisches Leichentuch aus schlechtem Gewissen. Die andere, die böse, unberechenbare Nebenwirkung von Alkohol.
Erst als ein stechender Geruch in seine Nase zog zuckte er wieder zusammen, griff schnell nach dem Kochlöffel und bemühte sich wieder klar im Kopf zu werden, ehe er den Kochtopf von der Platte nahm, ein letztes Mal mit Pfeffer und Salz abschmeckte und das ganze schließlich vorsichtig, weil immer noch ungeschickt, hinüber ins Esszimmer trug. „Fertig!“, verkündete er bemüht fröhlich und stellte die Mahlzeit auf einem der schicken Holzuntersetzter ab, die – wie beinahe alles in diesem Haus – ebenfalls so aussahen, als stammten sie von irgendeinem wahnsinnig exklusiven Designer. Bei ihm zu Hause hätten diese Teile verloren gewirkt, in dem kreativen Durcheinander, doch hier sah es gut aus, schick und irgendwie edel. Genau wie die Gläser, die Teller und auch Dorian. Diesem schenkte er nun ein aufrichtiges Lächeln, das gelang, auch wenn es schwer fiel, ehe er ihm so gut es ging versuchte die Portion hübsch anzurichten (schwierig, schwierig bei solch einer Reispampe) und sich danach neben ihm niederließ. „Das triste Los, wenn man sich als Student nicht nur von Ramen ernähren will. Guten Appetit Bruderherz, lass es dir schmecken.“




„Abendessen?“, die Stimme aus dem Hörer klang mehr als nur ein kleines bisschen skeptisch, was Catherine Paine ausgesprochen verstimmt zur Kenntnis nahm, allerdings auch weiterhin ihren bisher herzlichen Tonfall nicht verlor, während sie versuchte zu retten, was bei dieser Unterhaltung noch zu retten war. „Genau, ich hatte an ein gemütliches kleines Dinner gedacht, hier bei uns – als eine Art private Mini-Einweihung des Hauses, damit sich die Familien auch einmal außerhalb der festlichen Angelegenheiten kennenlernen können“, fuhr sie fort ihre neue Schwiegermutter zu überzeugen, deren Begeisterung jedoch nach wie vor zu wünschen übrig ließ.
„Schätzchen, ich bin mir nicht sicher ob deine Idee so gut ist, so sehr ich mich über die Einladung freue, doch die Woche ist auch noch Henry da und wie dachten…“, - „Bringen sie ihn einfach mit“, lautete die dezent barsche Bemerkung der seit kurzem verheirateten, jungen Frau daraufhin, auch wenn um ihre Mundwinkel nach wie vor ein kleines Lächeln spielte. Raphael hatte zwar gemeint, seine Familie sei kompliziert, doch damit gewiss übertrieben, denn schließlich ließ sich die gute Frau doch recht bald von der großartigen Einladung überzeugen. Gewiss brauchten sie lediglich ihre Zeit um miteinander warm zu werden, schließlich war ihr Ehemann doch aus ganz anderem Hause als sie, doch auf der Hochzeit hatten sie einen ganz netten Eindruck gemacht. Lynette und John und auch Dorian – den würde sie auch noch einladen, immerhin war er auch ein Familienmitglied, obgleich sein Verhalten kein allzu gutes Bild bei ihr hinterlassen hatte. Doch was tat dies schon zur Sache? Er war Raphaels Zwillingsbruder und ihm wichtig und das war in Cats Augen, alles was zählte.
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